348 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Perſonen und Waaren in verhältnißmäßig kurzer Zeit auf eine große Anhöhe und wieder herab zu transportiren.
2. Der Betrieb darf nicht gefahrvoll und nicht allzuſehr von der Witterung abhängig ſein.
3. Ordentliche Rentabilität.“
Wir unſererſeits wünſchen dem Erfinder, daß dieſe ſeine drei Theſen den erſehnten Erfolg erringen und wird dieß wohl auch der Wunſch eines Jeden ſein, der für gemeinnützige Zwecke Sinn hat. Solchen empfehlen wir zur näheren Verſtändigung Albrecht's Broſchüre:„Die Luftbahn auf den Rigi. Syſtem einer Kommunikation mit Höhen, mit Anwendung der Luftbal⸗ lone als Lokomotive. Mit 4 Tafeln. Winterthur, 1859. Stei⸗ ner'ſche Buchhandlung.“ Aus dieſer entnehmen wir des allge⸗ meinen Intereſſes wegen folgende ideale Schilderung einer auf projektirte Weiſe ausgeführten Luftfahrt:
„Der Ballon iſt gefüllt, circa 15 Perſonen ſteigen in die Gondel; das Gepäck derſelben wird aufgeladen. In den Waſ⸗ ſerbehälter wird ſo viel Waſſer eingelaſſen, bis der Ballon ge⸗ rade noch die nöthige Fahrſteigkraft beſitzt.— Fertig!— So weit die Bahn horizontal geht, wird das Fuhrwerk von der Hand in Bewegung geſetzt; jetzt beginnt ſie aber zu ſteigen. Langſam ſchwebt man aufwärts, aber nach und nach geht es immer ſchneller und ſchneller; man fliegt an Bäumen und Fel⸗ ſen vorüber. Die Bewegung wird endlich gar zu ſchnell; nun bremſt der Kondukteur mittelſt einer einfachen Vorrichtung. Es geht wieder langſamer. Nun kommt eine ſchwach geneigte Stelle der Bahn. Um dieſelbe raſcher zu befahren, läßt der Konduk⸗ teur durch Oeffnen eines Hahnes am Waſſerbehälter etwas Waſſer auslaufen. Es geht wieder raſcher und raſcher und— ah! welch' herrliche Ausſicht bietet ſich auf einmal dar! die wollen wir genießen. Halt! Es wird ſtark gebremſt und an jäh geneigter Bahn bleiben wir ruhig und ſicher ſtehen, über einem Abgrund in ſchwindelnder Höhe ſchwebend.— Aber vor⸗ wärts! Eine kurze Strecke und wir ſind oben. Die Bahn läuft horizontal aus und das Fuhrwerk bleibt ruhig ſtehen.— Rigi⸗ kulm! Ausſteigen!— Wir kommen gerade recht zur Mittags⸗ tafel. Proſit!“
Miszellen.
Unterhaltendes.
In der Adelsgeſellſchaft der polniſchen Emigration macht eine Broche der Gräfin R. von ſich reden. Von 20 Brillanten umſchloſſen, ſah man auf dem tiefblauen Grunde des Lapis lazuli, der wieder mit einem Glaſe überdeckt war— vier ganz verborgene, halb verroſtete meſſingene Stecknadeln wie zu einem Stern zuſammen⸗ gefügt. Der ſeltſame Schmuck fand ſeine Löſung in Fol⸗ gendem: Der Graf hatte in ſeiner Heimat in dem Ver⸗ dacht geſtanden, zu viel Politik getrieben zu haben, und wurde in einer Nacht von Polizei⸗Beamten ſeiner Fa⸗ milie entriſſen. Eine Kibitka brachte ihn nach einer Feſtung; dort warf man ihn in ein feuchtes, dunkles Gefängniß. In Todtenſtille und Dunkelheit begraben, fühlte er ſeine Kräfte ſchwinden, ſeinen Geiſt ſich ver⸗ wirren— eine namenloſe Angſt ergriff ihn; er zitterte nicht mehr vor ſeinen Richtern, er zitterte vor ſich ſelbſt. In der Erkenntniß dieſer Gefahr war ſein Sinnen dar⸗ auf gerichtet, etwas zu finden, das ihn der doppelten Qual— des Müßig⸗ und Alleinſeins, entriß und vor Irrſinn zu bewahren vermöchte. Vier Stecknadeln, in ſeinem Rock, hatten ſich den Blicken ſeiner Peiniger ent⸗ zogen. Sie ſollten ſeinem Geiſt zur Rettung werden. Er warf die Nadeln auf die Erde ſeines düſteren Ker⸗ kers, und bemühte ſich, die verſtreuten wieder aufzu⸗ finden. Als er ſie nach mühvollem Suchen gefunden, warf er ſie von neuem aus— und immer wieder und wieder! Tagelang ſitzend, liegend, knieend und mit den Händen herumtaſtend, gelang es ihm, die ausgeworfenen zu ſammeln. Dieſes furchtbare und doch ſo ſehr wohl⸗
thätige Spiel dauerte— ſechs Jahre! Da endlich er⸗ öffnete ein großes politiſches Ereigniß den Kerker. Der Graf hatte die Nadeln ausgeſtreut, er wollte aber ſein Gefängniß nicht verlaſſen, ohne ſie, die ihn vor Ver⸗ zweiflung und Irrſinn bewahrt, mit ſich zu nehmen. In der hereinſtrömenden Tageshelle fand er ſie ſchnell. Als er ſeiner Gattin dieſe Geſchichte erzählte, griff ſie nach dieſen Nadeln. Dieſe gelbmeſſingenen, verkrüppel⸗ ten Nadeln, ſechs furchtbare Jahre hindurch ausgeſtreut und gefunden, waren ihr Reliquie, die ſie in einem Rahmen von Brillanten, 10,000 Fr. an Werth, als ungleich höheren Schatz auf ihrer Bruſt trägt.
Man lieſt viel wunderſame Dinge von Irland, aber die Sage von dem lachenden Schädel beſitzt eine gräßliche Drolligkeit ohne Gleichen. Wie man erzählt, gab es dort einmal einen komiſchen Schauſpieler oder Miniſtrel, Namens Clephanus. Schon ſein Geſicht war eine ſolche Poſſe, daß ihn Niemand anſehen konnte, ohne zu lachen und wäre er in dem Augenblicke die Beute der höchſten Verzweiflung geweſen. Endlich ſtarb er und wurde auf dem Kirchhof begraben, wo im Laufe der Zeit Alles, was ſterblich an ihm war, verſchwand, bis auf den Schädel. Der Todtengräber, welcher auf derſelben Stelle für einen Andern Platz machte, ſchau⸗ felte den Schädel des Sängers heraus und ſtellte ihn auf einen großen Stein. Einige Vorübergehende brachen in ein ſo lautes Gelächter aus, daß der Todtengräber ſich höchlich verwunderte. Er ſah ſich alſo nach der Ur⸗ ſache um und als ſein Blick auf den Schädel des Clephanus fiel, deſſen Zunge ſonſt manche Geſellſchaft zum Lachen gezwungen hatte, konnte er auch dem Lach⸗ reiz nicht widerſtehen und lachte ſo lange, daß er nicht mehr graben konnte. Der Leichenzug kam und füllte die Luft mit dem entſetzlichen Geheule, das man bei ſolchen Gelegenheiten oft noch in unſern Tagen hören kann. Kaum aber näherte ſich der Zug dem Schädel, als ſich das Wehklagen plötzlich in unwiderſtehliches, lautes allgemeines Gelächter umwandelte. Der Sage nach war dieſer ſeltſame Schädel noch vor hundert Jahren zu ſehen, aber Niemand weiß, wo er hingekommen iſt.
Während ein Zug die Baltimore⸗Ohi o⸗Bahn paſſirte, erzählt Frank Leslie's„Illuſtrirte Zeitung“ in Newyork, fiel einer der Paſſagiere in tiefen Schlaf. Von einem ſeltſamen Kitzeln auf der Seite erweckt, hatte er gerade noch Zeit zu ſehen, wie eine Menſchenhand aus einer ſeiner Bruſttaſchen mit ſeinem Taſchenbuche her⸗ ausfuhr, worin 61 Doll. enthalten waren. Da der Dieb ſich entdeckt ſah, ſprang er nach der Thür, wohin der Be⸗ ſtohlene ihm nachſprang, ihn aber erſt auf der Plattform erreichen konnte, wo er ihn am Rockſchoß zu erwiſchen bekam. Der Spitzbube machte einen Ruck und der Schoß riß ab. Aber ſchnell wie der Blitz ergriff der Beraubte den anderen Schoß, als ein zweiter Ruck auch dieſen los machte. Der Kerl ſprang darauf von dem Zuge, obgleich derſelbe mit der Schnelligkeit von vierzig Mei⸗ len in der Stunde lief, und enkkam. Der arme Ge⸗ plünderte nahm die amputirten Schöße mit auf ſeinen Sitz zurück und war angenehm überraſcht, als er in der Taſche des einen derſelben zwei goldene Uhren im Werthe von hundert und fünfzig Dollars fand. So hatte er gerade neun und achtzig Dollars dadurch gewonnen, daß ihm ſeine Taſche ausgeräumt wurde!
Nachſtehende Aneldote wird eine Idee von der eiferſüchtigen Wuth geben, welche die Korporationen im vergangenen Jahrhundert gegen einander hegten. Um den Wetteifer der beiden Konſervatorien in Neapel
aufrecht zu erhalten, mußten dieſelben abwechſelnd in
zwei Kirchen Muſik machen. Neapel wohnte dieſen mu⸗ ſikaliſchen Wettkämpfen höchſt zahlreich bei; reiche Leute gaben bis fünf Thaler, um einen Stuhl zu erhalten; ohne zu bedenken, daß man an heiliger Stätte ſei, ap⸗


