278 Erinnerungen. Illuſtrirte Bätter für Ernſt und Humor.
„P.— Wo haben wir Hermann's Gebeine, wo ſein Schlachtſchwert aufzuweiſen? Die Slaven ſind glücklicher daran, denn jetzt hat ein Dr. Sch. Libuſſa's wohlerhaltenes Skelett, ihre ganze Rü⸗ ſtung, ihre Krone, ihr Szepter aufgefunden!“
Klaps lächelt und nimmt eine belgiſche Zei⸗ tung zur Hand.
„P.— Eine ſonſt kaum genannte Stadt dringt ſich jettt der Welt auf und wir wollen es geſtehen, nicht mit Unrecht, beſonders wenn wir berichten, daß in ihr Libuſſa's mumienartige Leiche und ihr ganzer Krönungsornat ſammt Szepter und Reichs⸗ apfel aufgefunden wurden. Libuſſa ſoll im ſiebenten Jahrhundert unter dem Slavenvolke als Seherin und Herzogin gelebt haben. Ihr glücklicher Auffin⸗ der hat ſchon einen türkiſchen und einen ruſſiſchen Orden bekommen!“
Klaps legt das Blatt nieder und lieſt das Programm für die heutige Sitzung, auf welchem es unter anderem heißt:
„Dr. N. will ſich erkundigen, wer etwa von den Anweſenden das unlängſt von der„Poſaune“ aufgefundene Libuſſa⸗Skelett unterſucht habe; zu⸗ gleich ſoll der Auffinder erſucht werden, dasſelbe der Verſammlung demnächſt vorzuzeigen.“
Klaps unterbricht ſeine Lektüre, denn ein neuer Gaſt erſcheint, der ſich demuthsvoll verbeugt. Es iſt niemand Anderer als Euſtachius Schna⸗ bel, der hier ſo unerwartet auf ſeinen Gegner und Kollegen, Herrn Klaps, ſtößt.
Allmälig füllen ſich die Räume des Saales.
Der Präſident klingelt, nachdem die Mitglie⸗ der um den langen grünen Tiſch Platz genommen. Nach einigen vorausgegangenen Debatten erſucht Dr. Y. um geneigtes Gehör, welches ihm auch freundlichſt zugeſtanden wird. Die ſchon früher zitirten Zeitungsblätter liegen vor ihm ausgebreitet.
„Ich ſetze den Inhalt dieſer Blätter als be⸗ kannt voraus,“ beginnt Y. nach längerem Räuſpern, „und erkläre der geehrten Verſammlung, daß ich es auf mich genommen, die näheren Daten über den ſo wichtigen Gegenſtand zu ermitteln.“(Bei⸗ fälliges Gemurmel. Hört! hört!)„Um nun dieſes mein von Ihnen belobtes Vorhaben in's Werk zu ſetzen, begab ich mich zu Herrn Schnabel, dem Entdecker der fraglichen Kleinodien, um mit ihm perſönlich zu verhandeln, konnte ihn aber nie zu Hauſe treffen.“
„Hier iſt Schnabel!“ ruft dieſer ſich ver⸗ geſſend aus,„wir entziehen uns Niemanden, der uns ſprechen will!“
Alles blickt nach der Galerie, von wo die Stimme erſcholl. Auf eine Einladung des Präſi— denten kommt Euſtachius in den Saal, wo er zu ſeiner höchſten Befriedigung Sitz und Stimme in der Verſammlung erhält.
„Da nun der Herr Schnabel ſich in unſe⸗ rer Mitte befindet, ſo will ich kurz meinen Bericht ſchließen, und Herr Schnabel wird dann woll
die Güte haben, uns die Details ſeines intereſſan⸗ ten Fundes mittheilen zu wollen.“
Schnabel verneigt ſich gegen Y. ſehr galant.
„In Herrn Schnabel's Wohnung traf ich deſſen Haushälterin, die ich befragte, ob ihr nichts von ihres Herrn Schätzen bekannt wäre. Die Frau ſah mich verwundert an. Ich aber beſchrieb ihr den von der„Poſaune“ beſchriebenen Bruſtharniſch und das Skelett Libuſſa's. Da ſah mich das Weib an, als wäre ich aus dem Monde gefallen. Ich wiederholte meine vorigen Fragen. Das Weib lachte, bis es endlich zu folgenden, von mir ſogleich notirten Worten ſich herbeiließ: Unlängſt hatte mein Herr einen gewaltigen Knochen mit nach Hauſe gebracht, den er unter ſeinem Bette verbarg. Ich aber— verrathen Sie mich nur nicht, mein beſter Herr— ich verkaufte ihn, da er ſeine vier Pfund wiegen konnte.—“
Dr. Y. hielt ein wenig inne. Schnabel er⸗ hob ſich langſam von ſeinem Stuhle und ſtarrte ihn mit gläſernen Augen an. Ihm ſchwante nichts Gutes.
„Ich fragte nach dem Harniſch,“ fuhr Dr. Y. fort.„Das Weibsbild lachte mir in's Geſicht. Was, einen Harniſch will der Herr! Wo ſollte denn Herr Schnabel ein ſolches türkiſches Unding herneh⸗ men? Ein verbogenes, zerbrochenes Ofenthürchen, an dem die Klinke ſehlte, hat mein Herr zugleich mit dem Knochen hieher gebracht und dort hinter den Ofen gelegt.— Ich nahm das mir gebotene Eiſenſtück in die Hand und konnte nicht länger an ſeiner Identität mit einem invaliden Ofenthürchen zweifeln; weßhalb ich Herrn Schnabel zur Auf⸗ klärung der ganzen Sache auffordere.“
Alle Blicke wendeten ſich nach Schnabel, der wie ohnmächtig in ſeinen Stuhl zurückſank. Dr. Y. wiederholte ſeine Frage. Schnabel erhob ſich und verſuchte einige Worte zu ſtammeln, die aber in dem allgemeinen Gelächter verſchwanden, welches die Löſung der von der„Poſaune“ und den Vettern derſelben in alle Welt hinauspoſaunten ſeltſamen Geſchichte feierte.
Von zwei edelfühlenden Herren wurde Herr Schnabel aus dem Saale geführt. In ſeiner Behauſung angelangt, legt Euſtachius ſich zu Bette. Der zur Ofenthüre degradirte Harniſch lä⸗ chelt ihn aus ſeinem Winkel an, weßhalb Schna⸗ bel ſchaudernd ſeine Augen ſchließt. Der Eintritt eines kleinen blondlockigen Jungen weckt ihn aus ſeinem Halbſchlummer. Der junge Mercurius hält einen Brief in der Hand und übergibt ihn dem Adreſſaten. Mit zitternden Händen öffnet Herr Schnabel denſelben und mit den leiſe hinge— hauchten Schreckensworten:„Des Dienſtes entlaſ⸗ ſen!“— ſinkt er ohnmächtig in die Kiſſen zurück.
VI.
Als Euſtachius Schnabel wieder zu ſich kam, trieb ihn die Macht der Gewohnheit auf die


