Heft 
(1859) 10 10
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299 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Johanna ergriff Katharina's Hand und Thränen trübten ihre Augen.

Denk, Katharina, eine Mutter ſpreche zu Dir, folge ihrem wohlmeinenden Rathe. In Dir ſieht man nicht meine Freundin, nur Alopo's Schweſter und Sforza's Gattin. Begib Dich zur Schweſter Deines Gemals, ihre Macht wird Dich ſchirmen, bis uns wieder beſſere Zeiten werden. Dann öffnen ſich Dir wieder meine Arme.

Eure Güte beſchämt mich, ſprach Katha⸗ rina und barg ihr Haupt am Buſen der ihr ſo freundlich zuredenden Königin.

Pandolfello trat ein und blieb ſchweigend vor der Gruppe ſtehen.

Sieh ba, Alopo, ſprach Johanna,ein düſterer Tag ging uns heute auf; was wird er uns noch bringen, ehe er ſcheidet!

Pandolfello trat an's Fenſter, das er öffnete. Indem er lauſchend hinausblickte ſprach er dumpf:

Da brauſt und brandet die Fluth des Vol⸗ kes und ſchwillt dem Grafen von Marche ent⸗ gegen, der als König ſeinen feierlichen Einzug in Neapel halten wird!

In Neapel als König, ſagſt Du?! rief die Königin erſtaunt,und hab' ich keine Macht, dieſe Uſurpation zu hindern? So hält er den Vertrag, dahin brachte mich das drängende Anſuchen der Barone? Welche Luſt, bald Dienerin König Jakob's zu ſein! Warum doch hatte ich keinen feſten, un⸗ beugſamen Sinn! Doch noch weich' ich nicht! Laß den König Jakob nahen, laß des Volkes Maſſe beim Bewillkommnen ſich heiſer ſchreien! Den Gra⸗ fen, den Gatten habe ich erwartet, nicht einen Feind, nicht den Räuber meiner Krone!

Alles Wehren, Königin, iſt jetzt vergebens! Tretet dem Könige freundlich entgegen, entfernt al⸗ len Schein des Zornes. So könnt Ihr hoffen, wie⸗ der einige Macht und Sforzass Freiheit, welcher die Eure erringen wird, zu erlangen. Mich laßt als Sühnopfer ſinken in dieſem Sturme!

Dich ſinken?! riefen erſchrocken die Königin und Katharina.

Cäſar's und des Königs Grimm, ſprach Alopo ruhig,entladet ſich auf meinem Haupte, an Euch zieht er unſchädlich vorüber. Ich füge mich allem, denn ich dulde für Euch.

Er wagt es nicht, Dich von mir zu reißen!

Königin, Sforza warf man in den Kerker, mich führt man zum Tode! 4

Du ſollteſt ſterben, in der Blüthe Deiner Zugend ſterben?! O, wenn ich denn nicht mehr die Macht beſitze, Dich zu retten, ſo erhöre mein Flehen, Alopo, und fliehe, fliehe mit Deiner Schweſter!

Fliehen? hieße das nicht eine Schuld beken⸗ nen, von der ich mich doch frei fühle? Und ge⸗ länge es mir, aus ihrer Mitte zu entrinnen, dann träfe ihre Wuth ſtatt meiner Euch!

Die Königin warf ſich in einen Seſſel und weinte ſtill vor ſich hin.

Das iſt das königliche Hochzeitsfeſt in Noth und Thränen!

Pandolfello trat mit ſeiner Schweſter Ka⸗ tharina an's Fenſter.

Katharina, mein trauriges Los iſt ent⸗ ſchieden. Mein Tag iſt zu Ende, komme denn die Nacht! Nur Deiner will ich noch denken, Deine zärtliche Liebe gegen mich war mir Sonnenlicht und Wärme, habe dafür herzlichſten Dank. Du reichteſt Sforza Deine Hand meines Wohles wegen. Deine Liebe zu mir war ja ſo innig, ohne Gren⸗ zen, jedes Opfers fähig. Sforza iſt ein bied'rer Eiſenmann, der Dich zu ehren weiß; doch klage nicht über ſeinen Fall. Der Held wird nicht lange in Banden bleiben, er findet wieder ſeine Bahn zu ſeinem Wirken. Ich dagegen war nichts als ein Günſtling, den der erſte Sturm zerſchmettert, und ſo mag ich denn fallen, um mich nie wieder zu erheben. Du aber lehe Deinem Gatten und mei⸗ nem Angedenken. x.

Katharina lag weinend an Pandolfel⸗ lo's Bruſt.

Die Königin trat zu ihnen.

Wenn es geſchieden ſein muß, ſprach ſie, ſo reißt euch ſchnell vom liebenden Herzen, denn ſchon verkündet der wachſende Lärm das Nahen unſerer Dränger.

Draußen hatte ſich der trübe Tag erheitert, einzelne lichte Sonnenſtrahlen ergoſſen ſich aus den zerriſſenen dunklen Wolken. Aus dem herrlichen Neapel wogte das freudig jauchzende Volk und drängte ſich auf dem Strande. Alle Herzen ſchlu⸗ gen dem Ankommenden erwartungsvoll entgegen. Wird er beſſere Zeiten bringen und Aller Wünſche erfüllen?

Sie nahen, ſie nahen! brauſte es verwor⸗ ren durch das ſich drängende Volk. Jeder freudige Ruf drang wie ein Dolchſtoß durch das Herz der Königin, die bleich, mit naſſen Augen, das Haupt auf die vor Aufregung zitternde Hand geſtützt, hin⸗ ausblickte.

Alles hat mich verlaſſen! ſprach ſie langſam und Thränen glitten über ihre Wangen,Alles ſtrömt dem Sieger entgegen und bald ſeid auch ihr Theuren mir entriſſen! 5

Der Zug kam näher.

Umgeben von ſeinen Franzoſen und den nea⸗ politaniſchen Baronen ritt Jakob unter einem ver⸗ goldeten Baldachin, begrüßt vom begeiſterten Zuruf des Volkes, in Neapel ein.

Wetterwendiſches Volk! rief Johanna, ſonſt jauchzte es mir zu, wenn ich mit königlicher Freigebigkeit Gnaden austheilend, umgeben von meinem Adel, durch ſeine Mitte zog! Wo iſt jetzt die Erinnerung an meine Wohlthaten! O Jakob, auch Du wirſt einſt den Abfall desſelben Volkes beklagen müſſen, wenn Du nicht alle ſeine Wünſche