Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
gebens buchſtabirt hatte;„ſie kann heißen Miller, Gekabek oder auch Schulze. Haſt Du nicht einen Gläubiger dieſes Namens?“
„AÄber dieſe Namen ſind doch, ſo viel ich höre, ſehr verſchieden?“
„Für das Ohr wohl, Freund, aber nicht für das Auge. Du weißt ja, es iſt mit den Buchſtaben wie mit den Pfeifen; ſie ſehen ſich alle ungemein ähnlich, und doch gibt jede einen andern Ton.“
„Ob ich das nicht weiß!“ entgegnete Flocke kleinlaut.„Aber dafür weiß ich nicht, daß ich einen Gläubiger mit einem der drei Namen habe; doch möglich iſt es ſchon, denn Namen merke ich mir gar nicht, Zahlen aber vergeſſe ich noch leichter.
Er will mich wohl gerichtlich belangen, der Barbar,
wenn ich nicht zahle. Ich bin jetzt zufällig ganz ohne Geld, denn ich habe in den letzten Tagen eine Menge Einkäufe gemacht, freilich nur auf Kredit, aber nichts ruinirt mehr, als der Kredit.“
„Namentlich die, welche ihn gewähren,“ ſetzte Toldi hinzu.„Uebrigens biete ich Dir meine Börſe an.“
Flocke wollte ſchon ſeinem Freunde in der Noth in die Arme fallen, allein da der Letztere in demſelben Athem erklärte, daß dieſe angebotene Börſe leider nur Hülle ohne Fülle ſei, ſo begnügte er ſich mit einem Händedruck und der dankbaren Verſicherung eines ähnlichen Liebesdienſtes im Falle der Noth. Nachdem Toldi die dritte Nachmittags⸗ ſtunde noch einmal in Erinnerung gebracht hatte, tänzelte er unempfindlich für die Bedrängniß ſeines Freundes zur Thüre hinaus. Flocke blieb voller Gedanken zurück, eine Situation, die nicht oft vor⸗ kam. Der Brief, welcher nun auf einmal ſtatt einer Einladung eine Mahnung enthielt, mußte irgendwo beim Vorzeigen verwechſelt worden ſein, denn eine ſo verſchiedene Interpretation des Textes ließ ſich doch unmöglich durch die neue Orthografie erklären. Da trat zum Glücke wieder eine neue Perſon bei ihm ein, bei der er ſich Raths erho⸗ len konnte.
Es war Liſette, eine Ballettänzerin, welcher er mehr als Lehrer war. Obſchon nicht mehr in der erſten Blüthe der Jugend, hatte ſie doch Herrn Flocke's Herz derart zu feſſeln gewußt, daß er ihr nicht nur ewige Liebe geſchworen, ſondern ſo⸗ gar ſeine Hand angetragen hatte. Nachgerade aber war er der leichtfertigen Anſicht geworden, ein Lie⸗ beseid ſei nichts mehr als ein Billet, das man am Eingange zum Herzen nimmt, um daſelbſt ein⸗ zutreten. Sei das Stück ausgeſpielt, ſo gelte die Karte nicht mehr und man nehme wieder eine neue. Auch während der Zwiſchenakte eines und desſelben Stückes pflege man oft fortzugehen, um ſich zu erfriſchen und man nehme zu dieſem Zwecke eine Kontremarke, bei welcher die Rückkehr wieder freiſteht. Liſetten war die eingetretene Lauigkeit ihres Verehrers nicht entgangen; die Schuld an derſelben konnte nur eine Nebenbuhlerin tragen,
oder Herr Flocke war verheiratet und frühere Eide entkräften die ſpätern.
Als die Tänzerin eintrat, oemerkte ſie ſogleich den Brief in Flocke's Hand und ſchöpfte aus die⸗ ſem Umſtande neuen Verdacht.
„Gewiß ein Liebesbrief!“ rief ſie ganz nahe tretend;„darf man ihn leſen?“
„Ohne Umſtände,“ erwiederte Flocke froh. „Vor Allem, an wen iſt er adreſſirt?“
„An Herrn Flocke, Balletmeiſter und Pro⸗ feſſor der höheren Tanzkunſt.“
„So ſind die gerichtlichen Schritte doch gegen mich gerichtet,“ ſeufzte Flocke ſich vergeſſend.
Liſette horchte auf, und nachdem ſie ihn durchbohrend angeblickt, las ſie wie folgt:
„Ungeheuer! So lange es ſich nur um mich handelte, wollte ich nichts von einem unwürdigen Gatten verlangen, der mich verlaſſen hat.“
„Wie, was?“ fuhr Flocke auf.„Hör' ich recht, ſo lieſeſt Du ſchlecht, lieſeſt Du aber recht, ſo hör' ich ſchlecht! Ich, ich ſoll verheiratet ſein? So etwas könnte ich doch trotz meines ſchwachen Gedächtniſſes nicht vergeſſen haben.“
Mit vor Aufregung zitternder Stimme fuhr Liſette zu leſen fort:
„Jetzt aber, da ich zwei ſchwachen Würmchen, denen Du vor Gott und der Welt Vater biſt, das Leben gegeben habe, halte ich es für meine Pflicht, jene Schritte zu thun, die Dich zwingen werden, der armen Verlaſſenen Dich wieder anzunehmen.“
Der Brief ſank aus Liſettens Hand.
Flocke, blaß wie der Gegenſtand gleichen Namens, ſtammelte:
„Dort Schulden, hier eine Frau! ſo komme ich aus dem Regen in die Traufe. Das iſt gewiß wieder ein Schelmenſtück meines Freundes Toldi; ohne Zweifel hat er einen falſchen Brief unter⸗ ſchoben.“
„Verräther!“ brach jetzt Liſette los,„Deine Ausflucht nützt Dir nichts, Du biſt entlarvt.“
„Ich ſchwöre Dir, Liſette, daß ich nicht das Unglück habe, verheiratet zu ſein.“ 5
„Ich traue Deinen Eiden nicht mehr,“ rief Liſette und die Vertraulichkeit des Du aufgebend, fuhr ſie in einem ungewöhnlich ernſten Tone fort: „Es handelt ſich, mein Herr, jetzt nicht mehr um leere Worte, der Augenblick iſt gekommen, wo es gilt, durch eine That den Beweis Ihrer Rechtlich⸗ keit zu liefern. Ich kann Ihren Worten nunmehr nur glauben, wenn Sie ohne weiteren Aufſchub— mich heiraten.“
„Ohne Aufſchub, Liſette? Es drängt ja nicht. Wir ſind beide noch jung.“
„Alſo ſind Sie verheiratet?“
„Nein und tauſendmal nein!“
„Und tauſendmal ja! Ich will jetzt eine Ent⸗ ſcheidung, ein Ja oder ein Nein. Eins— zwei — wollen Sie oder nicht?“
„Ich ſage ja nicht nein,“ begütigte Flocke
„(—


