Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
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mag eine ähnliche Wirkung des plötzlichen Wech⸗ ſels der Einflüſſe empfinden, wie Peter beim An⸗ blick der Szene, die in gedankenſchneller Unmittel⸗ barkeit der eben ſtattgefundenen folgte. Sein noch eben in Zornesgluth alle Adern ſchwellendes Blut preßte ein vernichtender Schlag in's Herz zurück, das in übermächtiger Lebensregung flammende Antlitz wurde leichenfahl: vor ihm, mit gelöſten goldenen Haarwellen, welche die gefeſſelte Hand über's Antlitz zu ſtreichen, es zu verhüllen ſich mühte, im Kreiſe finſterer Häſcher, deren Einer eine mit blutigem Linnen umwickelte Bürde trug, ſtand Anna— die Kindesmörderin!...
Die Unſelige, von ihrer Mutter verflucht, vom Geliebten verſtoßen, von der erbarmungsloſen Scha⸗ denfreude ihrer Freundinnen, die ehedem ſie als Erkorene des vornehmen Juſtus beneidet, tief ver⸗ letzt, hatte,— nachdem ſie in Strohkranz und Sün⸗ derhemd auf dem Pranger geſtanden, ſich gebroche⸗ nen Herzens in den Wald geflüchtet und dort in
einem Anfall der Verzweiflung ihr neugebornes
Knäblein ermordet. tiefſten Stelle des Elend mit ihrem
Im Augenblick, wo ſie bei der Waldſtromes ſich anſchickte, ihr Bewußtſein zu vernichten, war
ſie vom Förſter ergriffen und der ſtreifenden Schaar⸗
wache überliefert worden.—
Drei Tage darauf ſprachen die ſchwarzen Rich⸗ ter, unterm Vorſitze des ſtrengen Herrn Habakuk Zirbel ihr„Schuldig!“ aus, brachen das Stäb⸗ lein der Gnade über ſie und überantworteten ſie für den kommenden Morgen dem Nachrichter.
III.
Die goldenen Wellen ſind unter dem Scher⸗ meſſer von der ſchönen Sünderin Haupt gefallen — es liegt auf dem Block. Grabähnliches, drücken⸗ des Schweigen laſtet über dem Volk, das ſich um das verhängnißvolle, ſchwarzbehangene Gerüſt ver⸗ ſammelt hat. Das Antlitz tief in die Falten ſeines Blutmantels gehüllt, ſtützt ſich der Freimannsge⸗ hilfe Peter Ehrenſorg, des Zeichens zum Mei⸗ ſterſtücke harrend, auf ſein furchtbares Richtbeil. Der Prieſter betet ſtill.
Hart unter dem Galgen gähnt, von gebleich⸗ ten Schädeln Hingerichteter umlagert, eine dunkle Höhle— ein Grab, auf deſſen Hügel die Liebe keine Immortellen, der Glaube kein Kreuzlein pflanzen wird.
Nun dringen die weinenden Töne des„Ar⸗ menſünderglöckleins“ durch die nebeltrübe Luft und eine tonloſe Menſchenſtimme ſpricht, ſie begleitend: „Bei Gott iſt Gnade!“
Noch bebt auf der Menſchenlippe ein Hauch der Worte, noch wimmern die Töne des Glöckleins fort, da— mit der Schnelle des Gedankens zuckt ein blendender Blitz durch die Luft, ein erſtickter Weheruf darauf und der ſchönſte Rumpf, den je der Arm eines Liebetrunkenen umſchlungen, liegt haupt⸗ los, blutig da.
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er Meiſter Freimann aber ruht wieder unbeweglich, das Antlitz in die Falten ſeines Blut⸗ mantels gehüllt, auf ſeinem Beil; von der Lippe des Prieſters bebt ein„de profundis.“
Auf die Verſammelten aber ſank eine Ahnung des ungeheuern Schickſals, das in unerbittlicher Strenge waltend, nun ſeine Kreiſe vollendet, wie Schauer der Ewigkeit. Da war kein buntes, lärmendes Aus⸗ einanderſtäuben, wie es nach ſolchen Vorgängen gewöhnlich der Fall; ein ſeltſames Vorgefühl, als wäre das Schauſpiel noch nicht beendet, als ſtünde ein bedeutſamer Akt noch bevor, lähmte jeden Fuß, und Aller Augen waren ſtarr nach dem Vollſtre⸗ cker gerichtet.
Der Prieſter hatte ſein„Amen!“ geſprochen. Da ſinkt die Mantelhülle von den Schultern des Freimanns, und ein Antlitz ohne Farbe des Le⸗ bens, ohne Mienenſpiel und Regung, doch voll Spuren überkommener Stürme, gleichend der tod⸗ ten Steppe, die vom verheerenden Erdbeben in ihre Tiefe geſpalten, in ſolcher Zerklüftung erſtarrt iſt,
zeigt ſich dem Blick. Der todtenbleiche Mann hält
nun in ſeiner Linken das Richtbeil, die Rechte taucht er in das quellende Blut des Opfers zu ſeinen Füßen. Jetzt legt er die triefende Rechte ſtumm auf den Block und mit markerkältender Ruhe und Si⸗ cherheit, ohne durch einen Laut oder das leiſeſte Zucken, Schmerzgefühl zu verrathen, trennt er mit einem Schlag ſie vom Arm. Drauf, ſein aufflam⸗ mendes Auge zum Himmel richtend und mit der Linken die abgehauene, noch zuckende Rechte empor⸗ haltend, ruft er mit einer Stimme,— ſeltſam und feierlich, wie ſie nie von der Lippe eines Leben⸗ den gekommen, die Worte:„Dieß Werkzeug irdiſcher Gerechtigkeit weihe ich Dir, ewige Gerechtigkeit droben!“—
Es entſtand eine furchtbare Pauſe.
Das Auge des Nachrichters, glanzlos wieder, wie das eines Graberſtandenen, wendet ſich nun dem Volke zu. Einen Augenblick überfliegt es ſu⸗ chend die Gruppen, dann haftet es auf einem be⸗ fiederten Barett, mitten im Gedränge, die lebende Hand hebt ſich— und bei den Worten ihres Eig⸗ ners:„Dieß Blut über Dich!“ läßt ſie die todte Rechte nach jener Richtung fallen.
Ein entſetzlicher, herzzerreißender Schrei— die Woge ſtäubt auseinander. Herr Stadtſchreiber Zirbel, von dem blutigen Menſchenglied am Schei⸗ tel getroffen, iſt wie unter der Wucht einer Mör⸗ ſerkugel niedergeſtürzt und windet ſich, mit zerſchmet⸗ tertem Hirnſchädel, unter gräßlichen Zuckungen im Todeskampf. Im nächſten Augenblick liegt er hin⸗ abgewälzt im Grab unter dem Galgen und die nachrollenden Steine und Erdſchollen decken ſeinen Leichnam zu. Gott hat gerichtet.
Keine Menſchenhand wagte es, den Rath⸗ ſchlüſſen der ewigen Gexechtigkeit zuwider, ihn noch einmal an's Tageslicht zu ziehen: er blieb in der blutgetränkten fluchbeladenen Erde.


