334 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
der Neuzeit ſehr zugethan iſt; dabei ſind ſie arbeit⸗ ſam wie die Bienen und genießen wie dieſe auch gerne von dem Honig, den ſie einſammeln. Das edle Gewächs ihrer Berge macht ſie ſtets wohlge⸗ muth; hinter dem Glaſe ihres feurigen Weines vergeſſen ſie leicht die Sorgen des Lebens, doch ſchauen ſie auch wohl zu Zeiten aufwärts nach den drei himmelanſtrebenden Thürmen ihrer St. Ka⸗ tharinenkirche, und ihre höhere Bedeutung ſtählt und kräftigt dann ihren heiteren Sinn zu den unausweichbaren Mühen des Lebens.
Von Oppenheim wollen wir die ſchöne Fahrt abwärts auf dem Rheine machen, in einem jener eleganten Boote, die faſt zu allen Tageszeiten ſein grünliches Gewäſſer mit der bezwingenden Kraft des Dampfes ſo ſchnell durcheilen, daß es ſchäumt und ſpritzt und weiße Waſſerköpfchen zu Hunderten neugierig emportauchen und dann erſchrocken nach dem Ufer hinrollen, als wollten ſie es überſpringen.
Wir wählen den Abend zu dieſer Fahrt; in ſeiner milden, klaren Beleuchtung treten alle Ge⸗ genſtände deutlicher heran. Dort am linken Ufer fliegt Nierſtein und Nackenheim ſchnell an uns vor⸗ über, weiter unten ſcheint ſchon wieder ein Dorf aus den Bäumen hervor, es liegt mehr ſeitwärts und der Schatten ſeiner Hügel fällt bereits in die Niederungen, nur die Kirche nebſt einigen Häuſern, die es überragen, ſind noch von der Sonne vergol⸗ det,— es iſt Bodenheim, deſſen Grundbeſitz gleich Laubenheim, einem Oertchen etwas weiter abwärts, größtentheils den reicheren Mainzern gehört. Aber jenſeits des Rheins, welch' ſonnenbeglänzter Ort leuchtet uns dort entgegen! Wie ſchauen ſeine weiß⸗ ſchimmernden Häuſer ſo keck und frei, ſo kokett über den grünen Berg herab, deſſen Scheitel ſie zieren! Will die Sonne nicht ſcheiden von hier mit ihrem heißen Liebeskuſſe?— Sicher ſchenkt ſie dieſer Höhe ihren erſten wie ihren letzten Strahl und lockt aus ihrem Boden ein Göttergeſchenk. Wie heißt dieſer bevorzugte Ort?— Es iſt Hochheim. Hochheim! Dieſer Name hat einen guten und bekannten Klang. Wer hätte, dem Bacchus nicht ganz abhold iſt, ihn nicht ſchon gehört?— Welche Freude, welche Luſt durchſtrömt uns, indem wir hinaufſchauen zu dem freundlichen Orte, der triumphirend auf ſeinen herr⸗ lichen Rebenpflanzungen thront. Verlockend wie eine verführeriſche Schöne winkt er mit ſeinen grünen Weinranken zu uns herab und wir wünſchten bei⸗ nahe, der Kapitän wende das Schiff ſeitwärts und ſteure den Main hinauf, der unterhalb Koſtheim, dieſem idilliſch gelegenen Dörfchen, in den Rhein ſich ergießt, und lande am Fuße der berühmten Domdechanei zu Hochheim, daß wir in ihrem Kel⸗ ler ein Glas füllen und es leeren könnten zum jubelnden Willkommsgruße dem herrlichen Rhein⸗ gaue, das ſein Thor groß und weit nun vor uns aufthut, das trunkene Herz und das entzückte Auge mit hoher Wonne erfüllend.
Geſegneter Gau, Perle von Deutſchland, ſei
gegrüßt! Nimm den Wanderer freundlich auf, der frehen Sinnes durch deine Fluren wandeln will, durch deine Städte und Dörfer, über deine Reben⸗ hügel zu deinen Schlöſſern und lachenden Land⸗ häuſern, nach deinen epheuumrankten Ruinen, dei⸗ nen verfallenen Klöſtern und Burgen, und anſtau⸗ nen und bewundern möchte die Gottespracht, welche in dir ausgebreitet iſt, und der Menſchen Werke, ihr Schaffen und Thun, das ſich ihm vereint und ſo Alles weit und breit hier herum als ein Erden⸗ paradies erſcheinen läßt. Wer könnte in dieſer Land⸗ ſchaft, welche in jedem Reize prangt, an irgend ein Erdenweh denken?— Und doch iſt es überall hei⸗ miſch, ſchleicht überall durch die Freude, dem Lichte den Schatten zugeſellend und ſo erſt ein ganzes, uns verwandtes Lebensbild ſchaffend. Aus der Ver⸗ gangenheit ſteigt in Sage und Geſchichte das Trübe neben dem Hellen empor wie in der Gegenwart, nur in jener mit dem Zauber der Romantik, die vergangene Dinge ſo gern verſchönt, in dieſer ſchmerzlich und herb, weil es unſer Leben unmit⸗ telbar berührt.
Doch wohin verlieren wir uns von dem ſon⸗ nenbeglänzten Hochheim? Es iſt in den Hinter⸗ grund getreten und die Sonne, die es eben noch ſo hell beſchienen, ſank unter hinter dem Taunus, und dort drüben zeigen ſich in ernſter Majeſtät die hohen Thürme des alten Mainz.
Impoſant tritt die an einem Hügel ſich er⸗ hebende Häuſermaſſe in Form eines unregelmäßigen Dreiecks hervor, aus dem ſich einzelne Punkte har⸗ moniſch gruppiren. Ueber allen ſteht die hochgele⸗ gene Stefanskirche mit ihrem uralten, kecken, run⸗ den Thurme; aber gebietend wie ein mächtiger Rieſe ragt der Dom in Mitten der Stadt empor mit ſeiner ſechsbethürmten giganthiſchen Maſſe. Längs des Ufers ziehen ſich ſchöne Gebäude hin; es ſind meiſtens große, moderne Gaſthöfe; von ihnen etwas abgeſondert liegt das ehemalige churfürſtliche Schloß, dann das ſogenannte deutſche Haus(das Palais des Großherzogs von Heſſen) und das Zeughaus. Ohne Zweifel iſt das Rheinufer bei Mainz das ſchönſte von allen Städten, die an dieſem Ufer lie⸗ gen. Natur, Geſchmack und Kunſt vereinigen ſich hier, die maleriſche Lage dieſer Stadt, ihre denkwür⸗ digen Bauwerke und tauſendjährigen Erinnerungs⸗ zeichen durch ihren Anblick von der Rheinſeite recht vortheilhaft hervorzuheben.
Jenſeits über dem Taunus glüht die Abend⸗ röthe und wirft einen Roſaſchimmer auf die Land⸗ ſchaft und färbt die Spitzen der Thürme mit eigen⸗ thümlichem Glanze. Deutlich treten die mächtigen Maſſen der Auguſtiner⸗ und Ignatiuskirche hervor, die hohen Baſteien, die Citadelle, in derſelben der ſchwarzgraue Eichelſtein, dieſes uralte Römerdenk⸗ mal, dem Druſus geweiht, die Thürme der Quin⸗ tins⸗, Emmerans⸗, Chriſtof⸗ und Peterskirche, die Giebel und Mauern ehemaliger Klöſter, das neue Schauſpielhaus und hoch oben dicht an der Stadt


