130 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ein langwieriger Rechtsſtreit mit dem Stadt⸗ despoten, den dieſer durch Beſtechung des Landvog⸗ tes und Oberrichters gewann, ihn vollkommen rui⸗ nirt. Grundeigenthum und Haus wurden als ver⸗ fallenes Lehen eingezogen. Peter war bettelarm, ſchämte ſich aber, die flache Hand nach einem Gna⸗ denpfennig zu ſtrecken, ſo lange er noch das Werk⸗ zeug einer ehrlichen Arbeit führen konnte. Er frohnte als Knecht um Tagelohn und blieb— ſein Thun und Gewiſſen vor jedem Makel bewah⸗ rend, ein wahrer„Ehrenſorg“. 1
Die Schale des Zornes oder der Prüfungen ſchwebte über dem Haupte des Gezeichneten; ſie ſollte ſich bald noch reicher und furchtbarer über ihn er⸗ gießen. Stadtſchreiber Juſtus Zirbel, des Ober⸗
mer, hatte durch ausgeſuchte, verruchte Buhlerkünſte die ſchöne Anne Marie, Peters Verlobte, nach⸗ dem dieſer arm geworden, von ihm und der Tu⸗ gend abgezogen. Als die Geſchändete zuletzt ernſtlich darauf drang, daß der Verführer ſie als Weib, nach
ſeinem Schwur, wieder zu Ehren bringe, wurde ſie mit
älteſten Sohn, ein junger Wüſtling und Kened
Fußtritten, begleitet von herzzerſchneidender Hohn⸗
rede, über ſeine Schwelle geſtoßen. Sie wanderte hinaus in Nacht und Verzweiflung— drei Tage ſchon hatte kein Auge ſie im Weichbild des Städt⸗
ei eſehen. Das ſchließende N leins geſehen. Das war der ſchließende Nagel zum,
Sarge, worin Peter Muth und Lebensfreudigkeit auf ewig begrub.
So trug er die Bürde ſeiner Tage, ſtumm und finſter, im Schweiße ſeines Angeſichts; kannte keine andere Sehnſucht als die: nach dem e
Da er eines Tages auf öffentlichem Ort, zu⸗ nächſt der Heerſtraße, die Holzaxt handhahte, tän⸗
zelte leichtfertig ſein jüngerer Todfeind auf ihn zu.
Schief ſaß ihm das kecke, von Federn überwallte Barett auf dem Scheitel, von welchem lange, et⸗ was verwirrte ſchwarze Locken zur Schulter fielen. Ein zur Krauſe gefalteter Brüſſelerkant umrahmte den ſchlanken beweglichen Hals, ein flottes hell⸗ grünes, mit Troddeln geziertes Stutzerröcklein deckte ſeinen Leib kaum bis zur Hüfte, von der ein lan⸗ ger ſchmaler Stoßdegen an reichem Gürtel hing. Sein Geſicht wäre ſchön zu nennen geweſen, wenn ein Zug argen Hohnes, um das die Lippe deckende Schnauzbärtlein ſpielend, und die untrüglichen Spu⸗ ren eines ausſchweifenden Lebens, Denkzeichen wü⸗ ſter Leidenſchaften, ihm nicht einen widerwärtigen Ausdruck gegeben hätten.
Bereits einen Schritt vorbei, drehte er ſich plötz⸗
lich auf einem Fuß zierlich zu dem Arbeitenden, zog
ihm das niedergehaltene Antlitz am Kinn mit unzar⸗ tem Ruck empor und ſtarrte ihn frech lachend an.
„Nun, Meiſter Peter, wie ſchlägt Euch das knurrige Täublein an in Eurer Klauſur? Wann geht's zur offenen Hochzeit mit der ſchönen Anne? Fert mich doch zum Brautführer und— Ge⸗
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Peters Fauſt ballte ſich krampfhaft am Stiel ſeiner Axt, ſein Auge begann zu funkeln, während die buſchigen Brauen ſich ſträubend in tieferer Richtung darüber zogen, die Zähne beider Kiefer wuchſen knarrend zuſammen, ſein Mund aber hatte keinen Laut, ſein Körper glich an Regloſigkeit einer Säule.
„He!“ fuhr der Fant, ihm empfindlich den Bart zupfend, mit unverwüſtlicher Frechheit fort, „ſeid Ihr ein Oelgötz worden, oder taub, wie Loth's Weib? Ich, frage, wann die Geige Euch mit der Anne Marie zum Brautjuchhei aufſpielen wird? Wäret Ihr nicht wie ein Klotz gegen den, der ſich dun i tter antrug, wer weiß, ob Ihr als Braut⸗ gabe Micht eine nußbaumene Wiege in die Wirth⸗ ſcheſte. Dieſe Hohnrede erſtarb unter dem Dröhnen einen niederfallenden Holzaxt, der Freche taumelte mit eem durchdringenden Schrei in ſein Blut.
7„Mörder!“ zeterte es aus zwanzig Kehlen, hekzilllende Luſtwandler mit Dolchen, Stoßdegen uhd Stöcken in drohender Haltung umgaben den Armen, der, auf's Aeußerſte getrieben, vom Zorn des Augenblickes überwältigt, den verhängnißvollen
Streich gethan. Er ſchien verloren, und bereits llegte ſich die breite ſchwielige Hand des Schmie⸗ des wie eine Klammer an die Achſel des Unbeweg⸗
lichen, da mit einemmal zuckte ſtürmiſches, über⸗ wältigefdes Leben ihm durch jeden Nerv, er ſchleu⸗ derte, ſich aufbäumend, die gewaltige Maſſe ſeines Gegners auf die Herzudrängenden, daß unter ſeiner Wucht drei ſtarke Männer wie gefällte Baumſtämme
niederpolterten. Ein Tigerſprung hob ihn über de⸗
ren Nacken hinweg und in einem Augenblick hatte er freie Bahn gewonnen, die er mit der Behendig⸗ keit eines Rehes nun zu durchmeſſen begann. Die wüthende Meute, laut ſchreiend und Steine nach ihm ſchleudernd, in athemloſer Hatz hinter ihm drein.
Bald war Peter, ſeinen Vorſprung benutzend, eine weite Strecke außerhalb der Stadtmauer ge⸗ kommen, ſeine Bruſt athmete freier, er ſah die Freiſtatt der Verbrecher, das Häuslein des Scharfrichters, vor ſich. Noch fünfzig Schritte und ſein verfallenes Haupt iſt geborgen! Da ſtrau⸗ chelt ſein Fuß über einen Stein— er ſtürzt. Ju⸗ bel und ſchadenfrohes Gelächter begleiten die ver⸗ hängnißvolle Niederlage. Die Vorhut der Verſol⸗ genden hat ihn erreicht, eine Fauſt langt nach ihm, er iſt— war's möglich? iſt es Wirklichkeit? Him⸗ mel! oder nur Täuſchung der Sinne— er iſt entſchlüpft!— Ein freier Abſtand von kaum Fin⸗ gerlänge hat den Aufgeſprungenen dem feſſelnden Griff entzogen, in der nächſten Minute fällt die ſchirmende Pforte bereits hinter dem Geretteten ins Schloß.
Laut lärmend, vor Verdruß über die fehlge⸗ ſchlagene Hoffnung, bricht ſich an der verhängniß⸗ vollen Schwelle das Volk, gleich einer Woge von unſichtbarem Luftdruck zurückgetrieben.


