Heft 
(1859) 3 03
Seite
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94 Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Die einſt gefeierte Sängerin Kathinka Heine⸗ fetter iſt nach kurzem Krankenlager in Freiburg ge⸗ ſtorben.

Kurioſa.

Ein Eſſen, das ein gewiſſer engliſcher Lord vor neun Jahren in den Bädern von Lucca gab, beſchreiben dieNotes and Queries folgendermaßen: Fleiſch, Fiſch und Gemüſe waren zum wenigſten zwei Jahre alt, da ſie in einer jetzt freilich ganz ungewöhnlichen Weiſe ein⸗ gemacht worden; die Karaffen enthielten Waſſer, das urſprünglich ſalzig geweſen, aber durch einen eben da⸗ mals entdeckten chemiſchen Prozeß ſüß gemacht war; der Wein war vermittelſt einer Taucherglocke von dem Grunde der Themſe heraufgeholt, wo er über ein Jahr⸗ hundert in einem verſunkenen Schiffe gelegen hatte, und das Brod war aus Weizen gebacken, den der Lord ſelbſt in einer der Pyramiden gefunden und in England geſäet hatte.

Von Kowno in Rußland wird die erſtaunliche Kunde berichtet, daß die Bauern in dieſem Gouverne⸗ ment das vor drei Monaten in den Kirchen gemachte Gelöbniß, keinen Branntwein zu genießen, treulich hal⸗ ten, trotz aller Lockungen der Wirthe, ſie zum Beſuche der Schänken zu bewegen und trotz der äußerſt ermä⸗ ßigten Preiſe. Die Gutsbeſitzer haben das Brennen eingeſtellt.

Am 18. Dezember v. J. ſtellte der Prof. Dr. Vir⸗ chow in Berlin einem Komité von Aerzten und Medi⸗ zinſtudirenden in der Charité einen achtzehnjährigen jungen Mann, Namens Gottfried Dietze, aus Weiden⸗ heim bei Torgau gebürtig, vor, der ohne Arme zur Welt gekommen iſt. Er verrichtet mittels der Füße die mannigfachſten Dinge mit der größten Gewandtheit. Er verfertigt künſtliche Schnitzarbeiten, näht, flicht Körbe, ſpielt die Ziehharmonika und ſchreibt ſehr gut.

In Lierre(in Frankreich) ließ am 26. Dezember v. J. ein Ehepaar ſein ſechsundzwanzigſtes Kind tau⸗ fen, 23 Kinder ſind am Leben.

Verſchiedenes.

Auch bei dem vorjährigen Weihnachtsfeſte prangte auf der königlichen Tafel zu Windſor nach herkömmli⸗ cher Sitte der unter dem Namen Royal baron of beef bekannte rieſige Rinderbraten. Er wog dießmal drei Zentner. Der Braten bleibt bis zum Neujahrstage auf einem Seitentiſche im Speiſeſaale des Schloſſes ausgeſtellt. Seine Umgebung bilden der Kopf eines wilden Schweines und eine Auerhahnpaſtete, gleichfalls Gerichte, die um dieſe Jahreszeit im engliſchen Königs⸗ ſchloſſe herkömmlich ſind.

Anderſen, der berühmte Breslauer Schachſpie⸗ ler, der ſich nun auch mit Murphy, dem Amerikaner, in Paris gemeſſen, iſt unterlegen, wie alle Anderen. Murphy hat fünf Partien gewonnen, zwei verloren und eine iſt unentſchieden geblieben.

Intereſſante Gerichtsfälle aus alter und neuer Zeit.

Anklagebeſchluß gegen Rozſa Saäͤndor. Das k. k. Landesgericht in Ofen hat gegen den im vo⸗ rigen Jahre von Szegedin nach Peſt eingelieferten be⸗ rüchtigten Rozſa Sändor nach vorhergegangener Vor⸗ unterſuchung einen Anklagebeſchluß wegen: 1. des Ver⸗ brechens des vollbrachten Mordes(begangen an fünf Perſonen), dann 2. des verſuchten Mordes an zwei Perſonen, ferner 3. des Raubes, 4. der ſchweren kör⸗ perlichen Beſchädigung, begangen durch Mißhandlungen

mehrerer Tanyenbewohner, endlich 5. wegen des Ver⸗ brechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit, begangen durch mehrſeitige Widerſetzlichkeiten und gefährliche Dro⸗ hungen, gefaßt. Nachdem von Seite des Beſchuldigten gegen den Anklagebeſchluß keine Berufung angemeldet wurde, ſo dürfte die Schlußverhandlung, auf Grund der koloſſal angewachſenen Unterſuchungsakten noch im Jänner bei demſelben k. k. Landesgerichte ſtattfinden.

Ein amüſanter Prozeß ward dieſer Tage in Liverpool verhandelt. Zwei junge Damen wandeln auf dem Bürgerſteig und füllen ſeine ganze Breite mit ihrer Krinoline. Ein junger Mann begegnet ihnen, ruft: ich muß das Zeug zerſchneiden! zieht ein Einſchlag⸗ meſſer und beginnt den Angriff. Er ſchneidet und ſäbelt und fetzt und wird inne, daß Krinoline etwas anderes bedentet als Pferdehaarzeug. Der Zudrang zu dem Pro⸗ zeſſe war ungeheuer. Der Richter, um die Sache recht zu genießen, verfügt ſich aus ſeinem kleinen Termin⸗ zimmer in die große Halle, die 3⸗ bis 4000 Perſonen faßt. Alles iſt zur Stelle, was Liverpool an Schön⸗ heit und an Krinolinen beſitzt. Auf dem Gerichtstiſch ſteht das corpus delicti, dem Gerippe eines Kirgiſenzeltes vergleichbar, mit ſeinen Stahlreifen, deren einige noch die Spuren der frevelhaften Waffe tragen. Die beiden Damen ſchwören, daß der Verklagte der Thäter ſei; aber andere Zeugen ſchwören, daß er zu der angegebe⸗ nen Zeit ganz wo anders geweſen. Die Jury hat zu entſcheiden, wem ſie glauben will. Sie bleibt lange aus, kann ſich offenbar nicht vereinigen, ſchickt endlich nach Ueberröcken und Fußſäcken, denn man gibt ihr kein Feuer in dem Berathungszimmer. Todesſtille der Er⸗ wartung, in der man 3000 Herzen klopfen hört. End⸗ lich erſcheinen die Geſchwornen; Verdikt: Nicht ſchuldig. Kannibaliſches Jubelgeſchrei erhebt ſich aus dem männ⸗ lichen Parterre und die Schönen machen ſich ſo klein wie möglich!

Hinrichtung des Hofſchloſſers Stieff in Berlin. Der neuliche Silberdiebſtahl im königlichen Schloſſe zu Berlin brachte einen ähnlichen Fall, der im Jahre 1718 vorkam, in Erinnerung. Es erlitten damals der Kaſtellan Runck und der Hofſchloſſer Stieff den Tod durch Henkershand. Der Bericht des Predigers Andreas Schein über die letzten Stunden des Letztgenannten lautet im Auszuge:Da nun im Gefängniſſe Nichts mehr für ihn zu thun, ſchwebete unſerem Schlöſſer noch die emphatiſche Rede des Heilandes am erſten Pfingſt⸗ tage aus dem Johannes 14 im Gemüht, die ihm Herr Prediger Pape in meinem Beyſeyn tröſtlich erklähret hatte, dahero er ſich zu uns Predigern und ſeinem be⸗ trübten Weybe munter umbkehrete, den Hut ergriff, ſa⸗ gend: Auf! laſſet uns von hinnen gehn! Ehe wir aber von dannen gingen, beugeten wir unſre Knye zuſam⸗ men und bedankten uns vor Gott für die bisher ge⸗ habte Herberge, die dem Fleiſche zwar über alle maſſen unangenehm, aber dem Geiſte ſoviel geſegneter geweſen. Sobald dieſes aus war, gings mit ihm Schritt vor Schritt immer näher und freudiger zur Ewigkeit. Vor der Haußvoygtei⸗Thür wartete unſer, die wir vorantra⸗ ten und unſern armen Sünder auch zuerſt ſollten exe⸗ cutiren laſſen, ein Bataillion Fuß⸗Volks, das ſich they⸗ lete, 200 Mann gingen vor uns her, und ſo viel ſofort nach uns, zwiſchen denen und darauf ſchließenden 200 Mann ward allererſt der Caſtellan herausgebracht, den man auf einen Leiterwagen, beſpannt mit zweyen Pfer⸗ den, rückwärts ſetzete, ihn ganz nackend entkleydete bis an die Hüfften, und mit den Händen an beiden Seiten feſtband. Vor ihm war ein großer eiſerner Napf voll Alühenden Kohlen, davor ein Knabe ſaß und mit einem

laſebalg die Glut unterhielt. Da wir mit unſerem Schlöſſer fürüber gingen und ſolche fürchterliche prae- paratoria erblickten, daß uns auch die Feuerflammen entgegenweheten, gabs Betrachtung vom hölliſchen Feuer zu reden, wie daſſelbe anders ſeine Flammen ſpeien und