Heft 
(1859) 5 05
Seite
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144 Erinnerungen.

Nach demſelben können ſie ſich beſchäftigen, wie ſie wollen. Je ein Lehrer führt den ganzen Tag die Aufſicht im Hauſe, ſo daß die Kinder ſich wohl frei bewegen können, doch nie des wachenden Auges entbehren.

Die Mädchen ſtehen außer der Schulzeit mehr unter der Leitung der Hausmutter, welche zugleich Oberlehrerin iſt, und zweier Gehilfinnen.

Das Inſtitut hat einen ſchönen Garten, cher nie den Zöglingen geſperrt iſt.

Sonntags beſuchen ſie eine Meſſe und hernach hält der Direktor im ſchönen Prüfungsſaale, der auch zugleich Arbeitsſaal iſt, für ſämmtliche Zög⸗ linge eine Predigt und zwar mittelſt der Geberde. Zu dieſer Erbauungsſtunde finden ſich auch die er⸗ wachſenen Taubſtummen ſelbſt anderer Religions⸗ bekenntniſſe fleißig ein.

Auch für Hörende, die der leichtverſtändlichen natürlichen Geberde mächtig ſind, bieten dieſe Er⸗ bauungsſtunden das höchſte Intereſſe.

Betrachten wir nun die Art und Weiſe, welcher an unſerer vaterländiſchen Anſtalt ter⸗ richtet! wird.

Deutſche und franzöſiſche Methode haben eine ſchöne Vereinigung gefunden. Aller Ünterricht, jener in der Religion ausgenommen, wird in der Laut⸗ ſprache ertheilt und dabei nur ſo weit die Geberde benützt, als es unumgänglich nothwendig iſt. In der erſten Beit der Bildung muß man, da noch gar keine Sprachfertigkeit vorhanden iſt, ſich vor⸗ nehmlich der Geberde bedienen; doch ſo, wie die Kenntniß der Sprache ſich erweitert, tritt jene in den Hintergrund.

Es iſt von großer Wichtigkeit, daß ſich die Taubſtummen mit ihren Nebenmenſchen leicht ver⸗ ſtändigen können, und dieß iſt nur möglich, wenn ſie vom Munde die Sprüch ableſen und ſelbſt ver⸗ nehmlich zu ſprechen vermögen, Beides küm durch beſonderen Fleiß und in hinreichender, nicht über⸗ mäßig langer Zeit erreicht werden. Ferner iſt die Lautſprache auch für das geſammte Denken von großer Wichtigkeit, wie wir dieſes ſchon in dem Aufſatze der erſten Nummer gezeigt haben, wo wir darlegten, wie gerade dem Mangel der Laut⸗ ſprache es zuzuſchreiben iſt, daß die Taubſtummen in ihrer Ausbildung ſo weit zurückbleiben. Die Lautſprache fördert die formelle Ausbildung des Menſchen. Nach der franzöſiſchen Methode, die für die Lautſprache nun die Schriftſprache lnöſiniet haben die Zöglinge letzteren Vortheil wohl nahe⸗ zu auch, obwohl ſie nie ſo zum Bewußtſein der Sprache gelangen, wie nach der deutſchen; doch den erſtgenannten Vortheil bietet ſie gar nicht. Daß das genannte Ziel erreicht werden kann, davon lie gen Beweiſe vor. Wenn die Sprache der Taubſtum⸗ men auch häuſig etwas Rauhes und Einförmiges hat, ja wenn man, um ſich leicht mit ihnen ver⸗ ſtändigen zu können, ſich an die Ausſprache gewöh⸗ nen muß, ſo heben doch dieſe Uebelſtände den eigent⸗

wel⸗

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

lichen Gewinn nicht auf. Ueberdieß muß hier noch bemerkt werden, daß die Lautſprache auch die Geſundheit fördert, indem ſie den Reſpirations⸗ organen die nöthige Uebung und Beſchäftigung gibt. Aber, wird man fragen, warum benutzt man beim Religionsunterrichte die Geberde? Viele Gründe ſprechen dafür.

Die Taubſtummen kommen gewöhnlich ſehr vernachläſſiget in das Inſtitut, behaftet mit einer Unzahl von Fehlern, mehr Thieren als Menſchen ähnlich. Wie will man nun dieſe Weſen entwildern? Strafe, Zwang o, das ſind bittere Mittel, die, wenn ſie auch ſcheinbar zum Ziele führen, den Charakter verderben; ſie bewirken nur ein Abrich⸗ ten, nicht aber eine wahre Umbildung des Geiſtes. Die Religion iſt der beſte Zügel für die Leiden⸗

ſchaften, durch ſie iſt man im Stande, die Rauh⸗

heit, Wildheit, Leidenſchaftlichkeit zu bändigen. Nach der rein deutſchen Methode, nach welcher auch die⸗ ſer Unterricht durch die Sprache ertheilt wird, dauert es ſehr lange, ehe man mit demſelben be⸗ ginnen kann; erſt nachdem die Zöglinge mehrere Jahre in dem Inſtitute ſind, kann man damit an⸗ fangen und erſt in dem letzten Bildungsjahre, wenn die Sprache ſchon ziemlich weit ausgebildet iſt, einen ordentlichen Unterricht in dieſem wich⸗ tigen Gegenſtande vornehmen. Unterdeſſen iſt nun aber eine bedeutende Zeit für die wichtigſte Bil⸗ dung des Gemüth es denn wahrer Religionsun⸗ terricht muß Bildung des Gemüthes ſein verloren gegangen und der Charakter ſchon mehr oder we⸗ niger fertig; der ſpätere Unterricht iſt nie ſo frucht⸗

bringend.

Nehmen wir ſogar an, das Kind ſei ſo weit ausgebildet, daß es unſere Sprache verſtehen und auch gut vom Munde ableſen kann, ſo behaupten wir auch dann noch, daß die religiöſen Vorträge mittelſt der Lautſprache nicht den gewünſchten Er⸗ folg haben. Selbſt wenn der Zögling im Abſehen geübt iſt, bereitet dasſelbe ihm immer noch ziem⸗ lich viele Mühe; alle ſeine Aufmerkſamk keit muß auf die Sprachorgane gefeſſelt ſein, um nur den Sinn des Geſprochenen aufzufaſſen, und dieſe mühſam errungenen Gedanken ſind weniger geeignet, Ge⸗ fühle hervorzurufen. Der tiefe Eindruck, den die mannigfache Modulation der Stimme, welche die Seele in ihrem ganzen Leben wiedergibt, auf den Menſchen hervorbringt, fehlt hier ganz. Freilich ſa ſa⸗ gen eifrige Vertheidiger der deutſchen Methode, daß die Modulation der Stimme durch lebhafte Mimik erſetzt werden könne, ja durch die ganze Haltung des Körpers. In etwas mag dieß wohl wahr ſein, dieß wollen und können wir nicht widerlegen, doch die Wirkung kann nicht ſo bedeutend ſein, weil wie geſagt, der ableſende Zögling die Mimik nicht vollſtändig wahrnimmt. Denken wir uns einen Redner, den wir nur mit Anſtrengung verſtehen, und welcher uns, ich will Aagen, in den beſtgeſetz⸗ (ten Worten ganz in einem Tone ohne Veränderung