Heft 
(1859) 5 05
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Hügeln und Bergen mit uns Verſteckens ſpielt, bis er in der Ebene bei Leitmeritz wie einbreites Silberband vor uns liegt und dann zwiſchen ma⸗ leriſchen Bergen zur Grenze fortzieht. Der Geltſch mag in den urälteſten Zeiten, wie ein kundiger Geolog behauptet, nach Klingſteinſäulen zu beiden Seiten der Kuppe gegen einander zu ſchließen, um manche Fuß höher ge weſen ſein, als der Milleſchauer, der jetzt beinahe 500 Fuß vor ihm voraus hat; es mag auch dar⸗ über geſtritten werden, ob Sedlo ſein älterer Name ſei oder Geltſch(was der Verfaſſer dieſer Skizze am liebſten von gol, d. i. holy ableiten möchte) ſo viel ſteht feſt, daß er ein hübſch Paar Jahre am Rücken hat; iſt auch gar wohl zu begreifen, da er ſonſt nicht ſo groß und ſo breit und ſetzen wir es ohne weiteres Bedenken dazu! ſo ſchön ſein könnte. An ſeinem Fuß iſt ſchon manches Geſchlecht vonSterblichen zur Welt gekommen oder, wie die Geltſchleute ſich ausdrücken,jung geworden, hat auf ſeinen Abhängen unter Tannen und Fichten rothe und ſchwarze Beeren gepflückt, Pilze, Reisken und Fliegenſchwämme geſucht, auf der Felſenhöhe nach uraltem Brauche das Jo⸗ hannisfeuer angezündet, aus ſeinen Wäldern Wärme für Ofen und Herd, Ruthen und Chriſtbäume für gute und böſe Kinder geholt, Balken für den Dach⸗ ſtuhl und Bretter für den Sarg. Ein Jahr⸗ zehend nach dem andern iſt verſtrichen, ein Ge⸗ ſchlecht nach dem andern in's Grab gelegt worden. Was wird die Geſchichte unſers Landes von allen den langen Reihen zu erzählen haben, was wird, wie die Gelehrten ſich vornehm ausdrücken, die Muſe Klio mit ehernem Griffel in ihre Felſen graben? Und doch wie oft ſteht in den Büchern der trockenen Geſchichte kein Sterbenswörtchen, wo das Buch des lebendigen Lebens manche Seite mit dunkler ſchwarzer, manche mit heller rother Farbe gezeichnet trägt!

Was vor vier Jahren am Fuße des Gelt⸗ ſches geſchah, darüber wirſt du, freundlicher Leſer, durch die alte ſteinerne Klio nichts zu Ohren be⸗ kommen und ſo will denn ich davon erzählen.

Vor vier Jahren, im Lenzmonat ſcharrten ſie am Fuße des alten Berges einen Mann in die kalte Erde, der des Lebens Bürde manche Jahre mit muthigem, trotzigem Sinne getragen hat. Der Tag, der dieſen Mann aus den Reihen der Leben⸗ den ſtrich, ſteht mir genau unter allerlei andern bedeutungsloſen Ereigniſſen des Monats im Kalender des Jahres 1855 aufgezeichnet:Am 5. ſtarb der ehrliche deutſche Geltſch naz. Friede ſeiner Aſche! Der Friedhof des Dörfchens Sobenitz(kürzer auch Sobenz) hat die müden Gebeine des Mannes in ſeine ſtillen Räume aufgenommen.

Der Geltſchnazr) war aber(vernehmt es mit

*) Der Name iſt als vollkommener Spondeus() zu leſen; Naz iſt die gewöhnliche Kürzung von Ignaz.

Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Verwunderungl) nichts weiter, als ein armer Bet⸗

telmann, der herumzog von Haus zu Haus, von

Dorf zu Dorf und von den milden Gaben ſeiner Mit⸗

menſchen lebte. Er hieß der Geltſchnaz, weil er

am Fuße des Berges, in den Geltſchhäuſern daheim

der Neigung der mächtigen

war, einem Dörfchen von nur wenigen Hütten; dort war ſeine Wiege geſtanden, wenn der Ge ltſchnaz jemals eine hatte. So oft der Bettler, den die weite Umgegend des Berges kannte, bei uns im Dorfe ſich einfand, lief Alles zuſammen, ihn zu bewillkom⸗ men und in ſeinem Aufzuge anzuſtaunen. Er trug vor Allem eine landesüblicheJacke, an der ein forgfältiger Romanſchreiber manch' ein Knöpflein vermißt, zum Erſatz aber der Knopflöchlein eine übrige Zahl gefunden hätte; eine gründliche Reno⸗ virung hätte der Jacke gut gethan, doch ſie blieb ewig dieſelbe, wie der Mann ſich gleichblieb, der in ihr ſtak. Das Kleidungsſtück, das der profane Mund Hoſe nennt, was alberner Weiſe ein una usſprech⸗ liches Wort ſein ſoll, mochte vor Zeiten ganz ſtattlich geweſen ſein, leider aber damals, als ſie der Geltſchnaz noch lange nicht an den Beinen hatte; der Zahn der Zeit, der nichts unberührt läßt, riß auch in ſie einzelne Lücken hinein, die ſich der arme Bettler mit Blättern und Zweiglein anſtatt der üblichen Flecke auszufüllen pflegte, wodurch er den wundervollen Geſtalten der alten Flußgotthei⸗ ten nicht unähnlich wurde. Auf dem Kopfe trug der Geltſchnaz eine unanſehenliche Mütze mit dem landesüblichen breiten Schilde; waren die Tage ſchön, ſo ging er auch barhaupt herum.

Ueber die Schulter hing ein langer Sack her⸗ ab; darin trug der Geltſchn az die Brodſchnitte, die er in ſeinem weiten Gebiete eingeſammelt hatte, mit Tannenzapfen friedlich untermengt; man ſollte nicht denken, was für Dinge ſich oft zuſammenfin⸗ den können.

Sonderbar rollten die großen grauen Augen aus den Höhlen hervor, unſtät fielen ſie dahin und dorthin, ſo daß Einem unheimlich werden konnte, wenn man den Geltſchnaz nicht näher kannte; dann und wann zuckten die Geſichtsmuskeln zuſam⸗ men, ſchnell wie ein fernes Wetterleuchten. Der ſtruppige Bart und das wirre Haar gehörten als unentbehrlicher Rahmen zum Ganzen.

Der rauhe Mann ſprudelte ſeinen kurzen Gruß hervor und bat um ein Brod. Man kannte ſeine ſchwache Seite und ſtrich ihm den weichen, ſaftigen Quark zweifingerdick auf die Schnitte; das war ein Lucullusmahl für den Armen, nichts ging ihm über eine rechtſchaffeneQuorkſchniete und je dik⸗

ker, deſto lieber! Ihnen zunächſt hatte der Geltſch⸗ naz in ſeinem einfachen Kochbuche die ſauern Gur⸗

ken geſtellt; die fand er immer am ſchmackhafteſten beim Pfarrer, wo man der ehrlichen Seele gern vom Vorrathe gab. Die ſauere Gurke gehört aber auch zum Landmanne unſerer Gegend; nirgends dürfte der Gurkenbau in ſolcher Blüthe ſtehen, wie in den fettenPlatta⸗Gründen bei Polep.