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Walter Lindau: Der Verlorene. 263
genheit zur Zuſammenkunft bot, von allen ihren Kollegen und auch von den Kolleginen gemieden, welche ſich nun im Vergleiche mit Emma als wahre Heilige betrachteten.
Emma jedoch war glücklich in dem neuen Kunſtleben, welches ihr Otto erſchloß, und küm⸗ merte ſich jetzt eben ſo wenig um die Ungunſt ihrer Genoſſen, wie ſie es früher um ihre Gunſt gethan.
Otto freute ſich über die ſichtlichen Fort⸗ ſchritte ſeiner Schülerin. Zu ſeiner Aufgabe gehörte es auch, mit ihr die Rollen durchzugehen, in denen ſie eben auftreten ſollte. Wenn er ihr in ihrer kleinen Wohnung gegenüber ſtand und die Worte ſprach, die ſie auf den Brettern gewöhnlich von dem Langen oder dem Zerriſſenen zu hören pflegte, ſo fühlte ſie ſich eigenthümlich gehoben. Das Feuer, das von Otto ausſtrömte, ging auf ſie über. Auf der Bühne war es anders, da arbeite⸗ ten die Herren für ihren Taglohn, es war kein Geiſt, kein Leben in ihren Worten.
Otto erkannte dieſen Uebelſtand, der immer ſeinen nachtheiligen Einfluß auf Emma haben mußte und faßte darüber einen Entſchluß. Er ging zum Direktor.
Das große Zimmer mit der Ausſicht auf den Platz, welches der würdige Mann bewohnte, war in der ſeltſamſten Verfaſſung. Auf Stühlen und Tiſchen, auch in den Winkeln am Boden lagen Bücher, Hefte und andere Papiere in wunderbarer Unordnung mit verſchiedenen anderen Dingen unter einander. Den Eingang hütete ein kleiner Junge, welcher Wache haltend im papiernen Tſchako und mit hölzernem Säbel auf und ab ging, in der Mitte des Zimmers kroch ein kleinerer, ganz in natura am Boden umher, und ließ gar unangenehme Töne aus ſeiner Kehle fließen. Eine Frau, welche auf dem Theater in dem Fach der Anſtandsdamen, in Ermanglung deren aber als alte, keifende Mieths⸗ frau oder Großmutter beſchäftigt war, kochte Kaffee ohne ſich um den ſchreienden Rangen zu kümmern. Der Direktor, ein Mann von vierzig Jahren mit einem nichtsſagenden, vollen Geſichte und ſtattlichen Körper, war mit der Garderobe beſchäftigt, welche in einem ziemlich troſtloſen Zuſtande auf einem Haufen über einander lag und im Ganzen einem Berge von bunten Lappen nicht unähnlich ſah. Das ganze Zimmer war überdieß in eine neblige Atmo⸗ ſphäre gehüllt, welche mit dem Dufte von ausgelau⸗ fener und auf der Eiſenplatte verbrannter Milch reichlich geſchwängert war.
Der Direktor erhob ſich aus ſeiner kauernden Stellung und ging dem Eintretenden entgegen. Er bot ihm eine Priſe aus ſeiner Horndoſe und fragte nach dem Begehr des Herrn Doktors.
„Ich möchte mich in Ihre Garde aufnehmen laſſen, Herr Direktor, und komme, Ihnen meine Mitwirkung auf der Bühne anzubieten.“
„Sie ſcherzen, verehrteſter Herr Doktor,“
meinte der Direktor;„ein Mann wie Sie, reich, unabhängig, Sie wollten—“
„Es iſt mir vollkommener Ernſt,“ unterbrach ihn Otto.„Ich möchte es einmal mit dem Thea⸗ ter verſuchen, wozu ich ſchon ſeit jeher eine unüber⸗ windliche Neigung beſaß.“
„reilich, freilich,“ ſprach der Direktor vor ſich hin,—„man hat Beiſpiele, daß ſogar große Män⸗ ner zur Bühne gingen; Kaiſer Nero— um bei den Alten anzufangen—“
„Ich will es blos verſuchen,“ el Otto ihm ins Wort, um die heranziehende hiſtoriſch⸗drama⸗ turgiſche Abſchweifung abzuſchneiden,„und deßhalb
bitte ich Sie, mich als eine Art Volontär aufzu⸗
nehmen. Sie gehen mir gegenüber keine Honorar⸗
verpflichtungen ein, ſondern erlauben mir nur mich hie und da in einer Partie zu beſchäftigen.“
„Ich hätte wohl nichts dagegen,“ meinte der Direktor,„doch wiſſen Sie, wie es bei einer Bühne geht. Jeder hat ſein Fach, aus dem er ſich nicht gerne verdrängen läßt, beſonders von einem— Neuling, ich bitte den Ausdruck nicht übel zu neh⸗ men, Herr Doktor.“
„Wenn ſich blos dieß Bedenken meinem Wunſche entgegenſtellt,“ erwiederte Otto,„ſo iſt die Ange⸗ legenheit geordnet. Ich zweifle nicht, daß ich mich mit jenen Herren, welche ſich durch mich beein⸗ trächtigt fühlen dürften, privatim verſtändigen werde.“
„In dem Falle habe ich nichts dagegen, daß Sie einen Verſuch machen. Ich werde ſehen, wie ſich das Publikum Ihnen gegenüber benimmt.“
Der Direktor war innerlich froh über dieſe Acquiſition, von der er ſich viel verſprechen durfte. Er verzieh ihm ſogar, daß er die Gunſt ſeiner erſten Heldin und Liebhaberin erobert hatte. Otto galt ja für reich, er konnte die geſunkenen Kräfte des Theaters im Nothfalle unterſtützen, und Emma war das Band, durch welches Otto in Kurzem unbedingt herübergezogen werden konnte; ſo wäre allenfalls einer oder der andere, in deſſen Fach Otto eben eintreten würde, entbehrlich, und da Otto als reicher Mann, der ſich blos aus Liebe zur Kunſt dem Theater widmete, auf Honorar kei⸗ nen Anſpruch machte, ſo entfiel da abermals ein Perſonenantheil zum Vortheile des Direktors.
Der Lange, deſſen Nachfolger Otto zu wer⸗ den wünſchte, verſchluckte ſeinen Groll gegen den glücklichen Nebenbuhler in einer Flaſche Wein, die Otto für ihn bereitwillig zahlte. Auch war er es zufrieden, daß er durch einen Subſtituten der Mühe des Rollenlernens enthoben wurde, denn das Studiren war eben ſeine ſchwache Seite, und mit einem Anflug von Humor pflegte er zu ſagen: „Wenn jemand für mich ſtudiren könnte, ſpielen würde ich ſchon ſelber wie ſichs gehört.“
Otto ſpielte.
Wir wollen uns nicht in überflüſſige Details einlaſſen. Aus dem Vorhergehenden wird der Leſer wohl ſchließen, daß das Publikum durch dieſe Sub⸗


