148 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ſchwebende einige Senſen, Sicheln, Ketten und noch andere Eiſenwaaren kelaſteen. Hätte Jeinand darin ein Zeichen erblickt, daß in der Schale der Gerechtigkeit ſiets das Herbe obenan ſchwebe, ſo hätte er geirrt, denn dieſe allegoriſche Figur mit den Handelsprodukten verkündete nur, daß unter dieſer ſo komplizirten Firma— ein löbl iches Bürgermeiſter⸗ amt und eine wohlaſſortirte Spezerei⸗ und Mate⸗ rialwaarenhandlung im friedlichen Verbande zugleich betrieben wurde.
Nun, die beiden Firmen, die uns eine lächelnde Bewunderung entlocken, waren einmal da und zwar ſchon von Alters her, und unter dieſen wohn— ten jene zwei Perſönlichkeiten, die als die Helden unſerer Erzähl ung einige Aufmerkſamkeit in Anre⸗ gung bringen mögen.
Im Hauſe des letztbeſchriebenen Zeichens be⸗ gegnen wir einem vierundz zwanzigjährigen, blonden und blauaugigen Menſchen, deſſen Körper, etwas außergewöhnlich in die Höhe geſchoſſen, faſt in's Linienartige überging; hinwider zeichneten ſich ſeine Geſichtszüge durch eine angenehme Rundung aus und ein ſtetes Lächeln ſpiegelte ſeine gemüthliche
Seele Allen zur Gunſt ab. Er war der letzte Sproſſe.
eines reichen Bürgermeiſt erſtammes, in deſſen Linie ſchon ſeit undenklichen Zeiten das Szepter einer mil⸗ den Gerechtigkeit gehand habt wurde; doch bei dem
zeitlichen Hintritt des letzten Konſuls ging die Würde— aus Urſache des unzureichenden Alters des Prätendenten— auf ein älteres Haupt über,
und dem Themisſohne verblieb blos die merkantili ſche Wage. Ueber den Verluſt des Szepters konnten ihn aber die hinterbliebenen Kaſten und Käſtchen der ſeligen Mama tröſten, die ſchwer an dem zu ſammengeſcharrten klingenden Gute wogen und unſerem Junggeſellen erſter Größe kein geringes Gewicht bei den ſchönen Pekunianerinen verliehen. Unter den Fittigen des Aares ruhte der Poſt⸗ meiſter er, ein wohlbeleibtes feſches Männchen, dem die Lachluſt zu jeder Miene herauslugte. Er war von kleinem Wuchſe, welchem Uebelſtande weder die hohen Abſätze noch die hohe Kakadufriſur hinläng⸗ lich abhelfen konnte; aber wo ſeine kurzbemeſſene Perſönlichkeit nicht auszureichen vermochte, dort ver⸗ ſchaffte ſich ſein geläufiges Mundwerk achtung⸗ gebietende Geltung. Mit demſelben Rechte, mit welchem man ein heiteres Wetter ein ſchönes nennt, konnte man auch ſein fröhlich Angeſicht ein ſchönes nennen; und doch trieb er ſich zum Verdruße manch' einer Inhaberin der reiferen Ju⸗ gend bereits volle dreißig Jahre unter der unge⸗ bändigten Schaar des Junggeſellenthumes unſtät herum und ſeit dem die ſiegreichen Eiſenbahnen im⸗ mer mehr und mehr an Terrain gewannen, ge⸗ wann auch er— in Folge des hieraus entſtandenen flauern Poſtgeſchäftes— mehr Muße, anderer Beſchäftigung nachzugehen, und zwar in der Eigen⸗ ſchaft eines leidenſchaftlichen Nimrod's— der Jagd.
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Eben lehnte er ganz nachläſſig im Raume eines offenen, grüngepolſterten Zimmerfenſters, über einen neuen Jagdplan ſinnend, als plötzlich einige zitterhafte Poſthornſtöße und kräftige Peitſchenſignale die Ankunft einer Diligenze verkündeten.
Der Poſtmeiſter horchte, wie wenn er ſeinen Ohren nicht recht trauen wollte, und er ſchob den Kopf mit beiden Händen weit über die Fenſterbrü⸗ ſtung hinaus.
Ein Wagen fuhr vor und machte Halt; der Schlag wurde geöffnet, und es entwickelte ſich ein junger langbeiniger Menſch wie ein zuſammengeleg⸗ ter Klafterſtab aus demſelben; doch kaum hatte er den Boden betreten, als er auch ſchon von dem neu⸗ gierig herabblickenden Poſtmeiſter angerufen wurde:
„Emil! Emiliusl ſind Sie endlich von der langen Reiſe da? Hoch Weidmannsheil! nun hat
die lange Weile ein Ende!“ Mit dieſem freudigſt bewegten Ausrufe rollte er über die breite Wendel⸗ ie zu ſeinem Appartement führte, hinab, und in Zeit weniger Minuten hing er am— Unterleibe des jungen Mannes, da er ſeine Freude⸗ äußerung nicht höher anzubringen im Stande war.
Der junge Mann, dem dieſe Umarmung nicht ſonderlich gefallen mochte, bog ſich zu einer gefäl⸗ ligern hernieder; allein kaum wurde das kleine Männchen dieſe günſtige Gelegenheit gewahr, ſo hing er auch ſchon mit einem komiſchen Sprunge am Halſe des Freundes, der es nur ſeiner leicht bieg⸗
ſamen Körperkonſtitution zu danken hatte, daß er
bar, Buſenfreund,
Jagd,
wollte.
nicht⸗ gleich einem überlaſteten Hebel mitten ent⸗ zwei brach.
„Mein lieber, theurer Emilius, Nach⸗ Dianens Waffenträger, Euſtachs Kugelgießer! ſeien Sie tauſendmal willkommen!“ ſchrie der Poſtmeiſter im berauſchenden Wort⸗ ſchwall, während der junge Mann, der Inhaber der handeltreibenden Themis mit den Worten:„Bitte, bitte, Herr Poſtmeiſter— wir gehen beide unrett⸗ bar zu Grunde,“ ſich ſeiner theuren Laſt entledigen
„Morgen, ach morgen ſchon geht's wieder zur zur— Entenjagd, zu der herrlichſten der Welt, Freundchen!“ ſchrie der Poſtmeiſter weiter, den Freund noch feſter umklammernd.
Die laute Stimme des Poſtmeiſters mochte
jedoch bis in den Hintergrund des Poſthofes ge⸗
drungen ſein, denn mit einem Male brach eine ver⸗ ſchiedenragige Hundemeute aus demſelben hervor, und die ringende Umarmung beider Freunde als einen ernſten Kampf betrachtend, fielen ſie, ihrem Gebieter Hilfe bringend, über Emilius her, wo⸗ durch denn das ſchwerbehauptete Gleichgewicht ver⸗ loren ging und unmittelbar auf dem Schoße der Mutter Erde ein tragikomiſches Hand⸗ und Hunde⸗ gemenge entſtand.


