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Der räthſelhafte Brief.
nißceremonien. Zuweilen wird ſogar auch ein de profundis geſungen; mit dem zwölften Glocken⸗ ſchlage aber nimmt die ganze Burleske plötzlich ihr Ende und ernſt und ruhig geht Alles dinch die nächtliche Stille nach Hauſe.
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Der räthſelhafte Brief.
Ein Schwank.
Dem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch — eine Frau, oder wie das Syprich⸗ wort nach ſeinem urſprünglichen Texte lautet: Verſtand. Herr Flocke beſaß aber keines von beiden, obwohl er ein Aemtchen ſchon durch eine lange Reihe von Jahren bekleidete, ein Aemtchen freilich, bei dem man ſich des Verſtandes entſchlagen kann;— er war Balletmeiſter. Seine Eltern, einfache Leute vom Lande, hatten ſeine erſte Erziehung ein wenig vernachläſſigt und ſo war es gekommen, daß Flocke's geſammte Bildung ſich auf die Gelenkigkeit ſeiner Füße beſchränkte, denen er auch ein weit ſchnelleres Fortkommen in der Welt verdankte, als es ihm Kopf und Hände hätten verſchaffen können.
Für unſern Balletmeiſter hatten die Phönizier umſonſt die Buchſtabenſchrift erfunden, denn Herr Flocke konnte nicht a leſen und ſchreiben Dieſen Mangel an Gelehrſamkeit ſuchte er jedoch ſorgfältig zu verbergen, wie enſer Gelehrte ander⸗ ſeits es nicht einbekennen mag, daß er nicht aus Grundſar. ſondern aus Unkenntniß von der edlen Kunſt des Tanzens ſich fernhalte.
Es aſ gegen zwei Uhr Nachmittags. Flocke i*ſt eben ganz erhitzt und ermüdet in ſeiner Woh⸗ nung angelangt und hat ſich dort ärgerlich auf einen Stuhl geworfen.„Das iſt doch unverant⸗ wortlich,“ rief er aus, indem er einen Brief aus der Taſche zog,„meine Beine, welche im Dienſte der Kunſt ſtehen, durch erfolg bäſe Umherrennen auf dem Straßenpflaſter für— edlere Beſtimmung ſo ermüden zu laſſen! Da ſchreibt mir eine Dame, daß ich ihr Tanzlektionen ertheilen ſolle; ich eile in das Haus, welches die Adreſſe bezeichnet, zeige den Veie vor und vernehme zu meinem Erſtaunen, die Dame ſei geſtern an das entgegengeſettte Ende der Stadt gezogen. Ich ſetze die Stützen meiner Kunſt und meines Lebens von Neuem in fortſchrei⸗ tende Bewegung, und an dem Beſtimmungsorte angelangt, höre ich, meine Schülerin in ape habe die Wohnung wieder aufgegeben, um ein Landhaus vor der Stadt zu beziehen. Auf dieſe hin unternehme ich den weiten Spaziergang vor das Thor und habe ſchließlich das Vergnügen zu erfahren, die Dame ſei in Folge eines Briefes urplötzlich nach Peſt gereiſt und ſie laſſe mich er⸗
Nachricht
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ſuchen, ihr dorthin zu folgen. Hilf Himmel, das war doch zu viel für einen Menſchen, der keine Sie⸗ benmeilenſtiefel hat. Die Sache ſcheint mir räthſel⸗ haft. Sollte mich die Dame auf dieſe ſeltſame Art gleichſam entführen wollen?“
Herr Flocke trat an den Spiegel und ſtrich, ſelbſtgefällig ſein Bild betrachtend, ſein ſchütteres Haar über die bedenklich nach rückwärts erweiterte Stirn.„Ob denn nicht irgend ein Poſtſteiptun⸗ 4 fuhr er in ſeinem Monologe fort,„in dem Briefe überſehen worden iſt? Vielleicht bin ich auch gar nicht recht berichtet worden, denn ſei die neue Ortografie aufgekommen iſt, die, wie ich höre, ſo viele Buchſtaben ausläßt, kann Einer, der mit dieſer Neuerung nicht vertraut iſt, gerade das Wichtigſte ausla ſſen.“
In dieſem Selbſtg zehrch wurd e unſer Held durch den Eintritt ſeines Kollegen, Herrn Toldi's unterbrochen, der ihm zu melden kam, daß die Balletprobe auf drei„Uhr Nachmittags feſtgeſetzt ſei.
„Auf drei Uhr?“ ſagte Flocke, indem er ſich den Anſchein gab, ais hadr er im Eifer ſeiner Be⸗ ſchäf ſtigung nicht recht gehört, denn er durchſuchte mit ſichtlicher Ungeduld alle Taſchen ſeines Rockes. „Wo ich nur meine Augengläſer hingelegt habe,“ fuhr er lont„Ich kann ſhns Brille keinen Buch⸗ ſtaben mehr leſen, denn ich habe mir durch anhal⸗ tende nächtliche Le ktüre neine Augen ganz und gar verdorben. Kannſt Du noch ohne Augengläſer leſen, Toldi?“
„O ja,“ erwiederte dieſer;„wenn ich ein Glas
brauche, ſo geſchieht es nur zur Stärkung meiner — ſchwachen Kehle.“
„Nun, ſo haſt Du wohl die Gefälligkeit, mir dieſen Brief zu leſen.“ Mit dieſen Worten über⸗ reichte Flocke ſeinem Kollegen den Brief, der ſeine Gedanken wie ſeine Beine ſo ſtark in Anſpruch ge⸗ nomndiee hatte.
oldi hatte kaum einen Blick hinein geworfen, ſo ſah er ſeinen verlegenen Freund mit eigenthüm⸗ lichem Schmunzeln an.
„Hm, hm,“ ſagte er kopfſchüttelnd,„Du haſt wohl Schulden, lieber Freund?“
„Schulden? O ja, und zwar mehr als nöthig iſt. Aber wie kommſt Du zu dieſer Frage?“
e höre nur, was hier geſchrieben ſtebt. Und Toldi las nun mit einiger Müͤbe e, welche die ſchlechte Schrif zu verurſachen ſchien:„Werther Herr! — Ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß ich, wenn Sie nicht alſogleich die bewußten 560 Gulden mir zurückzahlen, Schritte thun werde, die Ihnen kaum angenehm ſein dürften. Mit der Verſiche⸗ rung ꝛc.“
Flocke wußte Anfangs vor Erſtaunen nicht, was er ſagen ſollte, denn er hatte nichts weniger erwartet als eine ſolche Mahnung; endlich ſtöhnte er:„Die Unterſchrift, Freund, die Unterſchrift!“
„Die Unterſchrif iſt ziemlich unleſerlich,“ ent⸗ ſchuldigte ſich Toldi, nachdem er einige Zeit ver⸗


