Heft 
(1859) 11 11
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ſich kein Lotterer, nur des Mödlitzer Schwähers Fehdegenoß, wenn dieſer gedrängt iſt. Wir haben derzeit gar Niemand zu fürchten! und daß der Geneſene ſeinen gottloſen Schwur:Hof wegzutil⸗ gen mit Feuer und Schwert, für jeden ſeiner ver⸗ goſſenen Blutstropfen einem Säugling das Herz auszupreſſen! nicht zur That mache das wird nächſt Gottes Barmherzigkeit unſer früher ihn tref⸗ fendes Schwert verhüten.

Pſt! der Traumwandler kommt! ſprach Gramſel der Weber jetzt; Glutſchlacker, hal⸗ ben Leibes ſich aufrichtend, ballte die Fauſt am Griff ſeines Flammbergs.

Stille! ſtille! zurück! mahnten eindringlich flüſternd die Andern,ſtör' ihn in ſeinen Geſich⸗ ten nicht! Hier auf der Halde pflegt der Ritter vom Schatten mit der holden bräutlichen Echo, ſeinem luftzarten Liebchen, zu koſen.

II.

Ein junger Mann, dem dieſe Ausbrüche des Aergers und Spottes gegolten, Johannes Moos, des Stadtvogtes Geheimſchreiber, kam gemeſſenen Schrittes auf den Maibaum zu.

Lautlos an jene Stelle gelangt, wo das Kno⸗ chenwerk zu luftiger Säule geſchichtet ragte, blieb er ſtehen und betrachtete, vom Abendſchein umfloſ⸗ ſen, ſinnend die Reſte eines lang weggeſunkenen Geſchlechts.

Er war eine an Haltung und Weſen von den derben, vierſchrötigen Mannen des Gewerkes ſich auffallend unterſcheidende, nicht blos das Auge das Herz auch im tieſſten feſſelnde Erſcheinung. Welcher Menſch, neidlos und von zarter Empfin⸗ dung, mochte ihn ohne Bewunderung und ohne Liebe ſchauen? Hoch wölbte ſich die Denkerſtirn unter einer Fülle tiefbrauner Locken, die vom ko⸗ ſenden Luftzug den Schläfen angeſchmiegt, tiefer um das herrliche Oval ſeines Antlitzes ſich löſend, im Wellenſchwung zur Schulter fielen. Zwei ſchmal⸗ ſchattende, ſeidenweiche Bogen verliefen über der edlen, griechiſchen Naſe in eine Linie. Den ernſten Zug des feingeſchnittenen Mundes konnte der feine dunkle Bart nur halb in ſeinem Schatten bergen. Im Auge leuchtete durch die Nacht tiefen, beinahe ſchwermüthigen Sinnens der Blitz des Geiſtes. Das Morgenroth des Jugendlenzes aber hatte in die marmorne Bläſſe dieſer Wangen kein duftig Rös⸗ lein gehaucht.

Sein Aeußeres ſtimmte in edler Einfachheit zu ſeinem Charakter und war des damals bräuchli⸗ chen Tandes und Schmuckes bar. Ein ſchwarzes Barett mit gleichfarbiger Feder ſaß ſchlicht auf ſeinen Locken, ſtatt der vielgefältelten Halskrauſe war ein⸗ fach der ſchneeige Kragen des Hemdes ausgelegt. Ein ebenholzfarbiger, des Stickwerks und der Trod⸗ deln entbehrender Sammtrock zeigte, ſich anſchmie⸗

gend, die vollendet ſchönen Umriſſe ſeines mehr ſchlank als ſtämmig gebauten Körpers. Er trug kein Schwert doch konnte der lange, ſteinharte Taxusſtab in ſeiner Rechten, ſeine Stütze beim Bergſteigen, im Fall der Noth ihm auch als Waffe dienen.

Johannes Moos als Knabe frühzeitig verwaiſt war von dem ehrwürdigen Prior des Kloſters in Altwaſſer väterlich aufgenommen und zur Tugend und tiefernſter Beſchaulichkeit erzogen worden. Der Jüngling hatte als Hörer der Rechte und Weltweisheit an der Hochſchule Prags ſeine Ausbildung vollendet und war nun ſeit Jahresfriſt heimgekehrt, die Fülle ſeiner tiefen und außerordent⸗ lich mannigfachen Kenntniſſe zum Heil ſeiner Vater⸗ ſtadt zu verwerthen.

Jetzt richtete er aus ſeiner nachdenkenden Stel⸗ lung ſich auf und hob ſein Auge zum Wipfel des Maibaumes, von dem die anhangenden blanken Metalle blendende Blitze niederſchoſſen. Befriedigt durch das, was er erſchaut, nickte er vorbeiwandelnd zu Beiſtimmung und Abſchied zugleich den Meiſtern zu und ſtieg, langſam wie er gekommen, in's Thal hinunter.

Schweigend und geſpannt hatten die Rück⸗ bleibenden jede ſeiner Bewegungen verfolgk⸗s kaum war nun das dunkle Kleid im Düſter des Forſtes verſchwunden, ſo goßen die bis zum Augenblick verhaltenen Schleußen ihrer Rede ſich in einem Schwall über den ſtillen, ernſten Mitbürger aus.

Da ſchattet ſie dahin, die mondſüchtige Seele ohne Mark und Blut! begann Glutſchlacker bitter.Der Bücherwurm! hat er nicht Tinte in den Adern ſtatt warmer Lebensſäfte? Und das iſt auch ein Mann! Gnade Gott unſerem Städt⸗ lein, wenn die Art einmal mehrzählig wird. Sie wird ſtatt mit felsbrüchigem Geſtein mit Papier⸗ ballen ihr Weichbild verrammen, ſtatt mit gutem, gehärtetem Eiſen mit Gänſekielen fechten.

Und wie hoch ſtellt ihn der eiſerne Mann des Schwertes, der ſtrenge finſtere Stadtvogt! fügte Kluger bei;iſt das nicht ein hirnverrü⸗ ckender Widerſpruch? Wahrlich, wenn der Ritter vom Schatten, wie es verlautet, wirklich der ge⸗ heimen Wiſſenſchaft kundig, ſo möchte ich ſchier be⸗ haupten, daß er dem harten Kriegsmeiſter mit einem Zaubertränklein es angethan.

Das beſiegle ich mit dem Knopf meines Flammbergs! fiel Gramſel der Weber ein; wie hätte er ſonſt gegen Sitte und altgutes Her⸗ kommen den Milchbart unter den Aelteſten im Rathsſaal Sitz und Stimme verſchaffen können? Und die Rathsmänner ſelbſt hatten ſie Tau⸗ mellolch oder Tollbeeren gegeſſen, daß ſie ſolchem Antrag ſich willfährig zeigen, das feuchtohrige Bürſch⸗ lein als altersbürtig ſich einſchwärzen laſſen konn⸗ ten? Iſt ihre graue Weisheit ſo morſch und wurm⸗ ſtichig geworden, daß ſie an ſolch' grünem Holze ſich aufrichten und erkräftigen muß, ſo ſind wir,