274 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
unterſcheiden kann. Sie ſind im Ganzen ein ſchöner Menſchenſchlag, von grobem Knochenbau, breitſchul⸗ terig, meiſt über Mittelgröße; ſie haben eine ge⸗ ſunde Geſichtsfarbe und kluge, muntere Augen. Weniger ſchön iſt bei ihnen„das ſchöne Geſchlecht“; die Südtiroler ſind kleiner und ſchwärzer.
Die Sprache des Volkes iſt im Allgemeinen der bojoariſche Dialekt, deſſen ſchmiegſame, einzelne Buchſtaben verſchmelzende Ausſprache aus folgenden Beiſpielen erhellt: Wuſcht-Wurſt; Kiſchta- Kirch⸗ tag; Dloggen-Glocke; ghoat gehabt; gſoat- ge⸗ ſagt; wundachts dich⸗ wundert es dich; Wiecht- Wirth. Die Endſylbe„er“ wird in ar oder a, die Endſylbe„en“ in e umgewandelt. An ſeltſamen Wörtern iſt kein Mangel; z. B. Grauwutl-Teu⸗ fel; blauge- ſchüchtern; Gigl- Schaf; wehrla- garſtig; Triel- Lippe u. ſ. w.
Der Charakter der Tiroler iſt Biederkeit, Fleiß, Heimatsliebe, Religioſität, Anhänglichkeit an den Herrſcher, Gewandtheit, Tapferkeit, die oft in Rauf⸗ luſt ausartet und— Gewohnheit. Dieſe Züge ſind zum Theile natürliche Folgen der ganzen Lebens⸗ art, zu der ſie von der Natur gezwungen werden.
In der Alpenwelt pflegt nicht blos der Wald⸗ arbeiter, der Kohlenbrenner, Holzflößer, Jäger und Hirt Tage, Wochen, ja Monate lang Umgang und vertraute Bekanntſchaft mit den Bergen, auch der Ackersmann muß ihr Vertrauter werden; denn er hat nicht, wie der Bauer der großen Ebene, ſeine Felder nahe und bequem beiſammen; im Alpen⸗ lande iſt des fruchtbaren Erdreichs weniger und dieß Wenige auf verſchiedenen Stufen der Boden⸗ erhebung weit zerſtreut. Hier thut's Noth, jeden kleinen Fleck aufzuſuchen und zu benutzen; in den oberſten Regionen des Gebirges weidet er ſein Vieh; in den mittleren findet er ſein Holz; in der unteren iſt mancher kleine Streifen Feldes oder der kleine Weinberg zu beſtellen.— Und die Be⸗ wohner der Flecken und Städte, der Arzt, der Prieſter, der Verkehrsmann, ſei es der Spitzen⸗ und Schnittwaarenhändler aus Vorarlberg und dem Lechthale, der Handſchuh- und Teppichverkäufer aus dem Ziller⸗ und Tefferegger⸗Thale oder der Vieh⸗ händler aus Paſſeir, oder der Wein⸗ und Frucht⸗ händler aus den geſegneten Etſchgauen— ſie alle ziehen über die Alpenpäſſe, aus einem Thale in's andere. Mit dieſer Natur von Jugend auf ver⸗ wachſen, durch ſie tagtäglich in Anſpruch genom⸗ men, auf ihren Umgang faſt allein angewieſen, ſollte nicht der Alpenbewohner vorzugsweiſe von lebendi⸗ ger Liebe zur Heimat erfüllt werden?
In der Abgeſchloſſenheit ſeines Thales, bei der Unbekanntſchaft mit der Außenwelt, iſt er im⸗ mer auf dieſelben Gegenſtände und deren Wieder⸗ kehr angewieſen. Auf denſelben Wegen zieht er in ſeinen Thälern und Bergen fortwährend hin und zurück. Ein Abweichen vom gewohnten Thal⸗ oder Bergwege könnte oft nur mit großer Mühe und unter Gefahren geſchehen. So wirkt die Natur von
verſchiedenen Seiten her, um ihn auf dem alten Gleiſe der Gewohnheit überhaupt zu halten.
Viele gewöhnliche Geſchäfte des Alpenbewoh⸗ ners ſind nicht nur ſehr anſtrengend, ſondern auch bisweilen eben ſo gefährlich, als in ihrem Erfolge unſicher. Seine Beſitzſtätte iſt demnach eine fort⸗ währende Kampfes⸗ und Uebungsſtätte zu Ausdauer, Unverdroſſenheit, Genügſamkeit und Gottvertrauen.
Aber religiöſer Sinn wird noch durch ande⸗ res geweckt Bei den vielen Gefahren, die ihn faſt bei jeder Verrichtung umſchweben, wird er doppelt an Den dort oben gemahnt, der über Sonnenſchein und Sturmesbrauſen gebietet, und ſo findet ſich der Alpenbewohner vor Beginn des Geſchäftes oder der Reiſe mit ſeinem Schöpfer ab. Gar oft kann man unten am Fuße des Joches, über welches die Wanderung geht, oder oben auf dem Bergrücken, in der Oede zwiſchen grauen Felſen und glänzen⸗ den Schneefeldern und jenſeits in der Tiefe Zei⸗ chen und Stätten flehender und dankender Andacht gewahren.
Die vielen Gefahren, auf welche die Alpen⸗ bewohner ſtets gefaßt ſein müſſen, machen ſie auch unerſchrocken, zuverſichtlich, gewandt und ſtark, und der immer nöthige Kampf mit der Natur übt in hohem Grade ihre Erfindungskraft und ihren Kunſt⸗ ſinn. Sie ſind bekannt als tüchtige Mechaniker, Holzſchnitler(z. B. in Gröden) und Maler.
Nicht minder anziehend iſt ihre Kunſt des Geſanges. In vielen Gegenden ertönt uns aus der niedrigſten Bauernhütte Geſang und Zitherſpiel entgegen. Und welchen fremden Wanderer belebt nicht jene jauchzende Freude der jodelnden Sennen und Senninen! Die Strauß'ſchen und Lanner'ſchen Zauberwalzer ſind nur die verklärten Töne des Jodelns. Auch dieſes Jodeln(wobei Terzen oder Sexten ſo ſchnell mit einander verbunden werden, daß der Geſang faſt zweiſtimmig klingt) iſt aus der Natur der Alpen hervorgegangen, indem er auf die Erweckung des in den hohen Felswänden ſchlummernden Echo's berechnet iſt; denn um das⸗ ſelbe zu wecken, iſt ein laut ſchallender Geſang nö⸗ thig, aber beſſer von einem Einzelnen, als von einem Chore. Von allen Bergen hört man's jodeln und pfeifen, ſo hinter jedem Pflug, hinter jedem Fenſter.
Ihre Beſchäftigungen ſind Seidenzucht, Sei⸗ denweberei, Mais⸗ oder Reisbau, Weinbau im Sü⸗ den und Alpenwirthſchaft und im Unterinnthale Ge⸗ treidebau; Andere beſchäftigen ſich mit Baumwollen⸗ und Teppichweberei, Andere reiſen in der Welt mit Handſchuhen, Meſſern, Hoſenträgern eꝛc. umher, Andere handeln mit Bildern, treiben Spitzenklöppelei u. ſ. w. In einem Waldthale beſchäftiget man ſich ſogar ſeit dem 17ten Jahrhundert mit der Zucht von Kanarienvögeln, die man auch ſchön ſingen und allerhand Kunſtſtücke lehrt.
In ſeinen Beluſtigungen iſt der Tiroler ein derber Burſch. Kegel ſchiebt er nur mit gewaltigen


