Ferd. Lauffer: Meiſter Einhand der Scharfrichter. 131
Ein ſeltſames, durch ſein Alter geheiligtes Herkommen war's, ein Geſetz, das zu umgehen ein unerhörtes Verbrechen geweſen wäre, daß je⸗ der Verbrecher im Hauſe des verrufenen Freiman⸗ nes unverletzlich wurde. Die weltliche Gerechtigkeit durfte ſich hier ſo wenig ihres Opfers bemächtigen, als an den Stufen des Altars, in der Nähe des Allerheiligſten. Indeß jeder Schritt über die Schwelle warf den Geächteten in einen Wald entgegenſtar⸗ render Partiſanen. Die Freiſtatt war auch ſein Gefängniß. Nur eine Bedingung gab es, un⸗ ter der er ungefährdet ſich wieder der Menſchheit zeigen durfte: wenn er im Gewande des Scharf⸗ richters ſich ſelbſt, als dieſer gebrandmarkten Gilde, deren bloße Berührung ehrlos machte, angehörig, den Blicken wies. 1
Die unverdienten, ſchrecklichen Schickſalsſchläge
hatten einen Bodenſatz menſchen⸗ und weltverachten⸗ der Bitterkeit in Peter abgeſetzt, doch bisher hatte
er duldend geſchwiegen— mit dem Wurf ſeiner
Art aber war der Geiſt grimmigen, herausfordern⸗ den Widerſtandes in ihn gekommen. Zum Trotze der Welt, die ihm ſo arg mitgeſpielt, wollte er nun leben! unnahbar ihrem, ſeine Vernichtung anſtrebenden Verlangen. Genugthuung ſollte es ihm ſein, den glühenden Rachedurſt im Auge ſeines Feindes, des ſonſt allmächtigen Stadtherrſchers, un⸗ geſtraft ſehen und ſeiner ſpotten zu dürfen.
Sein Entſchluß war gefaßt, wie der Riegel hinter ihm zugefallen; die ſchmale Bretterwand ſchied auch zwei Welten in ſeiner Seele.
Wie er nach wenigen Minuten(ſo viel ihrer
für einen Umtauſch des Gewandes nöthig), das
breite Richtbeil in der Fauſt, den blutrothen Man⸗ tel um die Schulter geſchlagen, den breitkrämpigen Filzhut über der gewitterdunklen Stirn bis in's Auge gedrückt, vor die Pforte trat— lief ein Schrei ſeltſamer Ueberraſchung durch die Verſammelten, die Speere fielen zu Boden, als hätte der Bann⸗ ſtrahl ſeines unheimlichen Blickes jede Muskel ge⸗ lähmt.
War das Peter, der weiland hochgeehrte, mit Glücksgütern geſegnete Bürger des Städtleins? ihr Mitbürger, vor dem in beſſerer Zeit Viele, die jettt vom Lärm der Verfolgung mitgeriſſen, im blinden Eifer nach einem vorgeblichen„Mörder“ haſchten, ehrerbietig den Hut gezogen, als Freunde ihm treuherzig die Hand gedrückt und ſeiner Gaſt⸗ freundſchaft genoſſen? Welche Verwandlung! wel⸗ cher abgrundtiefe Fall! Der Geiſt konnte mit dem, was die Sinne ihm zur Erkenntniß brachten, ſich nicht zurecht finden, er mühte ſich unwillkürlich, mit dem Auge der Vergangenheit das der Gegenwart Lügen zu ſtrafen.
Peter ſprach kein Wort, er ſchaute blos um ſich. Hart vor ihm ſtand Korbmann, Rottenmei⸗ ſter der Schaarwache, den er als Beiſitzer des Ra⸗ thes zu dieſem Poſten durch ſeinen perſöͤnlichen und
ſeiner Mittel Einfluß erhoben. Ein bitteres Lächeln
lichtete wie ein Blitz die Finſterniß im Antlitz des Freimannes— nur einen Augenblick: dann war ſeine Miene wieder in nächtigem Ernſte— ſtarr, wie ein Grabſtein.
„Das bin ich durch Euch geworden ¹“ ſprach ſein Blick— nicht ſeine Zunge,„blinde Werkzeuge zweier Verruchten, die mein Verhängniß ſind. Freut Euch dieſes Anblickes— wenn Ihr könnt!“ —— Die Menge zerſtreute ſich mit beklomme⸗ nem Schweigen.
II.
Peter war Scharfrichterknecht. Des andern Tages wollte er der ganzen Stadt ſeine Verach⸗ tung zeigen, er pflanzte ſich wie eine Schildwache am großen Steinkaſten des Ringes auf. Hier, Aller Blicken ſich bloßſtellend, forderte er die Aeußerungen des Haſſes und Spottes heraus; der ungebeugte Trotz in Miene und Haltung ſollte Jedermann lehren, daß ſein Schickſal weit über jedem Mitleid ſtehe und eben ſo jede Schadenfreude unzeitig erſcheinen laſſe. Indeß— kein Mann hatte ſo wenig Gefühl für Ehre und Schicklichkeit, das Auge an der bewei⸗ nenswerthen Verwandlung eines Mitbürgers zu weiden; ſie wichen ihm aus oder gingen abgekehr⸗ ten Antlitzes vorüber. Nur mehrere neugierige
Weiber ſteckten am Eingang einer Gaſſe mit einem be⸗
deutſamen Flüſtern die Köpfe zuſammen und einige
Schuljungen gafften in der Nähe ihn an.
Schon ſchickte Peter, nach einer Stunde fruchtloſen Harrens auf eine Schmähung, ſich an, ſeinen Poſten zu verlaſſen, da fühlte er plötzlich von hinten her ſeine Backe von einem ſcharfen Strahl Speichel getroffen, er wendet ſich— und Herr Stadtſchreiber Zirbel, ſeinen Arm in zierlich ge⸗ ſchlungener Binde, ſteht drei wohlgemeſſene Schritte Diſtanz vor ihm.
Sein widrigſtes Hohnlächeln auf der Lippe, ſprach der Ankömmling die räthſelhaften, doch im nächſten Augenblick dem Freimann furchtbar deut⸗ lich werdenden Worte:„Guten Tag, Geſelle Häm⸗ merling! Glück zum Handwerk. Friſcher, brühwar⸗ mer Fall— kommt wie beſtellt, daß Du Dein Meiſterſtück machſt! Nun,— wollen ſehen! Bei ehrlichen Leuten ſcheint Deine Fauſt kein Glück zu haben.—
Peter, bei der unerwarteten Erſcheinung eines Menſchen, den er auf der Brücke zum Jenſeits glaubte, ganz außer ſich, ſtreckte bei dieſer kecken Hohnrede in krampfhaft⸗unwillkürlicher Bewegung ſeinen Arm aus und— griff in's Leere! Der Nichtswürdige, leichtfertig lachend und ſo ſeine Zähne weiſend, hatte ſich mit der Wendung eines Aals in die Menſchengruppe geworfen, die eben unter verworrenem Lärmen aus einer Gaſſe ſich auf den Platz bewegte.
Ein Menſch, der aus einem faſt ſiedenden Dampfbade ſteigend, mit⸗ Eiswaſſer begoſſen wird,
8 172
15.
.


