288 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
über die Wahl der Berufes aufkommen läßt. Dagegen zeigte ſich bald jene Vielſeitigkeit des Talentes, durch die ſpäter dieſes Künſtlers Anſchauungen und Beſtrebungen in der Sphäre ſeines Schaffens weſentlich beeinflußt und charakteriſirt wurden. Sein Stiefvater beſtimmte ihn der Malerei, alsdann trat eine Nei⸗ gung zur Dichtkunft hervor, und bald darauf gewann wiederum der Entſchluß, Muſiker werden zu wollen, die Oberhand. Hiezu kam noch die ausgeſprochene Apathie Wagner's gegen die tro⸗ ckenen Studien der künſtleriſchen Technik, welche ihn in ſeinen Neigungen zu dieſer oder jener„Sonderkunſt“ nicht beharren ließ, und vielmehr ein mannigfaches unvermitteltes Ueberſprin⸗ gen von Einem zum Andern begünſtigte.
Wie wenig ernſtlich übrigens Wagner in ſeinen Jugend⸗ jahren daran dachte, ſich ganz der Kunſt zu widmen, geht dar⸗ aus hervor, daß er während ſeines Beſuches der Kreuzſchule in Dresden, wohin ſeine Familie ſich inzwiſchen von Leipzig aus gewandt hatte, ein wiſſenſchaftliches Fachſtudium zu ergreifen gedachte. Nur nebenher gab er ſich abwechſelnd dichteriſchen und muſikaliſchen Verſuchen hin. Ein paar Jahre ſpäter führte ihn ſein Schickſal nach Leipzig zurück, wo er behufs Vollendung ſeiner Gymnaſialbildung die Nikolaiſchule beſuchte. Hier fing ſein künſtleriſcher Trieb an ſich ſtärker zu entwickeln. Wagner vollendete ein in Dresden bereits entworfenes Trauerſpiel und ſetzte eine Muſik dazu, ohne jedoch im Beſitze irgend welcher theoretiſchen Kentniſſe zu ſein. Auch komponirte er demnächſt ſelb⸗ ſtändige Stücke für Orcheſter, während ihm die zeitweilige Anleitung und Unterweiſung eines Muſikers von Fach zu Theil wurde. Dieſe Arbeiten nahmen ihn ſo ſehr in Anſpruch, daß ſein Schulfleiß darunter litt. Dennoch beendete er trotzdem den Gymnaſial⸗Curſus mit dem achtzehnten Jahre, und nachdem er die Schule verlaſſen, beſuchte er eine Zeitlang philoſophiſche Col⸗ legia auf der Univerſität Leipzig.
Die künſtleriſchen Beſtrebungen Wagner's waren inzwiſchen ins Stocken gerathen. Doch wurden ſie plötzlich wieder aufge⸗ nommen, und zwar in beſonderer Beziehung auf Muſik. Wag⸗ ner entſchloß ſich bei dem zu jener Zeit in Leipzig an der Thomasſchule wirkenden Cantor Weinlig theorotiſchen Unterricht zu nehmen. Denſelben genoß er eine verhältnißmäßig kurze Zeit hindurch. Jetzt folgten verſchiedene Kompoſitionen, von denen beſonders eine Symphonie namhaft zu machen iſt, welche ſogar eine Aufführung in den Leigziger Gewandhaus⸗Konzerten erlebte. Von hier ab zeigte Wagner indeſſen faſt ausſchließlich den Trieb zu dramatiſch⸗muſikaliſcher Geſtaltung; er kompo⸗ nirte zunächſt nur noch Opern mit Ausnahme einer„Fauſt⸗ ouverture“. Von dieſen Opern, die jedoch alle unbekannt ge⸗ blieben ſind, werden genannt:„die Hochzeit,“„die Feen“ und „das Liebesverbot“. Der Komponiſt hatte ſich zu ihnen die Texte ſelber gemacht.
Im einundzwanzigſten Jahre trat Wagner in die muſika⸗ liſch⸗praktiſche Wirkſamkeit ein, und zwar wurde er ſogleich Muſikdirektor am Magdeburgiſchen Theater. Hier verblieb er in ſeiner Stellung von 1834—36. Nach Ablauf dieſer Zeit ging er in gleicher Eigenſchaft an die Königsberger Bühne und ſodann als Muſikdirektor nach Riga. Dort nun ſchritt Wagner 1838 zur Ausführung derjenigen Oper, die ſpäter von mannig⸗ facher Bedeutung für die äußere und innere Geſtaltung ſeines Lebens werden ſollte, und zu der er ſchon im Jahre vorher den Plan gefaßt hatte:„Cola Rienzi, der letzte der Tribunen“. Inmitten dieſer Schöpfung kam ihm der Entſchluß, nach Paris zu gehen, welchen er auch im Sommer 1839 wirklich aus⸗ führte. Ohne im Beſitze ausreichender Subſiſtenzmittel zu ſein, wurde der andauernde Aufenthalt in dieſer Weltſtadt für Wag⸗ ner eine Quelle materieller Sorgen und Entbehrungen. Sein reger, elaſtiſcher Geiſt leiſtete jedoch der ihn heimſuchenden Proſa des Lebens kräftigen Widerſtand, ſo daß er nicht allein den Rienzi vollendete, ſondern auch außerdem noch das Buch und die vollſtändige Muſik zum„fliegenden Holländen“ komponirte, zu welchem ihm auf der Seereiſe nach Paris über London An⸗ regung geworden war. Dieſe zuletzt entſtandene Oper wurde
durch Vermittelung Meyerbeer's, der Wagner überhaupt während ſeines Pariſer Aufenthaltes mannigfache Beweiſe eines that⸗ ſächlichen Wohlwollens gegeben hatte, von der Berliner Hof⸗ bühne zur Aufführung angenommen. Faſt gleichzeitig erfolgte die Annahme des„Rienzi“ an dem Dresdener Hoftheater. Dieſe Ereigniſſe veranlaßten Wagner zur Rückkehr nach Deutſchland, die im Frühjahr 1842 erfolgte. Er wandte ſich zunächſt nach Dresden und wohnte dort der erſten, im ſolgenden Jahre be⸗ werkſtelligten Aufführung des„Rienzi“ bei, welche Oper ihm das ehrenvolle Amt eines königlich ſächſiſchen Hofkapellmeiſters eintrug. Der Erfolge des„Rienzi“ gab Veranlaſſung, ſehr bald auch den„fliegenden Holländer“ aufzuführen. Während des Dresdener Aufenthaltes entſtand außer einer Cantate,„das Liebesmahl der Apoſtel“, die Oper:„Tannhäuſer“ und der Entwurf zu„Lohengrin“. Der Tannhäuſer ging bald nach ſeiner Entſtehung im Jahre 1845 über die Dresdener Hofbühne, wo⸗ gegen der Lohengrin, in Zürich beendigt, im Laufe des Jahres 1855 und zwar auf dem Weimar'ſchen Hoftheater ſeine erſte Darſtellung erlebte. Seit dieſer Zeit erſt fing das Intereſſe für Wagner's Bühnenſchöpfung an, ſich zu verallgemeinern, in⸗ dem namentlich der Tannhäuſer eine erfolgreiche Runde über die meiſten deutſchen Theater machte, während die Aufführung Wagner'ſcher Opern bis dahin faſt ausſchließlich auf Dresden beſchränkt geblieben war.
Wagner verblieb in ſeiner Stellung als königlich ſächſiſcher Kapellmeiſter bis Anfang 1849; in Folge ſeiner Betheiligung an dem Dresdener Maiaufſtande ſah er ſich genöthigt, die Flucht zu ergreifen. Er ging zunächſt nach Paris und von da nach Zürich, wo er ſein dauerndes Domicil nahm. Hier war Wag⸗ ner ſehr thätig. Er ſchrieb dort„die Kunſt und die Revolu⸗ tion“,„das Kunſtwerk der Zukunft“,„Oper und Drama“, ſowie den ſogenannten„Nibelungenring“, deſſen drei Theile „die Walküre“,„der junge Siegfried“ und„Siegfrieds Tod“ benannt ſind. Von dieſer Trilogie, zu welcher noch ein Vorſpiel gehört, ſo daß die vollſtändige Aufführung vier auf einander folgende Abende beanſpruchen würde, ſoll der erſte Theil bereits in Muſik geſetzt ſein. Außerdem wird noch die Kompoſition eines in Zürich entſtandenen muſikaliſchen Drama's„Triſtan und Iſolde“ genannt. Wagner's Aufenthalt in Zürich währte mit zwei Unterbrechungen, während welcher er in Paris und London war, bis zur Mitte des Jahres 1858. Seit dieſer Zeit lebte er in Venedig.—
Rebus von Rermann Schirſchante. I J.⁴
Rebus von Reinrich WMöchel.
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Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag.
Ausgegeben am 15. April 1859.
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