Mr Um⸗ haudernd Kann, die
Euſtachius Schnabel, der Notizenſammler. 277
im freundlichen Geſpräche mit einem jungen Manne ſich dort längere Zeit erging.“
Als der gute Schnabel dieſen erſten wahr⸗ heitsgetreuen Bericht ſchrieb, ahnte er wohl nicht, wie verhängnißvoll ihm dieſe wenigen Zeilen wer⸗ den ſollten.
IV.
„Die Frau Sonne macht heute ein freundli⸗ ches Geſicht, das bedeutet geſegneten Tag!“ Mit dieſem Ausrufe tritt Euſtachius Schnabel auf die Straße, wo ſich das erſte Leben des Tages zu entfalten beginnt.
„Die Frau Sonne macht heute ein freundli⸗ ches Geſicht, das bedeutet geſegneten Tag!“ wie⸗ derholt Schnabel, denn dieſer ſein Gedanke ge⸗ fällt ihm über die Maßen, ſo daß er ſich gar nicht von ihm trennen kann.
Aber was ſehen wir? Warum bückt ſich Herr Schnabel? Warum ſtreckt er die Hand aus? Was hebt er vom Erdboden auf? Was verbirgt er ſo ſorgfältig unter ſeinem rechten Rockſchoße? Warum ſieht er ſich ſo vorſichtig, ja faſt ängſtlich um? Warum beſteigt er jetzt einen Erdhaufen, wel⸗ cher zur rechten Seite der Straße liegt, wo den vergangenen Tag über wegen Legung der Gasröh⸗ ren gegraben worden war? Und wohin verſchwin⸗ det er ſo urplötzlich?— Da hinunter in die Grube iſt er geſprungen, wo er mit gierigen Fingern in der lockern Erde wühlt. Sein Falkenauge hatte ihn nicht getäuſcht. Siegesſtolz klimmt er wieder auf die Straße, birgt ſeinen neuen Schatz unter dem linken Rockſchoß, preßt über beide die Hände und eilt dem Thore zu. Erſt, wenn die freie neuerwachte Frühlingsnatur ihn anlächelt, der Lerchen Geſang zum da capo des ſchmetternden wonnevollen Ju⸗ bels ſeiner Seele wird, erſt dann falle ungetrübtes Sonnenlicht auf ſeine Trophäen!
Auf einem hohen Raine nimmt er Platz und enthüllt ſeine Schätze. Ein vielfach verbogenes, ſtark durchlöchertes roſtiges Stück Eiſenblech iſt's, was ſein rechtes Auge betrachtet, während das linke einen rieſigen Knochen muſtert. Dann breitet er ſein blaues Schnupftuch auf den feuchten Raſen aus und legt ſorgſam ſeine Herrlichkeit darauf, daß ſie ja keinen Schaden nehmen. Dann wälzt er im Schweiße ſeines Angeſichtes einen großen Feldſtein herbei, ſchlägt auf ihm ſein Notizenbuch auf und ſpitzt ſeine Bleifeder, die er hurtig über das glatte Papier laufen läßt:
„t Archäologiſches. Mit Freuden be⸗ richten wir heute von einem ſehr intereſſanten ar⸗ chäologiſchen Funde in unſerer hundertthürmigen Stadt. Bei unlängſt eines profanen Zweckes wegen geſchehenen Nachgrabungen ſtießen die Arbeiter auf ein altes Eiſenſtück, das ſie in ihrer Einfalt weg⸗ werfen wollten, indem ſie glaubten, daß auf ſeine Acquiſition ſich ſelbſt der kühnſte Hauſirer nicht einlaſſen werde. Man ſollte wirklich nur Gelehrte
zu derlei Arbeiten verwenden, ſonſt gehen noch tau⸗ ſende der werthvollſten Reliquien zu Grunde, denn nicht immer iſt das Schickſal ſo hold gelaunt, einen Kenner hinzuzuführen, wie es bei uns der Fall war. Wir hoben das vermeintliche Eiſenblech, das uns ſchon vorher in die Augen ſtach, auf und man denke ſich unſer freudigſtes Erſtaunen, als wir in ihm den prächtigſten Bruſtharniſch erkannten. Mit zitternden Händen hielten wir ihn, wagten es kaum, uns dieſes Glück zu geſtehen. Erſt nach einiger Zeit gewannen wir die nöthige Ruhe, um unſeren Fund näher zu unterſuchen, und da— in der rechten Ecke war ein Eindruck wie von mehreren Buchſtaben ſichtbar— ein großes L, darüber eine Krone und darunter ein kleines m und ein ditto b! Wer kann zweifeln, beſonders wenn er das Alter⸗ thümliche der Arbeit und die vielen Löcher des Harniſches in's Auge faßt, die Inſchrift bedeute: Libussa, mater bohemiae! Libuſſa, Böhmens Mutter!— Durch dieſen wichtigen Fund ermu⸗ thigt, ließen wir ſogleich auf unſere Koſten weiter nachgraben und goldene Zinſen trug uns die ge⸗ machte Auslage. Ein Menſchengerippe kam zum Vorſchein, trefflich konſervirt, die Knochen vom blen⸗ dendſten Weiß, von der edelſten Form, mit einem Worte— königlich! Ja, an dieſem Orte lag Li⸗ buſſa begraben, hier iſt der Platz, zu dem die jetzige Generation Wallfahrten unternehmen, wo ein Pan⸗ theon ſich zur ſtrahlenden Morgenſonne erheben ſoll, über deſſen goldenem Portale Libuſſa's Panzer ſchweben und als deſſen ſchönſtes Kleinod der ge⸗ ſchwätzige Cicerone den ſtaunenden Söhnen Albions oder den Männern vom Strande der Neva Li⸗ buſſa's Skelett zeigen wird!“
Herrn Schnabel bricht die Spitze ſeiner Bleifeder ab, weßhalb er gezwungen iſt, ſeinen Aufſatz zu beſchließen. Er ſteckt ſein Büchlein wie⸗ der ein, wickelt die Reliquien in ſein Schnupftuch, nimmt dieſes unter den Arm und tritt ſeelenver⸗ gnügt ſeine Rückkehr an.
V.
Herr Gelaſius Klaps, wohlbeſtallter Re⸗ ferent der„Trompete“, tritt ein in den Saal, wo eine Gelehrtenſitzung gehalten werden ſoll, doch bis jett iſt keiner der geladenen oder mitwirkenden Gäſte erſchienen. Klaps geht an das Tiſchchen des Präſidenten, wo einige Zeitungsblätter auflie⸗ gen. Er nimmt eins davon in die Hand und lieſt:
„P.— Hier iſt dieſer Tage ein wahrlich nicht mit Gold aufzuwiegender Fund gemacht worden, der nicht nur bei Alterthumsforſchern, ſondern in der ganzen ziviliſirten Welt Aufſehen erregen wird: Das Skelett Libuſſa's nebſt ihrem Harniſch!— Welcher Gewinn hiedurch für Archäologie und Spe⸗ zialgeſchichte erwachſen iſt, läßt ſich kaum berechnen.“
Klaps nimmt ein anderes, in einer bairi⸗ ſchen Stadt verlegtes Blatt.


