Heft 
(1859) 5 05
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humoc.

zeichnen, die Böhmen als ihre Heimat nennen. Ebert'sWlaſta erfreute ſich in Deutſchland eines allgemeinen Beifalls, Meiß⸗ ner und Moriz Hartmann repräſentirten eine ganze Richtung der deutſchen Poeſie und Adalbert Stifter brachte in die Lite⸗ ratur jene Empfänglichkeit für das Kleinleben der Natur, welche uns noch immer wohlthut, damals aber, zur Zeit als die Studien erſchienen(1844), die Blaſirtheit jener Tage er⸗ folglich bekämpften; auch Herloßſohn, Kapper und Joſ. Rank haben ſich einen klangreichen Namen in Deutſchland erworben. Haben nun auch die dem poetiſchen Streben ſo ungünſtigen Verhältniſſe der Gegenwart wie in Deutſchland überhaupt, ſo auch in Böhmen keine neue Kraft zu durchgreifender Wirkung auf dem literariſchen Felde gelangen laſſen, ſo tritt uns doch noch immer manche erfreuliche Erſcheinung entgegen, die uns Bürge iſt für die treue Pflege und Fortentwicklung der Poeſie in unſerem Vaterlande. Wir greifen zum Belege deſſen einige Novitäten unſeres Büchertiſches auf.

Sul

Suleiman. Dramatiſches Gedicht in ſünf Ab⸗ theilungen nebſt einer Introduktion. Von S. J. Kaempf. Prag, Carl Bellmann's Verlag. 1859.

Der Inhaltedes Dramas iſt folgender. Suleiman, eben ſo groß als Staatsmann wie als Dichter, iſt durch bittere Er⸗ fahrungen des wirklichen Lebens wie durch Zweiſel auf dem Gebiete des Wiſſens in einen Zuſtand tiefer Erbitterung gegen alles Beſtehende gelangt und eben im Begriffe, ſelbſtmörderiſch Hand an ſich zu legen, als ihn Jachja, ein Greis, deſſen Sinn in der Schule des Lebens zu beſonnener, ruhiger Betrachtung der Dinge gereift iſt, von ſeinem Vorhaben abgezogen wird. Zu gleicher Zeit trifſt die Kunde ein, daß ſich die Regierungs⸗ verhältniſſe des Landes geändert haben; die vordem verketzerten Schriften Suleimans werden von dem Chalifen nach ihrem hohen Werthe gewürdigt, Jachja, der Verwandte des Chalifen aus dem Exil an den Thron des Letztern als Großvezier berufen. Gegen dieſe freundliche Wendung der Dinge erhebt ſich Omar, Abdal⸗ lahs, des geſtürzten Herrſchers Sohn, Suleimans Todfeind. Beide, Omar und Suleiman, lieben Leila, Jachjas Tochter; die rohe ſinnliche Aufdringlichkeit des erſteren wird entſchieden zurückge⸗ wieſen, während der letztere ſich der innigſten Gegenliebe erfreut und von Jachja, der ihn zur Uebernahme des Großvezirats be⸗ redet, die väterliche Zuſtimmung erhält. Das Volk jubelt Su⸗ leiman, dem neuen Vezier entgegen, deſſen weiſe Maßregeln das Land bald wieder in Flor zu bringen verſprechen; aber raſch ſpinnt ſich am Hofe eine Intrigue gegen ihn an. Durch ſein Streben

Der Krone Anſehen und des Volkes Wohl

In untrennbare Harmonie zu bringen hat er ſich den Haß ehrgeiziger Ulemas, deren Zwecken er nicht dienen mochte, zugezogen und mit ihrer Hilfe gelingt es Omar durch einen veranſtalteten Volksauflauf Suleiman in Ungunſt zu ſetzen, doch dades Anſchlags Früchte nicht ſchnell reifen wollten, ſo greifen die Verſchwörer zum Dolche und Suleiman fällt durch Omars Hand. Letzterer erfreut ſich nicht lange der geſättigten Rache und der Ausſicht auf neue Größe, denn da das angelegte Spiel an den Tag kommt, ſtürzt er ſich, um dem Gerichte zu entgehen, in einen Abgrund.

Dieß ſind die Grundzüge der Handlung. Das genannte Drama ſcheint nicht auf Bühnenwirkſamkeit berechnet zu ſein, denn ſein Schwerpunkt ruht zumeiſt in ſeinen philoſophiſchen Di⸗ alogen, welche die wichtigſten allgemeinen Intereſſen der Menſch⸗ heit zum Gegenſtande haben⸗ In derſelben Weiſe, in welcher Leſſing in ſeinem Nathan die Ideen einer ſpäteren Zeit in eine frühere Periode zurückverlegt, hat der Verfaſſer des Su⸗ leiman alle höheren Fragen, welche die Gegenwart bewegen, in die Zeit des Chalifats zurückgetragen. Geſchieht es nun hie⸗ durch zuweilen, daß Manches in dem Munde der Sprechenden als Anachtonismus klingt, ſo zieht den Leſer die Fülle und Tiefe

der Gedanken, die Feinheit pſochologiſcher Beobachtungen, die oft epigrammatiſche Schärfe der Bemerkungen doch ſo in das Intereſſe, daß er bei der Entwickelung des allgemeinen Gedanken⸗ prozeſſes leicht den Abgang einer vollſtändig hiſtoriſchen Färbung überſehen mag. Die Sprache hat oft den Wohllaut, die Ein⸗ fachheit und die wunderbare Lieblichkeit der Verſe in Göthe's Fauſt, nur zuweilen wäre eine etwas ſtrammere Haltung wün⸗ ſchenswerth und manche harte Eliſion, wie Ley'r, Eu'r ꝛc. ꝛc. zu vermeiden geweſen.

Gedichte der Katharina Klauczek. Prag. Gera⸗ bek. 1859.

Ein künſtleriſches Streben iſt in denGedichten von

K. Klauczek nicht zu verkennen. Wer die früheſten Jugend⸗ gedichte derſelben, von denen freilich nur wenige in die vorlie⸗ gende Sammlung aufgenommen worden ſind, mit den ſpäteren z. B. mit den trefflichen LiedernSelma an Leo(S. 137) vergleicht, der wird anerkennen, daß die Dichterin in einem ſteten Fortſchreiten begriffen war. Dieſe Lieder zeichnen ſich eben ſo ſehr durch das tiefe, innige Gefühl, das dieſelben belebt, als durch die edle Form aus, die ſich weich und harmoniſch dem Gedanken anſchmiegt.

Wenn an einander wir vorübergehen,

Da möcht' ich laut die frohe Stunde ſegnen,

Doch wag' ich's nicht, Dir in das Aug' zu ſehen

Wie könnt' ich Deinem Feuerblick begegnen?

Mein Blick würd' zum Verräther an dem Herzen

Und möchte Dir im feuchten Glanze klagen,

Daß ich noch nicht gelernt die herben Schmerzen

Der ew'gen Trennung muthig zu ertragen.

Wie die Dichterin in dieſen Liedern einer tiefen glühenden

Leidenſchaft es ſind Fragmente eines unvollendet gebliebenen Romans einen wahren und ſchönen Ausdruck verleiht, ſo verſteht ſie es an andern Orten eben ſowohl ſchalkhaft und

fröhlich zu ſein, wie in den zerſtreuten Blüthen(S. 132). Die Naturſchilderungen ſind klar und durchſichtig; ſowohl in anmuthigen Gemälden, wie es die vier Tageszeiten ſind, als in dem düſteren, großartig angeregten BildeSt. Helena.

Die Gedichte ſind vorwiegend lyriſcher Natur, nur wenige erzählende Poeſien ſind mitgetheilt; dieſe wenigen, unter ihnen das größere epiſche Gedicht,Aphrata beweiſen, daß es der Dichterin auch nicht an Talent für epiſche Poeſie gemangelt habe und wir können es nur lebhaft bedauern, daß es dieſem reichen und ſchönen Talente nicht vergönnt war, ſich vollſtändig zu entfalten.

Das Buch iſt mit dem Bilde der Dichterin geziert. Das Vorwort erwähnt, daß man in dem Nachlaſſe derſelben noch drei zur Gänze beendete Tragödien, eben ſo viel Luſtſpiele, einen unvollendet gebliebenen Roman, eine unbeendete Tragödie und einige größere epiſche Gedichte gefunden habe. Das März⸗ heft derErinnerungen 1858 brachte eine Biografie der im 24. Lebensjahre verſchiedenen Dichtſyin.

Rebus von Coh. Jaroſch.

xꝛꝛ

Verantwortlicher Redakteur:

W. Ernſt. Papier und Druck des art.⸗typ. JI

Ausg egeben am 15. Februar 1859.