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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Ein franzöſiſches Provinz⸗Journal veröffentlicht fol⸗ gendes unfehlbare Heilmittel gegen die Hunds⸗ wuth. Man ſoll bei einem Apotheker drei Handvoll Dattra⸗Stramonium(Stechapfel) nehmen, es in drei Seidel Waſſer auf die Hälfte einkochen laſſen und dem Kranken auf einmal eingeben. Nach kurzer Zeit ſtellt ſich ein heftiger aber nicht lange anhaltender Wuthan⸗ fall ein; reichlicher Schweiß tritt ein und nach 24 Stun⸗ den iſt der Kranke vollkommen hergeſtellt.— Dieſes Heilmittel wurde von dem R. P. Legrand, Miſſionär in Anam und Tokin, mitgetheilt. Der ehrw. Vater hat es ſelbſt erprobt und bei 60 Befallenen 60 Heilungen erzielt.
Wenn in der Bretagne die Mutter eines Säug⸗ lings ſtirbt, ſo wird das Kind von allen andern Müt⸗ tern der Gemeinde oder des Dorfes als ihr eigenes angenommen. Der Prieſter wählt eine Mutter aus, in welche er ſein beſonderes Vertrauen ſetzt, und ſie em⸗ pfängt den heiligen Dienſt, für das Kind zu ſorgen, als ein Geſchenk des Allmächtigen. Iſt eine zu arm, als daß ſie das Kind allein unterhalten könnte, ſo ver⸗ einigen ſich mehrere für dieſen Zweck. Eine der Mütter nimmt das Kind in ihre Wohnung auf und die andern warten und pflegen es ſtundenweiſe abwechſelnd. Alles, was auf die Kindheit Bezug hat, wird in der Bretagne mit frommen Gebräuchen umgeben. Niemand geht an einer Frau, die ein Kind trägt, vorüber, ohne zu ſagen: „Gott ſegne Dich!“ Selbſt der eingefleiſchteſte Haß wird durch dieſe Sitte entwaffnet. Der unverſöhnlichſte Menſch wird ſeinem Feinde ein Segenswort zurufen, wenn derſelbe ein Kind auf dem Arme hat.
Am 25. März ſtarb in Chrudim die Taglöhners⸗ Witwe Margaretha Kroupa im Alter von 106 Jahren. Dieſelbe war eine geborene Türkin. Während einer Belagerung von Belgrad hatten die ſich flüchtenden Tür⸗ ken ein kleines Kind zurückgelaſſen, welches von einem böhmiſchen Soldaten aufgefunden wurde, der es an Kindesſtatt annahm, taufen ließ und auf ſeinem Torni⸗ ſter bis in ſeine Heimat trug.
Einen Beweis, wie häufig der Name als Werth⸗ meſſer eines Kunſtwerkes zu gelten pflegt, liefert ein Vorgang, der kürzlich in Paris ſtattgefunden und in den muſikaliſchen Kreiſen das ſchadenfrohe Tagesgeſpräch bildet. Die Pariſer Chorgeſellſchaft hat einen Preis für eine kirchliche Kompoſition ausgeſchrieben. Unter ande⸗ ren Werken liefen zwei Tonſtücke ein, welche von dem Beurtheilungskomité als unbrauchbar bezeichnet wurden. Als hierauf die Adreſſenzettel behufs der Retournirung geöffnet wurden, fand ſich der Name C. M. v. Weber. Ein deutſcher Künſtler machte ſich nämlich das Vergnü⸗ gen, zwei von den bereits im Drucke erſchienenen treff⸗ lichen Kirchenkompoſitionen Webers abzuſchreiben, ihnen den im Preisausſchreiben beſtimmten Text zu unterle⸗ gen, ſelbe der Jury einzuſenden und ihr ſo auf den Zahn zu fühlen. Die Myſtifikation gelang auf das Glänzendſte und die Preisrichter haben ſich auf das Unſterblichſte— blamirt.
Gerichtliches.
In München begann am 31. v. M. vor dem ober⸗ bairiſchen Schwurgerichte die Verhandlung über einen Fall, der im vorigen Jahre ſchmerzliches Aufſehen ge⸗ macht: den von dem 22jährigen Studenten Georg Ferner aus Edenkoben an ſeiner Geliebten verübten Mord. Nach der Anklageſchrift wird G. Ferner als ein talent⸗ voller, gut beleumundeter junger Mann geſchildert, der im verfloſſenen Herbſte nach vollendeten juridiſchen Stu⸗
dien ſein theoretiſches Schlußexamen machen ſollte. Im Winter vorher hatte er mit der Bildhauerstochter Frie⸗ derike Sanguinetti ein Liebesverhältniß angeknüpft; dieſe hatte auch eine übrigens nicht leidenſchaftliche Zunei⸗ gung für ihn, da ſie öfters gegen Freundinen äußerte, ſle önne nicht abwarten bis G. Ferner ihr eine Ver⸗ ſorgung zu bieten im Stande ſei, weßhalb ſie das Ver⸗ hältniß mit ihm bei deſſen Abreiſe von München löſen wolle. Zugleich zeigte ſie ſich aber beſorgt über Dro⸗ hungen Ferner's gegen ſie, die dahin gingen, er werde ſich ſelbſt den Tod geben, wenn ſie ihm nicht treu bleibe. In Folge dieſes Verhältniſſes willigte Friederike San⸗ guinetti auch zwei Mal ein, mit G. Ferner in dem Gar⸗ ten ihrer Eltern, hinter der Anlage der Glyptothek, zuſammenzukommen; das dritte und letzte Mal kam ſie mit G. Ferner am 7. Oktober Abends zuſammen, da derſelbe wenige Tage darauf abreiſen ſollte und wollte hiebei die dem Ferner ſchon früher abgegebene Erklärung wiederholen, daß ſie ſich für die Zukunft nicht binden könne. Dieſer aber war in den letzten Tagen ſehr nie⸗ dergeſchlagen, ohne daß man indeß an ihm eine auf⸗ fallend erregte Gemüthsſtimmung wahrnehmen konnte. Seine Freunde kannten ſeinen ſchwärmeriſchen Charakter und ſeine Liebe, aber nichts ließ darauf ſchließen, daß er zu irgend einem Gewaltſchritte entſchloſſen ſei. Es finden ſich jedoch Schriften Ferner's bis zum 21. Sep⸗ tember 1858 rückwärts vor, worin er von Selbſtmord und einer vorangehenden Tödtung ſeiner Geliebten ſpricht; dazu kommt, daß er gegen Ende Septembers ſich mit einem Doppelterzerol, ſechs Kugeln und Kapſeln verſehen und ſo bewaffnet ſich bei dem letzten Rendez⸗ vous eingefunden hat. Von dieſem Augenblick ab machte nun Ferner verſchiedene Angaben: bald behauptete er, daß er den Entſchluß, das Mädchen zu tödten, erſt im Garten gefaßt habe, als er dort eine halbe Stunde lang allein gewartet; bald ſagte er, erſt der letzte Moment der Trennung hätte ihn zu der allerdings ſchon vor⸗ bereiteten Handlung hingeriſſen. Als Motiv der That gab er bald Eiferſucht, bald die Unmöglichkeit an, ſich in eine Trennung zu finden, welche ihm auch den Ge⸗ danken des Selbſtmordes eingeflößt habe. Wieder ein andermal äußerte er, er habe das Mädchen erſchoſſen, als ſie davon eilte, weil er geglaubt habe, ſie wolle wegen des von ihm beabſichtigten Selbſtmordes Lärm machen, oder die Piſtole habe ſich bei der Bemühung ſeiner Geliebten, ihn vom Selbſtmorde abzubringen, gegen ſeinen Willen entladen. Die That ſelbſt fiel um 10 Uhr Abends vor und um 11 Uhr meldete ſich Ferner auf der k. Polizeidirektion, wo er ſogleich ſeine That geſtand und jede verlangte Antwort richtig abgab, wenn auch mit Zeichen geiſtiger Aufregung. Die Leiche fand man am bezeichneten Orte, dort lagen auch abgeriſſene Stücke von dem Kleide des Mädchens, man ſah viele Fußtritte von Beiden in den Beeten des Gartens, ſo wie Pulvexreſte in Papier eingewickelt. Der Schuß war durch die Bruſt eingedrungen, hatte die Leber und die großen Blutgefäße des Unterleibes zerriſſen, ſo daß der augenblickliche Tod die nothwendige Folge war. G. Ferner war unmittelbar nach der That in den engliſchen Garten geeilt, in der Abſicht ſich ſelbſt das Leben zu nehmen; das Rauſchen des Waſſers ſoll ihn aber zu ſich gebracht und an die Pflicht erinnert haben, der weltlichen Gerechtigkeit Genüge zu thun. Aus dieſem Grunde warf G. Ferner die Piſtole ins Waſſer und ſtellte ſich auf der Polizei⸗Direktion.
Der Eigenthümer der„Preſſe“ Herr Zang gegen den Redakteur der„Kirchenzeitung“ Herrn Dr. Seba⸗ ſtian Brunner. Im k. k. Wiener Landesgerichte wurde am 31. März die Privatangelegenheit des Herrn Zang, Eigenthümer der„Preſſe“, wider Dr. Sebaſtian Brunner, Redakteur der„Wiener Kirchenzeitung“, wegen Fhreubeloidiopng durch dieſes Blatt zum Austrag ge⸗ bracht.


