Heft 
(1859) 11 11
Seite
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Kein Lüftlein regte ſich, doch war es bitter kalt und die ganze Halde mit ihrem bereiften Heide⸗ kraut flitterte und ſchimmerte im Mondlicht wie ein Silberteppich. Glutſchlacker ſchlug ſeinen Mantel enger um und ſetzte ſich auf einen der zur Befeſtigung des Baumes eingeſchlagenen Pfähle.

Eine Stunde mochte ſo vergangen und er vor Ermüdung nach hartem Tagewerk wohl etwas ein⸗ genickt geweſen ſein, da ſchreckte ihn ein feiner lang gezogener Pfiff vom Walde her und weckte jeden ſeiner Sinne zu geſpannteſter Thätigkeit. Wie eine einſchnappende Meſſerklinge fiel er hinter den Baum in deſſen Schatten auf den Grund und ſo den Blicken nach der Richtung des Schalles verborgen, gedachte er den muthmaßlichen Schädiger auf ab⸗ reichbare Nähe ankommen zu laſſen.

Der Pfiff wiederholte ſich nicht, doch gewahrte der Spähende am Saum des Forſtes einen beweg⸗ lichen Schatten von Menſchengeſtalt, der hinhuſchend und ſchleichend wie eine Trugſpiegelung der Luft oder ein Wahnbild der geſtörten Sinne im näch⸗ ſten Augenblick wieder verſchwunden war. Glut⸗ ſchlacker rieb ſich die Augen, vermeinend, ihn äffe ein nachwirkend Traumgeſicht da tauchte mit der Behendigkeit einer Katze an der oberſten Waldlichtung, kaum hundert Schritte von ſeinem Standorte fern, dieNachtſcheuche von neuem auf, blieb einen Augenblick ſtarr, als ſpähe ſie ob Alles geheuer ſei, dann gleich einem vom Bo den abprallenden und fortgeſchnellten Wurfgeſchoß, flog ſie dem Baume zu.

Feuer und Schwert! murmelte der Lauernde in den Bart, als der Läufer auf fünfzig Schritte nahe gekommen,ſo wahr ich eines ehrlichen Werk⸗ mannes Sohn, das iſt Eichkatze, des Lotterer⸗ häuptlings Rüdenbub. Ich erkenne die Hahnfeder über der Lederkappe und das tückiſche Einauge in ſeinem Galgengeſicht. Die frühreife Teufelsklaue, hat ſie die Früchte unſeres Baumes ſchon gewit⸗ tert! Nur heran, nur an, Du Beliasſohn, ich will Dir gepfefferte Brocken mit meiner Gabel da in die Raubzähne ſchieben, daß ſie fürder nichts ande⸗ res denn Erde beißen ſollen! Hei, wie er mit dem Wind in die Wette rennt! Nur zu, nur zu! Heute ſoll ſich's erweiſen durch meine Fauſt, ob Du der Sohn einer Hexe und zwiſchen den ha⸗ ſchenden Fingern zerrinnen könneſt wie Eſſenrauch.

Zehn Schritte vom Baume hielt der wie von Sturmfittigen Hergetragene plötzlich an, als wäre er Pfahl geworden. Schier athemlos vor Erwar⸗ tung drückte ſich Glutſchlacker, all' ſeine Glied⸗ maſſen ſtraff an den Leib ziehend, in die bergende Schattenlinie.

Wohl eine Viertelſtunde verging und der An⸗ kömmling regte ſich nicht, als wäre er durch einen Erdmagnet unwiderſtehlich an die Stelle gefeſſelt oder gar eingewurzelt.

Peſt! murrte der ungeduldige Glutſchla⸗ cker, dem ſeine gezwängte Lage am Boden bereits

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unerträglich wurde,ich glaube gar, der Galgen⸗ ſtrick treibt ſeine Poſſe mit mir! Liege ich nicht da wie der Bär im Blocke? Feuer und Schwert! hätte ich nur meine Armbruſt zu Handen, ich wollte den Meilenzeiger dort mit einem gefiederten Stift noch feſter pfählen!

Ho, Schmiedemichel, ho! ließ ſich die Stimme der zweibeinigen Eichkatze jetzt rufend ver⸗ nehmen,ſticht Dich die Sonne ſo heiß auf die Glatze, daß Du im Schatten ſchläfſt? Ho, ſchnar⸗ chender Schmiedemichel, biſt Du ſelber zum Blasbalg worden? Auf, gute Schildwache, die Eichkatze iſt da, Dir einige von den Nüſſen Dei⸗ nes Baumes da abzukaufen, wenn ſie feil ſind um einen Fingergriff!

Mordbube! brüllte wie von einem über⸗ ſpannten Stahlbogen von der Erde auſſchnellend der Gehöhnte, und wie ein losgeriſſen abſtürzender Felſenblock ſtürmte hingeriſſen von Zornesgluth der Wachmann von ſeinem Poſten fort über die Heide auf den jungen Lotterer los. Bis auf doppelte Partiſanenlänge ließ dieſer den Raſenden ankom⸗ men. Der gewaltige Werkmann, ſeines Opfers ſich ſicher wähnend, ſtößt einen wiehernden Triumph⸗ ſchrei aus, die Mordſtange zeichnet einen blitzenden Bogen durch die Luft ſie fällt und das mächtige Beil fußtief in den ſteinigen Boden ein⸗ brechend, reißt den Hauenden halben Leibes nach ſich und zur Erde. Weithin aber über die Halde wie ein vom Bogen gedrückter Pfeil unter höhnen⸗ dem Gelächter ſchwingt ſich Eichkatze fort.

Hundert Schritte von der Stelle, wo der ge⸗ foppte Schmied ſein verfangnes Eiſen mühſam aus dem einklemmenden Geſteine zieht, bleibt er wieder wie ein Marlkſtein ſtehen.

Eine Minute darauf iſt der gewaltige Stahl⸗ bändiger wieder in voller Hetzjagd nach dieſem Punkte zu. Wie ein wuthſchnaubender, verwundeter Eber kommt er dahergebrauſt, ſeine Waffe jetzt nicht zum Hieb geſchwungen, ſondern ſtramm und gerade wie einen ungeheuren Stachel vor ſich ge⸗ ſtreckt.

Gleich einem Kreiſel wendet ſich der Bedrohte vor der blitzſchnell anſchießenden Spitze; wieder wird der ſchwere Renner im Angriff von der Wucht ſeines eignen Stoßes, der keinen Halt findend leer in die Luft gegangen, noch vorwärts und in andere Richtung, als die des Flüchtlings geriſſen. Wuthſchäumend reißt der Geäffte ſeine Körpermaſſe in die rechte Fährte zurück und ſiehe! der Lot⸗ terbube in einer Entfernung von kaum zehn Schrit⸗ ten, mit empörendſtem Sicherheitsgefühl, dreht nach dem Takt eines Luſtreigens ſich hohnneckend, gleich einem Irrwiſch um ihn und bei jeder Wen⸗ dung nach ſeinem Antlitz mit ſpottendem Gelächter die Naſe.

Da greift die gewaltige Fauſt des Schmiedes nach den Rippen der Mutter Erde, rafft einen Stein von mehr denn zehn Pfund Gewicht und