Heft 
(1859) 9 09
Seite
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268 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Schematismus zu verfallen drohte, indeß ſich die andere durch einen naturaliſtiſchen Grundzug ihrer Methode wenigſtens die freie Wahl der be⸗ treffenden Form zu ſichern ſuchte, bald aber in vages und ſyſtemloſes Umherſchweifen und Schwan⸗ ken zwiſchen dem gewählten Vorbilde und der mächtig ſich aufdrängenden Natur ausartete. Mit dieſen beiden Richtungen fällt auch ungefähr das Streben Screta's und Brandel's zuſammen.

Karl Screta wurde in den erſten Jahren des ſiebenzehnten Jahrhunderts zu Prag aus altem böhmiſchen Geſchlechte geboren. Bereits früh ſoll er Unterricht im Malen genoſſen haben, doch ſcheint derſelbe von keinem oder nur geringem Einfluß auf ſeine ſpätere Entwickelung geweſen zu ſein und ſeine eigentliche künſtleriſche Entwickelung beginnt erſt als er, vertrieben durch die Unruhen in der böhmiſch⸗pfälziſchen Epiſode des großen Religions⸗ ſtreites, alſo noch als ganz junger Mann, Prag und Böhmen verließ und ſich nach Italien wandte, das damals in noch höherem Grade als jetzt das Ziel aller Künſtler war. Begleitet man ihn auf dieſen künſtleriſchen Wanderjahren mit der ſteten Berückſichtigung des gleichzeitigen Standes der ita⸗ lieniſchen Kunſt, ſo erkennt man klar, wie Screta jene Vielſeitigkeit in der Reproduktion erſchauter Formen und die Sicherheit und Gewandtheit im Erfaſſen und Wiedergeben des Eigenthümlichen und Beſonderen ſeiner Vorbilder gewonnen, die, oft über Gebühr erhoben und geprieſen, ihm den Namen desböhmiſchen Apelles verſchafft haben. Er ging zunächſt nach Venedig, wo er ſich durch einige Jahre aufhielt.

Hier hatten ſich noch die Traditionen der Schule, das Studium der Farbe nach Tizian und Paolo Veroneſe, dieſen Meiſtern des Kolorits und der Farbengebung, erhalten und Aleſſandro Varotari, il Padovanino wirkte in dieſem Sinne nicht ohne Glück neben den minder bedeuten⸗ den Pietro Liberi und Aleſſandro Turchi, »'Orbetto. Es gelang Screta, wenn auch nicht jene Gluth, die aus den Bildern der alten Venetianer leuchtet, wiederzugeben, ſo doch mit dem warmen bräunlichen Ton, den auch die Bologneſen adoptirt hatten, in der Behandlung der Lokalfarbe einen glücklichen koloriſtiſchen Effekt der Stimmung des ganzen Bildes zu erzielen. In dieſer Weiſe iſt ein Altarblatt in der Maltheſerkirche zu Prag, eine Maria in den Wolken, gemalt. Von Venedig begab er ſich nach Bologna, das für ſeine künſtleriſche Ausbildung von der höchſten Bedeutung ſein mochte. Die Caracci's waren bereits geſtorben(Lodovico, der Gründer der Schule, 1619 und noch vor ihm ſeine beiden Neffen Agoſtino 1601, und Anni⸗ bale, das eigentliche Haupt der Bologneſen, 1609); noch aber lebten der allerdings etwas nüchterne, aber mit einem gewiſſen unbewußten Sinn für Schönheit der Anordnung klug berechnende Do⸗ menichino, der zwar ohne idealen Schwung, aber

mit lebendiger Empfindung malende Guercino, neben ihm Albani mit ſeinen anmuthigen und phantaſiereichen Darſtellungen aus der gleichzeitigen italieniſchen Schäferpoſie, und vor allem Screta's Ideal, Guido Reni, der nicht ohne kräftige na⸗ turaliſtiſche Elemente und frei von aller, an den Bologneſen hie und da haftenden Einſeitigkeit, na⸗ mentlich in ſeiner mittleren Epoche ein zum klaren Bewußtſein gebrachtes Schönheits⸗Ideal in der wilden Poeſie des Schmerzes, in den ſtarren Schre⸗ cken des Todes ebenſo, wie in den zarten, wenn auch etwas abgeblaßten Empfindungen moderner Bildung und feinen Geſchmackes zur Erſcheinung zu bringen wußte. In dieſen Kreiſen, an ſolchen Muſtern erwarb ſich Screta eine Fertigkeit des Pinſels, eine Vollendung der Technik, die ihn, wenn er ſich, mit etwas mehr Sinn für Originalität ausgeſtattet, nicht ebenſo in die Richtungen ſeiner Vorbilder gefangen gegeben hätte, als er ſich ihre Manier mit Bewußtſein und Takt anzueignen wußte, denſelben ebenbürtig an die Seite geſtellt haben würde und er hätte für die weitere Ent⸗ wickelung der Kunſt von maßgebenderem Einfluß werden können, als es ſpäter in ſeinem Vater⸗ lande durch den beſchränkten Kreis einiger Schüler für Dezennien geſchah. Ungeachtet ſeines Talentes, ungeachtet ſeiner Vollendung iſt er in der Ge⸗ ſchichte des deutſch⸗italieniſchen Eklektizismus in der Malerei eine in all' ihrer Bedeutſamkeit verein⸗ zelte Erſcheinung geblieben, einer Bedeutſamkeit, bei der jedoch alles Individuelle, Charakteriſtiſche in der großen, umfaſſenden Allgemeinheit ganzer Richtungen aufging. Was ferner Screta Beſonderes aus der Bologneſiſchen Schule davontrug, war die Fertigkeit in der Anwendung maſſenhafter maleri⸗ ſcher Kontraſte in der reichen Zahl ſeiner Kirchen⸗ bilder, das in äußerliches Prunken übergegangene kirchliche Element, worin er ſich nach dem Vor gange der Caracci's auch an Correggio und Giulio Romano, aber mit minder günſtigem Erfolg, als es ihm bei den ſeiner Zeit näher lie⸗ genden Vorbildern glückte, verſuchte, und namentlich konnte ihm das Helldunkel des erſtgenannten Mei⸗ ſters bei ſeinem im Lokalton etwas manierirten Kolorit nicht gelingen. Den ſzeniſchen Effekt aber, wodurch ſeine Bilder in ähnlicher Weiſe wirkten, wie die gewagten perſpektiviſchen Experimente in der Manier der Kirchen jener Zeit, in welchen dann maleriſches Maß mit architektoniſchem Verhältniſſe in gleichmäßiger Abweichung von der Reinheit des Styls dennoch befriedigend harmoniſirte, hatte er den Caracci's glücklich abgelauſcht, ſich aber in der Zeichnung mit richtigem Takt von den oft gewalt⸗ ſamen Verkürzungen und gezwungenen Akten der gleichzeitigen Nachahmer jener Meiſter fern gehalten, was wohl das Verdienſt ſeiner bald darauf erfolgten eifrigen Studien nach der Antike iſt, welche von jenen über dem Nachſpüren in den muſtergiltigen Vorbildern in der Regel verſäumt worden ſind.