Heft 
(1859) 9 09
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Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Böhmiſche Nationaltänze.*)

Es iſt eine längſt anerkannte Thatſache, daß keine Nation mit einer ſo glühenden Vorliebe dem Vergnügen des Tanzes huldigt, als die ſlaviſche, und in dieſer nimmt wieder der polniſche und czechiſche Stamm den Vorderrang ein. Können ſich die Polen rühmen, die ſchönſten Tänze zu beſitzen, ſo dürfen die Böhmen ſtolz darauf ſein, daß ſie die meiſten Tänze haben; denn überall, wo ſie geſellſchaftlich zuſammenkommen, muß geſungen, gelubelt und getanzt werden. Keine Hochzeit, keine Kindstaufe, kein Erntefeſt, keine Kirch⸗ weihe, ja ſelbſt kein Begräbniß eines Junggeſellen oder einer Jungfrau kann vorübergehen, ohne mit Geſang und Tanz gefeiert zu werden; ſogar der Lein kann, dem Volksglauben nach, nicht gut gerathen, wenn die Säerin, und wäre ſie noch ſo alt, in der Faſtnachts⸗ woche oder am Kirmeßtage ſich nicht am Tanzboden einfände und ihren Reigen tanzte.

Schön und zierlich tanzen können gilt unter der böhmiſchen Dorfiugend ſtets für ein glänzendes Ver⸗ dienſt, und der Burſche oder das Mädchen, welche die größte Leichtigkeit und Vielſeitigkeit im Tanzen ent⸗ wickeln, genießen auch das höchſte Lob und Anſehen.

Der Tanz gibt ferner den böhmiſchen Dorfburſchen die rechte Gelegenheit, Parade zu machen. Sie haben bei den Sonutagsmuſiken gewöhnlich die Jacken ausge⸗ zogen und zeigen das blendend weiße, fein geſtickte Feſttagshemd und die ganze Pracht einer Sammtweſte mit ſilbernen Knöpfen. Vorn im Gürtel hängt ihnen ein weißes, gleichfalls mit hübſchen Stickereien aus⸗ ſtaffirtes Schnupftuch herab und weht in der Luft wie eine Flagge; denn wie die Letten mit den Handtüchern, ſo machen die Böhmen und auch die Ungarn und Wal⸗ lachen mit den Schnupftüchern während des Tanzes ſehr gerne Parade. Dabei ſchnalzen ſie mit den Fingern, jubeln wiederholt laut auf und begleiten die Muſik mit Geſang und improviſirten Scherzen.

Die muſikaliſche Begleitung iſt beim Tanze ent⸗ weder reine Inſtrumentalbegleitung, oder man tanzt zum Geſange. Letztere Art waltete in früheren Zeiten bei den böhmiſchen Dorfbewohnern vor: die mannigfachſten Tanzlieder wechſelten mit den Tönen des Dudelſackes oder Hackbrettes, wornach die fröhliche Bauernjugend in den Schänkſtuben, in den Scheuertennen oder uuf freien Grasplätzen ihre Reigen ausführte. In unſeren Tagen jedoch ſind Dudelſack und Hackbrett(cymbäl) ſchon ziem⸗ lich ſelten geworden; nur in wenigen Dörfern haben ſie ſich in ihrer alten Würde und Geltung erhalten, und werden an vielen Orten nur als Kurioſität ange⸗ ſehen und eine Weile lang angehört. Eine um ſo wich⸗ tigere Rolle ſpielt nun bei den ländlichen Tanzunter⸗ haltungen der Leierkaſten und die Harfe, bei grö⸗ ßeren Feſtlichkeiten das Dorfmuſikanten⸗Orcheſter.

Die Namen der Tänze leiten ſich entweder von dem Inhalt des begleitenden Tanzliedes her, oder von dem in ihnen hauptſächlich veranſchaulichten, nachge⸗ ahmten Gegenſtande, oder ſchließlich von dem Orte, wo ſie entſtanden und zumeiſt beliebt ſind.

Unter ſämmtlichen böhmiſchen Tänzen nimmt un⸗ ſtreitig den erſten Rang ein: die Polka. Zu An⸗ fang der dreißiger Jahre tanzte ein junges Bauernmäd⸗ chen, das in Elbeteinitz bei einem Bürger im Dienſte ſtand, eines Sonntagnachmittags zur eigenen Erheite⸗ rung einen Tanz, den es ſich ſelbſt erdacht, und ſang hiezu eine paſſende Melodie. Der dortige Lehrer, Na⸗ mens Joſef Neruda, der zufällig anweſend war, ſchrieb die Melodie nieder, und der neue Tanz wurde kurze Zeit darauf zum erſten Male in Elbeteinitz getanzt. Um das Jahr 1835 fand er in der böhmiſchen Metropole

*) Auszug ausBöhmiſche Nationaltänze. Culturſtudie von Alfred Waldau. Prag. Hermann Dominikus. 1859.

Eingang und erhielt dort, wahrſcheinlich wegen des in ihm waltenden Halbſchrittes von dem böhmiſchen Worte půͤlka, d. i. die Hälfte, den NamenPolka. Vier Jahre ſpäter wurde er durch eine Abtheilung des Mu⸗ ſikchors der Prager Scharfſchützen unter der Leitung des Kapellmeiſters Pergler nach Wien gebracht, woſelbſt Muſik und Tanz ſich einen außerordentlichen Beifall errangen. Im Jahre 1840 tanzte zuerſt Raab, ſtändi⸗ ſcher Tanzlehrer in Prag, dieſe böhmiſche Polka auf dem Odéontheater zu Paris mit ausgezeichnetem Er⸗ folge, worauf derſelben mit ſtaunenswerther Schnellig⸗ keit der Eingang in die eleganten Salons und Ballſäle von Paris geſtattet wurde.

Die erſte Polka, die im Muſikalienhandel erſchien, war von Franz Hilmar, Lehrer in Kopidlno komponirt. Sie wurde noch am 27. Februar 1859 in der Mai⸗ länder Scala vom großen Orcheſter ausgezeichnet ge⸗ ſpielt, indeſſen die Prima ballerina auf der Bühne den ſchönen, einfachen böhmiſchen Tanz aufführte.

Als eine Abart der Polka erſcheint der Trasäk, welcher nichts Geringeres iſt, als die ſeit mehreren Jah⸗ ren in der Salonwelt ſo ſehr beliebt gewordenePolka tremblante. Im Jahre 1844 wurde er durch den be⸗ rühmten Tanzlehrer Cellarius in Paris eingeführt.

Die nächſten Anverwandten des Trasäk ſind wieder die Trinozka und die Skoéënä, welche letztere ſich ſelbſt in viele deutſche Gegenden verirrt hat und, z. B. in Wien unter dem NamenZäpperlpolka, ſehr häufig getanzt wird.

Ein beliebter Tanz iſt ferner die Kalamajka. Die⸗ ſelbe iſt urſprünglich ein mit Geſang begleiteter, fröh⸗ lich hüpfender Tanz der karpathiſchen Slaven, bekam ſeine Benennung von dem Städtchen Kolomyi am Pruth, und beſteht aus zwei Repriſen zu vier Takten im Zwei⸗ vierteltempo. Der dabei gebräuchliche Liedertext lautet in wörtlicher Uebertragung:

Tanzt die Kalamajka fort, Schonet nur die Stieſel wohl, Denn die Sohlen reißen ſchnell, Nur die Stiefelröhre bleibt.

An die Kalamajka reihen ſich die verwandten Tänze: Klouzäk, Dupäk, Vosñäk u. a., in denen der Frohſinn und die Luſtigkeit ihre höchſte Stufe erreichen, und die ſich bisweilen bis zur bacchantiſchen Wildheit ſteigern. Eigenthümlich iſt der Anblick, den ſie darbieten. Schnell, wie der Wind die Mühle treibt, ſo geht es auf dem Tanzboden um, daß ſelbſt den ruhigen Zuſchauer der Schwindel ergreift. Nicht nur ein einziges Paar erfaßt ſich, ſondern vier, fünf, und wohl auch noch mehr rei⸗ chen ſich in kreisförmiger Verſchlingung die Hände; Alles reißt ſich rund um und wirbelt ſich hinab, fliegt wie der Blitz dahin, und jauchzt und jubelt. Eine Er⸗ müdung, ein Raſthalten ſcheint gar nicht eintreten zu wollen: je länger der Tanz währt, deſto berauſchter, deſto ſeliger werden die Tänzer.

Ein vollkommenes Gegenbild dieſer wildentflamm⸗ ten Tänze bietet uns die Sousedskäà; ſie ſtellt gewiſſer⸗ maßen ein ſich leicht drehendes Paar vor, das ſich zur ſehnſüchtig zärtlichen Fröhlichkeit vereinigt hat. Bei den ſonntägigen Dorfmuſiken wird ſie ſehr gern getanzt, ja ſelbſt ältere Perſonen nehmen mit Vergnügen daran Antheil. Oft geſchieht es ſogar, daß nur die ehrenwerthen Väter und Mütter des Dorfes mit feierlichem Anſtande paarweiſe im langſainſten Dreivierteltakte dahin ſchlei⸗ fen, indeß die feurige Jugend nur vergnügt das ſchöne Schauſpiele betrachtet.

Von ſanfterer Natur iſt auch der Hulän(der Uhlane), der einer der beliebteſten Tänze in den böh⸗ miſchen Dörfern iſt. In ſeinem Schritte ähnelt er ſehr dem bekannten Schottiſchen.

In einem andern, mehr dem Genre der deutſchen Volkstänze verwandten Takte bewegt ſich der Baboräk