Heft 
(1859) 10 10
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Fenilletan.

Muſik.

Wie alljährlich, ſo häuft ſich auch dießmal gegen das Ende der Saiſon die Anzahl der Konzerte, deren größerer Theil, als einer allerdings löblichen Wohlthä⸗ tigkeitstendenz wegen im Programm bunt zuſammen⸗ gewürfelt, dem wahren Kunſtintereſſe etwas fern ſteht und hier nur einfach als abgethan zu notiren iſt. Von wahrhaft großer Bedeutung erſchien jedoch das zweite Konzert des Konſervatoriums und die von der Tonkünſtler⸗Geſellſchaft zu Stande gebrachte Aufführung des großen OratoriumsSamſon von Händel. Er⸗ ſteres perherrlichte Servais, mit Recht der Erſte unter den jetzt lebenden Violoncelliſten, durch ſeine vollendete Kunſtleiſtung. Er ſpielte ſein C-moll-Konzert, dann die Phantaſie über ſlaviſche Volksmelodien. Die außer⸗ ordentliche Technik, Eleganz und Feinheit des Spieles, die nicht ſo ſehr mit Oſtentation, als vielmehr den Total⸗ eindruck des durch einen wunderbar großen Ton geho⸗ benen Vortrages illuſtrirend erſcheint, übt einen eigen⸗ thümlich wohlthuenden Zauber, wie ihn nur das von Meiſterhänden behandelte ſangvollſte aller Inſtrumente äußern kann. Die Konſervatoriums⸗Zöglinge traten dießmal als Soliſten in Geſangs⸗, Klarinett⸗ und Vio⸗ linkompoſitionen mit ſehr befriedigendem Erfolge auf, im Enſemble trugen ſie zuerſt unter Leitung des Herrn Direktors Spohr's Symphonie Nr. 2 in D-moll mit dem genaueſten Verſtändniß, hierauf eineKonzert⸗ Ouverture nach G. A. Bürger's Gedicht:Der wilde Jäger von C. M. Ritter v. Savenau unter des Kom⸗ poniſten Leitung vor. In letzterer zum erſten Male auf⸗ geführten Novität tritt der junge Komponiſt, nachdem er ſchon ſo manche gelungene Probe ſeines produktiven Talentes ſowohl in der Kammer⸗ als Vokalmuſik und im ſtrengen Kirchenſtyl gegeben, zuerſt in der Orche⸗ ſtralſphäre vor die Oeffentlichkeit. Die Bezeichnung die⸗

Erinnerungen. 1859.

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ſes Werkes alsOuverture iſt wohl deßhalb gewählt worden, um dem Vorwurf zu begegnen, als wolle der Komponiſt überhaupt die in der neueſten Zeit von ge⸗ wiſſer reformatoriſchen Seite aufgebrachte und verfolgte Richtung der Programmmuſik zu ſeiner eigenen machen. Dieſe Ouverture iſt aber jedenfalls ein geiſtreich angeleg⸗ tes und mit einer für den erſten Anfang ungewöhnli⸗ chen und anerkennungswerthen Routine und Inſtrumen⸗ tirungskenntniß aufgeführtes Tongemälde, welches ſich in richtiger Erkenntniß des äſthetiſchen Prinzips inner⸗ halb der Schranken der Inſtrumentalmuſik in der Art bewegt, daß es, inſoweit dieſer letztern die Aeußerung eines in allgemeinen Umriſſen gehaltenen Ausdruckes möglich iſt, denſelben mit allem diſponiblen Kunſtappa⸗ rat getreu und in richtigem Verhältniß zu der Steige⸗ rung der als Motto dienenden Epiſode verſinnlicht. Dabei enthält ſich der jugendliche Komponiſt mit Be⸗ ſonnenheit jeder kleinlichen Detailmalerei, durch welche zuweilen in der eigentlichen Programmmuſik der Ab⸗ gang des Sinnes für architektoniſches Ebenmaß, der Produktivität und der kunſtgerechten thematiſchen Durch⸗ führung, zum Zwecke, durch geſuchte Originalität oder eigentlich Bizarrerie den unbefangenen Laien zu blen⸗ den, beſchönigt wird. Sehr wirkſam deuten die beweg⸗ ten Violinpaſſagen und die alternirenden anregenden Stellen der Blechharmonie das tolle Treiben derwil⸗ den Jagd an und bilden zu den klagenden Phraſen der Holzbläſer einen überraſchenden und treffenden Ge⸗ genſatz. Der Expoſition dieſes erſten Haupttheiles, dem nur eine gedrängtere Kürze der Durchführung, dann eine auf die wirkſamere Steigerung gegen den Schluß hin abzielende, angemeſſene Vertheilung und Kombinirung der Klangfarben und Tonmaſſen zu wünſchen wäre, folgt nach einem impoſanten Ruhepunkte als zweiter Haupttheil die muſikaliſche Zeichnung des dämoniſchen Elementes, die in jeder Beziehung ſehr gelungen iſt,

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