Heft 
(1859) 9 09
Seite
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272 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

derlei barbariſchen Spielereien verbunden iſt. Im Hafen hängt an einem Balken ein Strick mit zwölf an denſelben gebundenen Gänſen. Im leichten Na⸗ chen kommen zwei junge Burſchen herangerudert; der eine lenkt den Nachen und der zweite packt die erſte Gans beim Halſe, ſpringt aus dem Nachen und taucht mit derſelben unter's Waſſer. Dreht er der Gans unter Waſſer den Hals um, wird ſie ſein eigen; gelingt ihm dieſe Operation nicht, dann wird er ausgelacht. Auf dieſe Art unterhalten ſie ſich ſo lange, bis alle Gänſe ihre Köpfe verloren haben.

Die Standesunterſchiede ſind nicht ſo groß wie bei uns. Eheſchließungen zwiſchen dem Adel und der Bürgerſchaft ſind tägliche Ereigniſſe. Der hinten auf dem Wagentritt ſtehende Diener bittet den Herrn um eine Priſe Tabakw; dieſer reicht ſie ihm über die Achſel und räſomnirt dabei:Was ärgerſt Du mich, Burſche! Kauft der Evel⸗ mann irgend etwas im Laden und es gebricht ihm an Geld, ſo genirt er ſich nicht, den Diener anzu ſprechen, und bringt er durch dieſen die Summe nicht zuſammen, dann muß der Kutſcher herhalten.

Trotdem werden die Titel gewiſſenhaft regar⸗ dirt; die vertrauteſten Freunde nennen einander in ihrem Geſpräche: Caro Signor marchese, conte oder principe. Einige laſſen ſichmarchese als Eigenthuͤmer eines Grundſtückes nennen, das ihnen jährlich kaum fünfzig Gulden einträgt. Wer es vermag, trachtet nach Luxus, Equipagen, Pfer⸗ den und einigen Bedienten. Aus dem Grunde eben ſparen ſie auf dem Lande einige Jahre hindurch, um ſich dann in der Stadt mit Aufwand einen Monat hindurch zeigen zu können. Die Paläſte werden häufig mit Gold, ſchweren Teppichen und Bildern verziert und dennoch findet man in den ſelben keine Spur von Reinlichkeit, Ordnung oder Bequemlichkeit. Zuweilen wird aller Schmuck im Empfangzimmer(galeria) aufgehäuft, die übrigen ſtehen öde. Steigt man in den zweiten Stock des Palaſtes, ſo erblickt man daſelbſt einen ungeheuren Saal, in dem die Dienerſchaft faulenzt, ſchläft, kocht oder Stiefel putt. Der Kammerdiener führt den Gaſt durch einige leere Gemächer in den Saal des Fürſten. Hier wird der Fremde von einem in einen Nankin⸗Spencer gekleideten Manne empfan gen, und bittet er denſelben, ihn dem Fürſten vor zuführen, ſo wird er lächelnd antworten:Der bin ich und ſtehe zu Dienſten.

Zu den Converſazioni kommen die Hausfreunde um 9 oder 10 Uhr Abends ungeladen und dieß entweder an feſtgeſetzten Tagen oder jeden Abend. Der daſelbſt einmal eingeführte Fremde hat Zu tritt ein für allemal. Es wird viel geſchwätt, Li⸗ monade, Gefrornes und eingemachte Früchte, jedoch kein anderer Imbiß verabreicht. Hier produziren ſich auch Muſik⸗Dilettanten, die ihre Ausbildung der daſigen Muſikſchule(collegio di musica, oder Conservatorio di San Pietro a Majella) zu

verdanken haben und oft den Namen Künſtler ver⸗ dienen. Die jungen Leute ſuchen im Tanz ihre Unterhaltung, die älteren greifen bald zu den Kar⸗ ten und ſpielen mit Leidenſchaft bis in die ſpäte Nacht hinein.

Die Karten ſind bei allen Klaſſen beliebt. Das eigenthümliche Volksſpiel iſt das ſogenannte scope, mit einer Unzahl mannigfaltiger Figuren. Oft kann man Fiſcher mit den Karten in der Hand am ſan⸗ digen Strande liegen ſehen, die das scope ſpielen. Mit großer Mühe iſt man im Stande, die auf den Karten angebrachten Adler, Schwerter, Kreuze oder andere Figuren zu unterſcheiden. Das Volk kennt kein anderes Kartenſpiel.

Außer dem oft ſchon beſchriebenen Spiele mora iſt die ſogenannte boccia in ganz Italien ſehr beliebt. Jeder der Spieler hält eine Kegelkugel, die er nach einer kleineren ſchleudert. Es handelt ſich hiebei darum, die eigene Kugel zunächſt des Zieles zu werfen, oder die eines zweiten zu entfer⸗ nen. Dieß Spiel wird auch auf dem Billard geſpielt.

Wer die täglichen Unterhaltungen des Volkes ſehen will, braucht ſich nur in die strada del molo zu begeben, in der Künſtler jeder Art vor einer Maſſe Soldaten, Matroſen, Fiſcher und Aus⸗ länder ſich produziren. Dieſer preiſet Fleckenſeife und Stiefelwichſe an, Jener zeigt irgend ſeltene Mäuſe und zahme Schlangen; hier läßt wieder ein Feuer⸗ werker Raketen ſteigen, dort trommeln und blaſen vor ihrer Bude einige Athleten, der Bajazzo lobt und preiſet die Künſte eines Feuereſſers und trachtet auf jede Art ein Publikum herbei zu locken.

Ein beſonderer Zug im Charakter des neapo⸗ litaniſchen Volkes iſt der Aberglaube. An Geiſter⸗ erſcheinungen und Hexen, wie ſie ſich der neblige Norden ſchafft, glaubt zwar der Bewohner der ſüdlichen Himmeksſtriche nicht, hingegen mangelt es ihm nicht an anderen Hirngeſpinnſten. Menſchen z. B., die lange Zeit im Todeskampfe zubringen, werden als vom Teufel beſeſſen angeſehen.

Ein anderer, in ganz Jtalien verbreiteter Aber⸗ glaube iſt das Dafürhalten, daß gewiſſe Perſonen mit ihrem Blicke, mit einem Worte oder nur durch ihre bloße Anweſenheit Unglück herbeiführen. Solche Leute(jettatori) brauchen durchaus nicht böſe zu ſein, aber Unglücksfälle ſind in ihrem Gefolge ohne ihr Wiſſen und Wollen. Als Fatale(wie das aber⸗ gläubiſche Volk dafürhält) werden angeſehen: Mönche, namentlich Franziskaner, wenn ſie Reiſegefährten ſind oder wenn man ihnen zuerſt begegnet. Ent⸗ ſteht ein Sturm auf dem Meere und befindet ſich auf dem Verdecke des Schiffes zufällig irgend ein Ordensbruder, ſo wird das Unwetter ihm zuge⸗ ſchrieben und er kann ſich in Acht nehmen. Wird in einer Geſellſchaft, in der ein Geiſtlicher ſich be findet, eine Lampe, eine Schale oder was immer zerſchlagen, ſo begegnet dem Armen nur zu bald das Auge der Hausfrau voll ſtillen Vorwurfs.

Der jettatura verdächtig erſcheinen außer den