336 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
wichtigen Sammlungen der Stadt ſind in dieſen großartigen weiten Räumen vertheilt, wiſſenſchaftlich geordnet und zur Bewunderung und Belehrung dem Publikum geöffnet, Die ſehr bedeutende Stadt⸗ bibliothek iſt in ſchöner Ordnung in großen Sälen aufgeſtellt, denen ſich Leſe- und Studirzimmer an⸗ ſchließen, damit dieſe wichtigen Schätze, ein Ge⸗ meingut Aller, nicht unbenützt bleiben. Mit dieſer reichen Bibliothek iſt ein ſehr werthvolles, ſeltenes Münzkabinet verbunden. In anderen weitläufigen großen Sälen iſt das von der rheiniſch⸗naturfor⸗ ſchenden Geſellſchaft zu Mainz geſtiftete, ſehr aus⸗ gedehnte Naturalienkabinet ſyſtematiſch geordnet auf⸗ geſtellt; in noch anderen befindet ſich die ſchöne ſtädtiſche Gemäldeſammlung, während die unteren Hallen großartige römiſche und germaniſche Monu⸗ mente und Altäre ſchmücken. Die ungemein zahl⸗ reichen Alterthumsſchätze aus den älteſten germa⸗ niſchen und römiſchen Zeiten, an denen dieſer klaſ⸗ ſiſche Boden ſo reich iſt, füllen die Parterreräume des Schloſſes und werden in der nächſten Zeit geordnet dem Publikum übergeben werden. Sie bieten einen ſo reichen Schatz, wie man ihn wohl ſelten in irgend einer deutſchen Stadt antreffen dürfte. Der ſogenannte Akademieſaal des Schloſſes, in welchem zu Zeiten der Churfürſten die berühm⸗ ten Hofkonzerte gegeben wurden, iſt ebenfalls wie⸗ der hergeſtellt worden und wird bei außergewöhn⸗ lichen Ereigniſſen zu Verſammlungen und zu gro⸗ ßen Konzerten benützt.
Nur durch eine Straße von dem churfürſtli⸗ chen Schloſſe getrennt ſteht das in einfach edlem Style erbaute deutſche Ordenshaus, der jetzige großherzogliche Palaſt, das übrigens nichts beſon⸗ ders Sehenswerthes darbietet. dem der Feſtung angehörenden großen Zeughauſe der Fall, das durch eine äußere Galerie mit dem ehemaligen deutſchen Ordenshauſe verbunden iſt und eine reiche und ſchön geordnete Sammlung aller Arten von Waffen enthalten ſoll.
Von dem Schloſſe aus zieht ſich die Haupt⸗ ſtraße der Stadt durch die ganze Breite ihres un⸗ teren Theiles. Sie iſt lang, ziemlich breit, von ſchönen Privathäuſern, großen Kaſernen und dem Palais des Feſtungskommandanten gebildet, an ihrem Ende ſchaut freundliches Grün von einer Anhöhe herab, was einen recht wohlthätigen Ruhepunkt dem Auge bietet, das die lange Straße durcheilt. Dieſe Anhöhe bildet den höchſten Punkt der oberen Stadt und iſt ihr älteſter Theil, Käſtrich genannt, von dem römiſchen Castrum abgeleitet. Druſus hatte hier einen befeſtigten Lagerplatz, von dem aus Ma⸗ guntium ſich immer weiter ausbreitete. In ſpäteren Jahrhunderten bewohnten hauptſächlich nur arme Leute dieſen Stadttheil und der Käſtrich war lange eine recht häßliche, ſchmutzige Gaſſe, die man ungern betrat; doch die freundlichere Form der neueren Zeit verſchönte auch dieſen verwahrloſten Theil. Nied⸗ liche Häuschen hingen freundlich wie Schwalbenneſter
Mehr iſt dieß bei
an der alten Stadtmauer, Blumentöpfe und eine Art kleiner hängender Gärtchen wechſelten mit Vogel⸗ hecken ab und gewährten einen höchſt originellen Anblick. Die Bewohner dieſer beſcheidenen, äußerſt netten Beſitzthümer ſahen alle friſch und fröhlich aus; ſie genoßen aber auch die ſchönſte Ausſicht und die reinſte Luft in der Stadt;— da kam der ſchreckliche 18. November und zerſtörte in einem einzigen Momente die kleinen friedlichen Häuſer, die Blumen und Vögel und viele— viele Men⸗ ſchenleben. Ein trauriger Trümmerhaufen blickt jetzt der Käſtrich auf die mit ihm hart betroffene Stadt herab. Später ſoll eine große befeſtigte Kaſerne, wie es heißt, hier erbaut werden;— ſie wird ſich einſt recht impoſant auf dieſer Anhöhe über der Stadt ausnehmen, in der Ferne unſtreitig viel ſchöner, als die kleinen friedlichen Häuschen des alten Käſtrichs, aber ſie wird auch Kinder und Kindeskinder an eine der erſchütterndſten Kataſtro⸗ phen ihrer Vaterſtadt klagend erinnern.
Wir gehen an den grauenhaft zerſtörten Ueber⸗ reſten menſchlicher Wohnungen vorüber und werfen einen ſchaudernden Blick in den runden Krater, aus dem die Stein⸗ und Feuermaſſen des Pulverthurms mit entſetzlichem Knall und fürchterlicher Erſchütte⸗ rung emporflogen, durch einen Stein⸗ und Bom⸗ benregen Alles um ſich her zerſtörend, und ſehen bangend nach der nahen Stefanskirche hinüber, dieſem merkwürdigen alterthümlichen Bauwerke, das der Pulverexploſion beinahe gänzlich zum Opfer fiel. Zerfetzt, zerriſſen, durchlöchert ſteht dieſe Kirche da und wartet ſehnſüchtig auf die Heilung ihrer ſchweren Wunden. Leichter ergeht es der gleichfalls beinahe ganz zerſtörten Gauſtraße; ſie erſteht raſch in einem neuen, ſchöneren Kleide aus ihren Trümmern.
Wir wandern weiter die ſteile Straße hinab über den ſchönen freien Platz des Thiermarktes, wo das Palais des Gouverneurs und noch andere pa⸗ laſtähnliche Gebäude ſtehen, die alle früher dem reichen Mainzer Adel gehörten, der ſich einſt um den mächtigſten deutſchen Churfürſten ſcharte, und eilen durch die breite Ludwigsſtraße auf den Gu⸗ tenbergsplatz, wo dem neuen Schauſpielhauſe gegen⸗ über die Bildſäule des berühmten Mannes ſich er⸗ hebt— Johannes Gutenberg!— dem die dankbare Nachwelt dieſes Denkmal ſetzte. Es iſt ein Meiſterwerk Thorwaldſen's, das er in Rom modellirte. Die Statue iſt von Bronze und hat eine Höhe von 12 Fuß; der röthliche Marmor⸗ ſockel mit den dazu gehörigen Stufen aus grauem Marmor iſt etwas höher als die Statue ſelbſt. Auf der Vor⸗ und Rückſeite des Sockels befinden ſich Metallinſchriften, die beiden andern Seiten ſchmücken Bronze⸗Basreliefs, welche Thorwaldſen ebenfalls anfertigte. Das Ganze iſt mit einem acht⸗ eckigen eiſernen Geländer umgeben und ſteht in der Mitte des Platzes. Alljährlich wird von unbekannter Hand in der Nacht vor Johannis die herrliche Bildſäule mit Blumengewinden geziert. Das Ge⸗


