Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
er ein Freund geiſtiger Getränke ſei, ſo kann man auch von dem Duxerthaler insbeſondere behaupten, daß er bei all' ſeiner ſonſtigen Mäßigkeit dem Reize des Kirſchwaſſers oder des ſüßen dicken Weines nicht leicht widerſteht. Wenn am Sonntage die Meſſe zu Ende iſt, ſo führt der Weg aus der Kirche Viele ſchnurgerade in's Wirthshaus und oft ſind am Dienſtage oder auch ſpäter noch manche von ihnen dort anzutreffen. Für die Unterkunft jener, die bei ſo lang anhaltender Stärkung zu ſchwach geworden ſind, als daß ſie ſich noch auf den Stühlen halten könnten, iſt auf eine originelle Weiſe geſorgt. Es befinden ſich nämlich an der Wand beim Ofen in geringen Diſtanzen über ein⸗ ander befeſtigte Bretter, wie man ſie allerorten bei den Bäckern ſehen kann. Auf dieſe Bretter lagert man nun ſchichtweiſe die ſchweren Duxerthaler ab, damit ſie dort ruhig und unangefochten ihren Rauſch verſchlafen. Einen eigenthümlichen Anblick gewähren dieſe Bewohner der vielen Stockwerke, wenn die Glocke der nahen Kirche das Zeichen zum Gebete gibt. Während die übrigen Gäſte plötzlich in ihrer Unterhaltung verſtummen, aufſtehen und die Hände zum Gebete falten, drehen ſich die Männer auf den Brettern um, ſtrecken den Kopf über Bord und bewegen andächtig die Lippen.
Die Sitte des wechſelſeitigen„Schänkens“ herrſcht hier in ſolchem Grade, daß jeder ſein eige— nes Glas zumeiſt durch Andere leeren läßt, wäh⸗ rend er ſelbſt wieder den angebotenen fremden Glä⸗ ſern verſchiedenen Inhaltes zuſpricht.
Die Koſt iſt ſehr frugal und beſteht faſt aus⸗ ſchließlich aus Mehlſpeiſen; namentlich ſind die Knödel ſehr beliebt. Rindfleiſch kommt äußerſt ſel⸗ ten auf den Tiſch, nur zuweilen wird gekochtes Schweinfleiſch präſentirt.
(Schluß folgt.)
——
Euſtachius Schnabel, der Notizenſammler. (Schluß.)
„† Mit tiefem Bedauern erzählen wir unſern geehrten Leſern eine Geſchichte, die ſich geſtern in unſerer Stadt zutrug und ſchmerzlich jeden Men⸗ ſchenfreund berühren muß, da er ſieht, wie die Jugend leichtſinnig über alles hinwegſchlüpft und den Rath des Klugen mißachtet. In einem hie⸗ ſigen Gaſthauſe ſaßen zwei Freunde, ihrem Aus⸗ ſehen nach Studenten, und gingen eine Wette ein, der zufolge der Eine alle auf dem Speiſetzettel no⸗ tirten Speiſen der Reihe nach zu ſich zu nehmen ſich erbot. Geſagt, gethan. Bruder Studio machte ſich an's Werk. Wir warnten ihn freundſchaftlichſt — vergebens! Mit gieriger Haſt verſchlang er Portion auf Portion, gewann richtig die Wette,
trank noch einige Gläſer ſtarker Punſcheſſenz, lehnte dann ſein Haupt auf die Tiſchplatte.... Wir Um⸗ ſtehenden traten zu ihm, fuhren aber ſchaudernd vor Entſetzen zurück. Der junge ſchöne Mann, die Freude, der Stolz ſeiner Eltern, die Hoffnung des Vaterlandes— war todt!— Der Geſtorbene, der ſo ſchwer ſeine Unbeſonnenheit büßen mußte, ſoll ein braver Sohn, ein dienſtfertiger Freund geweſen ſein. Mancher arme Kommilitone verliert an ihm ſeinen wackeren Wohlthäter. Unſere ſchönen Leſeri⸗ nen werden ſich ſeiner hoffentlich erinnern, denn er war ein gar trefflicher Tänzer, der alle eleganten Bälle mitmachte. Gewiß, manche Thräne wird bei ſeinem Begräbniſſe über ſchöne Wangen niederglei⸗ ten. Der Verblichene ſoll noch vor ſeinem Ende, das er nicht ahnte, in der„Poſaune“ geleſen und herzlich über ihr Feuilleton gelacht haben.— Der Arme, jetzt kann er auf die Fortſetzung warten, denn unſerem Wiſſen nach erſcheint droben die Po⸗ ſaune erſt am jüngſten Tage....“
Am nächſten Tage kam der Redaktion der
„Poſaune“ durch die Stadtpoſt folgender Brief zu: „Löbliche Redaktion!
Daß ich lebe, ſagt Ihnen mein Brief; daß ich alle Speiſen des Speiſezettels aufgezehrt, iſt wohl richtig, denn er enthielt ihrer nur noch zwei; daß ich aber über das humoriſtiſche Feuilleton der „Poſaune“ gelacht habe, dieſer Zumuthung wider⸗ ſpricht mein ſanftes Einſchlummern beim Leſen, was Ihr geehrter für Todesſchlaf hielt. Ein verzeihlicher Irrthum! Von einer Wette iſt mir nichts bekannt.
In Ehrfurcht Ihr Hieronymus Miſe, stud. med., m. p.“
Mit einem ſardoniſchen Lächeln reicht der Re⸗ dakteur der„Poſaune“ das Schreiben dem erblei⸗ chenden Schnabel und legt ihm zugleich in ein⸗ dringlicher Weiſe an's Herz, fortan die Grenze zwi⸗ ſchen Wahrheit und Dichtung ſchärfer im Auge zu haben, da bei wiederholter Verrückung der Grenz⸗ ſteine die Spalten der„Poſaune“ dem phantaſierei⸗ chen Referenten ℳ* ſich ſchließen müßten. Euſta⸗ chius erkennt ſeinen Fehler, geht reuig in ſich und beſchließt, mit dem alten Adam auch zugleich das alte Zeichen, unter dem er viel geſündigt, ab⸗ zulegen. Unter einer neuen Chiffre will er ein neues, nur auf Wahrheit begründetes Daſein beginnen. So leſen wir denn auch ſchon am folgenden Tage in der„Poſaune“:
„OO Der geſtrige Artikel unſeres ehrenwer⸗ then Kollegen p bedarf einer kleinen Berichtigung, iſt aber nicht im mindeſten im Stande, den leiſe⸗ ſten Schatten auf die Wahrheitsliebe zu werfen, die unſere geehrten Leſex an dem gewiſſenhaften † Referenten gewiß achten gelernt. Geſtern promenirte wohl eine Dame in der Gimpelgaſſe, doch war es nicht Miß Paſtrana, ſondern eine reiche Gold⸗ ſchmiedswitwe aus der Windgaſſe, die(die Witwe)


