Heft 
(1859) 9 09
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264 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Eruſt und Humor.

ſtitution nichts verloren hatte. Auch der Direktor erkannte mit Wohlgefallen, daß das Haus ſich regel⸗ mäßig bei jedem Auftreten Otto's füllte. Herr Bi⸗ anchi ließ ſich auch dieſe offenbare Niederlage gerne gefallen, denn bei dem Theilungsſyſteme, welches in Bezug auf die jedesmalige Einnahme herrſchte, entfiel ein ungleich größerer Theil für ſeine Perſon. Iin vertrauten Kreiſe ſeiner Kunſt⸗ genoſſen ſchimpfte er wohl auf den Geſchmack des Publikums, welches an dem hergelaufenen Doktor einen Narren gefreſſen habe, aber gegen Otto ſelbſt war er von wegen des Weines, den dieſer wieder⸗ holt für ihn bezahlte, ſehr liebenswürdig.

Otto hatte nun bei den Proben, ſo wie überhaupt in dem engeren Verkehr mit den Schau⸗ ſpielern die beſte Gelegenheit alle die Mängel ken⸗ nen zu lernen, welche ſich einer wohlthätigen Ent⸗ wicklung der Kunſt entgegenſtellten. Zuvörderſt war es das vielerwähnt Theilungsſyſtem, welches viel⸗ fache Unannehmlichkeiten verurſachte. Dann war es die Schwäche des Direktors ſelbſt, der weder die Mittel, noch die Kraft beſaß ein ordentliches Unter⸗ nehmen zu lenken, endlich die Indolenz der einzel nen Mitglieder, denen es nur um das tägliche Brod, nicht aber um die Kunſt ſelbſt zu thun war.

Otto ſah keinen andern Weg, um dem nach⸗ theiligen Einfluß, der durch dieſe Umſtände auf die Entwicklung ſeiner Schülerin geübt wurde, entgegen zu arbeiten, als die Leitung der Bühne ſelbſt in die Hände zu nehmen. Das war nicht ſchwer. Der Direktor wurde durch einen monatlichen Abfindungs⸗ betrag leicht dazu bewogen, ſein Amt in Otto's Hände zu legen. Die Honorare der Mitglieder wurden nach beſtimmten Normen feſtgeſetzt und nach ihren Leiſtungen angemeſſen erhöht, die Garderobe wurde in einen angemeſſenen Stand geſetzt, eben ſo

alles Theatergeräthe, und die ganzen Theaterverhält⸗

niſſe in erfreulicher Weiſe geordnet. Es waren große Opfer, womit Otto alle dieſe Vortheile erkaufte, aber er that es gern, denn der Einfluß, der dadurch auf Emma ausgeübt wurde, war ein ungemein wohlthätiger. Ein reger Eifer erwuchs unter den einzelnen Mitgliedern, welche Otto's Strenge fürchteten und ſich um ſeine Gunſt be warben. Die anſehnlichen Mittel, die zu ſolchen Veränderungen nöthig waren, ergaben ſich aus der Anweiſung des Hauptmanns, welche Otto für die⸗ ſen Zweck zu benützen keinen Anſtand nahm.

Ein Jahr verging. Otto hatte mit ſeiner Geſellſchaft, wie es bei einer wandernden Truppe nicht anders geht, wiederholt den Aufenthalt ge⸗ wechſelt, ſtets eifrig bemüht die Ausbildung Emma's ſo gründlich als möglich zu verfolgen. Seine Ein⸗ richtungen waren ſo zweckmäßig, daß er mit dem Erfolge zufrieden ſein konnte. Aber auch eine an⸗ dere Wahrnehmung ergab ſich hierbei. Otto fand, was er geſucht.

Er war eine Künſtlernatur. Die Anlage, welche in ſeiner Seele dämmerte, wurde mit einem

Male zum vollen Bewußtſein geklärt, durch die Liebe.

Wohl manches Herz wurde von dieſem Gottes⸗ ſtrahl getroffen, aber wenige Glückliche gibt es, denen dieſer Strahl eine wohlthuende Leuchte ward, eine Siegesfackel des Geiſtes und Gemüths. Viele ſind zu ſchwach, ſie ertragen die Gluth dieſes Strahles nicht, ſie ſchmelzen hin. Die ſind nicht aus dem rechten Stoff. Wenige gibt es, die ſtärker ſind als die Liebe, die dem Strahl eine weiße polirte Fläche entgegenhalten, daß er wirkungslos zurückgeworfen wird. Die Wenigſten ſind ſo recht für das Glück der Liebe geſchaffen. Das ſind die Auserwähl⸗ ten, die ebenſo durch die Liebe namenlos glücklich ſind, wie ihre Brüder durch ſie namenlos elend werden.

Wie es kam, daß Otto für Emma mehr zu fühlen begann, als er je geahnt, er wußte es nicht; er kannte nicht den Moment, wo ſein Herz ſich allmälig zu erwärmen und zu weiten anfing. Es wurde ihm plötzlich klar, daß er Emma liebe, ohne daß ihn irgend etwas von außen angeregt, und ihm ſo ſeinen geheimen Seelenzuſtand entdeckt hätte, und er mußte glauben, daß er ſie von dem Momente an liebte, der ihm ihr Bild zum erſten Male vor die Augen geführt.

Die Liebe machte ihn zum Künſtler. Bis zu dem Augenblicke, wo er ſich ſeiner Liebe bewußt wurde, war er ein Schauſpieler mit ſchöner Bega⸗ bung, der ſeine Mittel einſichtsvoll zu beherrſchen wußte. Er wollte nur durch ſein Spiel anregend wirken, war aber weit entfernt davon, ſich für einen Künſtler zu halten. Der Gedanke ſeine Zukunft der Bühne anzuvertrauen war ihm nicht gekommen, wie er überhaupt bis jetzt noch nicht recht an ſeine Zukunft denken konnte, weil er ſich ſelbſt in ihrem Raume keine Form zu geben wußte. Mit dem Bewußtſein ſeiner Liebe überkam es ihn auch wie einen Auserwählten. Er erkannte zugleich ſeinen Beruf. Die Bühne war es. Und mit dieſer Er⸗ kenntniß kam erſt der rechte Geiſt über ihn. Das Bewußtſein ſeiner Liebe erfüllte ihn mit einem eigenen künſtleriſchen Feuer, welches ſeine ganze Erſcheinung hob und ihr jene Weihe gab, die ein großes Talent unter günſtigen Umiſtänden erhält.

Ob ihn auch Emma liebte? Er ahnte es, ja, er wußte es, wenngleich kein Wort des Geſtändniſſes noch über ihre Lippen gekommen war. Aber die Liebe ſieht ſcharf, ſie erſpäht jedes Zeichen, welches unwillkürlich den innerſten Seelenzuſtand verräth. Und dieſer Zeichen gab es viele von bei⸗ den Seiten. Nur der Liebende verſteht ſie; wer nie geliebt, der achtet ihrer nicht.

Durch die Einrichtungen Otto's war einige Ordnung, ein regeres Leben in die kleine Geſell⸗ ſchaft gekommen. Manche alten, ſchädlichen Elemente wurden ausgeſchieden und dafür andere bildſamere Kräfte eingefügt. Der Lange, auch der kleine Komiker im unverwüſtlichen blauen Frack hatten