136 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
den Kaiſer gewieſen worden. Er hatte Ihren armen Vater ſehr lieb und wird Sie deßhalb ſehr freundlich aufnehmen. Wollen Sie aber einen guten Rath von mir annehmen, ſo reiſen Sie ſobald als möglich ab, wenn Sie die Begnadigung er⸗ halten haben, denn ich glaube beſtimmt, daß etwas Schlimmes in der Luft liegt und Sie wohlthun, wenn Sie ſich in Sicherheit bringen.“
Leogane ließ ſich leicht bereden und em⸗ pfahl ſich dem freundlichen Alten, um ſich zur Reiſe anzuſchicken und Abſchied von der Tochter Elliot's zu nehmen.
Von Jacmel nach Port⸗au⸗-Prince iſt es nur zwanzig Stunden, aber man muß dort auf zwei anſtrengende Reiſetage rechnen, die 4— 500 Francs koſten. Man braucht zwei Pferde, eines für den Reiſenden ſelbſt, das andere für den Führer, und ein Maulthier, welches das Gepäck trägt. Die Pferde⸗ und Maulthier⸗Beſitzer, welche wohl wiſſen, wie ſehr eine ſolche Reiſe ihre Thiere angreift, vermiethen ſie nur zu hohen Preiſen, ſo daß man am beſten thut, man kauft ſie gleich, um ſie nach der Reiſe
wieder zu verkaufen, wenn ſie dieſelbe aushalten und glücklich über die Berge, durch die Moräſte und Flüſſe kommen. Auf dem Wege von Jaecmel nach Port⸗au⸗Prince muß man 162 Male durch den Fluß reiten. Iſt das Waſſer gerade tief, ſo zieht man dabei die Beine ſo hoch hinauf, daß man faſt auf dem Sattel kniet und das Pferd, das daran gewöhnt iſt, ſchwimmt hindurch. Die erſten zwei Stunden, von Jaemel aus, iſt der Weg zwiſchen zwei ſteilanſteigende Felſen eingedrängt; die Paſſage iſt ſo ſchmal und die Felſen, die ſich zu beiden Seiten unabſehbar erheben, ſind ein⸗ ander ſo gleich, daß man nie weiß, wo man iſt. Auch drängt ſich Einem ſtets der Gedanke auf, ein Erdbeben werde einmal die beiden Felſenmaſſen wieder aneinander rücken, wie eines ſie jedenfalls auseinander geriſſen hat. Wehe dem Reiſenden, der ſich dahinein wagt, ohne ſich vorher überzeugt zu haben, daß kein Gewitter ihn erreicht! In einem ſolchen ſchwillt der Fluß in wenigen Minuten an und er reißt dann Alles mit ſich fort. Selbſt im Sommer iſt er hier einige Fuß tief. Waſſerpflanzen bedecken ſeine Ufer. Das Tageslicht dringt kaum je in die Schlucht hinein und alle Gegenſtände haben ein trübgrünliches Ausſehen. Die Bäume auf den Felſen treiben ihre Wurzeln bis in den Fluß, um einige Feuchtigkeit zu erlangen. Sie hän⸗ gen wie Stricke oder Taue herunter, ſo gerade und biegſam ſind ſie. Tauſend Lianen, tauſend Kletter⸗ pflanzen ſchlingen ſich um ſie und bekleiden ſie mit Grün und Blüthen; oft aber verräth auch ein ſtarker Ambrageruch einen Kaiman, der in der Nähe auf Beute lauert, oder eine Schlange löſet langſam ihre Ringe, um ſich in den Pflanzen am Wege zu verſtecken. Obgleich nun der Kaiman Menſchen
groß als gefährlich ſind, begegnet man dieſen Ge⸗ ſchöpfen doch nie gern.
Auf dieſem Wege kam Leogane drei Tage nach ſeiner Abreiſe nach Jacmel zurück. Der Tag näherte ſich ſeinem Ende und der junge Mann trieb ſein bereits mit Schweiß bedecktes Pferd zur Eile an. Er gelangte nach Camp de coq, ein em Dörfchen vier Stunden von der Stadt, wo die Reiſenden gewöhnlich einkehren, um ihre Thiere einmal verſchnaufen zu laſſen, ehe ſie die letzte Station beginnen. Das Pferd Leogane'ss blieb unbeweglich vor dem reichlichen Futter ſtehen, das ihm vorgeſtellt wurde, ohne dasſelbe anzurühren. Endlich legte es ſich gar und fing an ſich im Graſe zu wälzen. Der junge Reiter erzürnte ſich, da aber das Pferd trotz allen Maßregeln ſtöckiſch blieb, ſo entſchloß ſich unſer Held zu Fuße weiter zu gehen, ohne ſelbſt auf ſeinen Führer zu warten, der noch zurück war.
„Er wird nicht weit kommen,“ ſagte laut der alte Neger, der dem Pferde das Futter gebracht hatte, aber Leogane hörte die Worte nicht, denn er war ſchon weit hinweg. Die Sonne war ja erſt im Untergehen begriffen und er glaubte Jaemel er⸗ reichen zu können, ehe der Abend vergehe, um der Tochter Elliot's das Reſultat ſeiner Reiſe noch mittheilen zu können.
Er brachte die Begnadigung Elliot's. Sou⸗ louque war im Anfange heftig geweſen, hatte zu⸗ erſt erklärt, mit den Herren Mulatten ſei kein Fertigwerden und er begreife nicht, daß ſie ſich nicht unterwürfen, da ſie doch beſiegt wären, ſondern vielmehr immer von Neuem Unruhen erregten; endlich indeß hatte er ſich bewegen laſſen, nachdem Leogane betheuert, es handele ſich gar nicht um ein Komplott, ſondern nur um eine perſönliche Angelegenheit zwiſchen Elliot und dem Herzoge von Jaemel, welcher letztere geneigt ſei zu verzeihen.
Der junge Mulatte marſchirte alſo ſcharf weiter und dachte an die Freude der Eva Elliot, wenn er ihr ankündigen werde, daß ihr Vater ge⸗ rettet ſei und ihr den Befehl zu ſeiner Freilaſſung vorlege. Wahrſcheinlich, meinte er, würde ſie in ihrer Ungeduld nicht bis zum andern Tage warten wollen, ſondern mit ihm ſogleich nach dem Gefäng⸗ niſſe gehen. Er bedauerte in dieſem Augenblicke weiter nichts, als daß er keine Flügel hatte, um an ſein Ziel zu fliegen. Es war nicht viel über 8 Uhr, als er, in Schweiß gebadet, die erſten
Häuſer der Stadt erreichte. Dann gelangte er an
das Thor des Amerikaners und lief in der Allee hin; aber in der Nähe des Hauſes mußte er ſtehen bleiben, denn ſein Herz ſchlug ſo ungeſtüm, daß ihm der Athem verging. Er ſetzte ſich auf den Stufen nieder, um wieder zu Athem zu kom⸗ men. Durch eines der Fenſter ſchimmerte Licht. Sehr bald ſtand er wieder auf, trat nähe
nicht anfällt und die Schlangen auf Hayti mehr erkannte Miß Elliot, die vor der L


