90 Erinnerungen. Illuſtrirte
Blätter für Ernſt und Humor.
Prager Sprechſtübchen.
Der Faſching iſt da, denn er hat ſeine Viſitkarten von rieſigem Formate bereits an alle Straßenecken ge⸗ klebt. Man könnte ihn den„Jüngling aus der Fremde“ nennen, der„mit jedem jungen Jahr, ſobald die erſten Geigen ſchwirren“, erſcheint und ſich beſonders„den liebenden Paaren“ hold erweiſt. Daß„ſchnell ſeine Spur verloren iſt“, ſobald er am Aſchermittwoch„wie⸗ der Abſchied nimmt“, wollen wir nicht unhöflicher Weiſe ihm gleich bei ſeinem Eintritte vorhalten, ſondern ihn ſchon deßhalb freundlich willkommen heißen, weil er männiglich zu Luſt und Fröhlichkeit auffordert.
Luſt und Fröhlichkeit!—„Hu, Toms friert.“— Ob denn die älteren Leute recht haben, welche behaup⸗ ten, daß die Lebensheiterkeit ſeit Jahrzehnten um viele Thermometergrade geſunken ſei? Wir zweifeln wenig⸗ ſtens, daß das jüngere Geſchlecht ſo viel von drolligen Abenteuern und tollen Streichen fröhlicher Geſelligkeit dereinſt wird zu erzählen haben, wie derzeit ſeine Väter und älteren Brüder. Da gab es vor nicht gar langen Jahren einen gewählten Kreis von muntern jungen Leuten in Prag, die ſich Chineſen nannten, ob von we⸗ gen der Zöpfe, die zu Zeiten die Häupter der Dürſten⸗ den beſchwerten, oder aber weil die Chineſen Leute ſind, ſo das Pulver erfunden, das bleibe dahingeſtellt. Kurz, die Prager Chineſen hatten ihre Ordnungen, Satzun⸗ gen, Titel und Zöpfe ſo gut wie jene im Reiche der Mitte. Nun fiel es ihnen in guter Stunde einſt bei, Herrn Herloßſohn in Leipzig zum Ehrenchineſen zu er⸗ kieſen und ihm das Ehrenbürgerrecht auf einer gar zierlich mit Drachen⸗ und Zopfarabesken ornirten Ur⸗ kunde zu ertheilen. Herloßſohn entbietet hierauf in einem Dankſagungsſchreiben den löblichen Mandarinen ſeinen Gruß und überſendet als Gegengeſchenk laut Angabe eine echt chineſiſche Mütze mit dem Bedeuten, dieſelbe möge ihm zur Ehre im Kreiſe ſeiner Herren mongoliſchen Mitbürger von einem Haupte zum andern wandeln. Die Kappe wird mit Freuden begrüßt, als käme ſie von Konfutſe ſelber und mit Feierlichkeit dem Vorſitzenden auf's Haupt geſetzt. Doch während die Ver⸗ ſammlung ihre Aufmerkſamkeit auf dieſe weihevolle Zierde, dieß neue Symbol gemüthlicher Geſelligkeit richtet, ſchüttelt Einer der Anweſenden, der in den Trachten der Völker wohl bewandert war, bedenklich den Kopf, da er ſieht, daß die Mütze ganz unchineſiſch in zwei Zipfeln ſich gipfelt, die zu beiden Seiten lang herunterfallen. Die Mütze war— eine gewöhnliche Narrenkappe.
Von China bis Indien iſt kein weiter Weg. Wir Prager hatten vor Kurzem noch Gelegenheit, eine Reiſe durch die intereſſanteſten Partieen Indiens zu unter⸗ nehmen, wobei nichts weiter, als allenfalls ein guter Pelz von nöthen war. Unſer Landsmann, der bekannte Landſchaftsmaler Herr Kautſky, hatte im Circus auf dem Karlsplatze ein in neuer eigenthümlicher Weiſe konſtruirtes Pleorama ausgeſtellt, das in manchfacher
aus drei beweglichen Fronten, dem Vorder⸗, Mittel⸗ und Hintergrunde, die ſich mit verſchiedener Geſchwin⸗ digkeit in der Weiſe vor unſern Augen abrollen, daß wir wie von einem Schiffe aus die Landſchaft an uns vorübergleiten ſehen. Der kräftig angelegte, mit reicher Staffage verſehene Vordergrund bewegt ſich in einem beſtimmten Verhältniſſe raſcher als der Mittelgrund, hinter welchem der duftige Mittelgrund langſam ſich abkollt. Je größer gewiß die Schwierigkeiten waren, die Berechnung derart zu treffen, daß ſich bei dieſen verſchiedenen Bewegungsverhältniſſen die einzelnen Theile zu einander harmoniſch verhielten, um ſo mehr Aner⸗ kennung verdient der Künſtler, dem es gelang, dieſen Schwierigkeiten zum Trotz ein auch vom Standpunkte der Kunſt beachtenswerthes Werk zu ſchaffen. Den Ge⸗ genſtand der Darſtellung bilden entweder hiſtoriſch⸗be⸗ rübmte oder durch die charakteriſtiſche Eigenthümlichkeit ihres Pflanzen⸗ und Thierlebens merkwürdige Partieen im Stromgebiete des Ganges von Kalkutta angefangen bis hinauf zu den Ruinen des alten Monea. Nicht minder intereſſant als der architektoniſche Theil der Landſchaften, welcher die Bauwerke Indiens aus alter und neuerer Zeit zur Anſchauung bringt, ſind jene Szenen, welche ebenſo mit wiſſenſchaftlicher Genauigkeit als mit künſtleriſchem Effekt die großartige Natur die⸗ ſes Landſtriches darſtellen. Die üppige Vegetation tritt in charakteriſtiſchen Gruppen vor's Auge ſowohl in den Kokos⸗ und Arekapalmen, den Bananenbäumen, von denen jeder einzelne für ſich einen mächtigen Wald bil⸗ det, den Bambusgebüſchen wie in den langarmigen Schlingpflanzen und den ſaftigen, großdoldigen Pflan⸗ zen, die den Erdboden der Schlammniederungen über⸗ ziehen. Von trefflicher Wirkung iſt namentlich das Bild einer Dſchungel, eines waldigen Werders am Hugli, der Heimat der Tiger, Elephanten und Schlangen.
Will man dieſe letzteren Gäſte nicht blos in effigie, ſondern in natura ſehen, ſo genügt ein Gang auf den Heuwagsplatz, wo ſie in der Menagerie des Herrn Renz nebſt andern mehr oder minder wilden Geſellen aller Zonen einem ſchauluſtigen Publikum ſich präſentiren. Einen eigenthümlichen Eindruck macht auf Viele der Eskimohund, wenn er mit ſeinem verſtändigen und ſo wehmüthigen Blicke durch die Stäbe ſeines Käfigs ſchaut oder in kläglichen Tönen entweder ſeine Lang⸗ weile oder ſein Heimweh äußert. Denkt er der unge⸗ heueren Schneeflächen, die das Nordlicht überſtrahlt, oder denkt er— der faulen Fiſche ſeiner Jugendzeit?
Gibt's keine„faule Fiſche“ in Prag, um ihn zu tröſten?—
Muſik in Prag.
Alljährlich bietet in Prag die mit der rauhern Jah⸗ reszeit beginnende Zeitperiode, die ſogenannte Konzert⸗ ſaiſon, die erfreulichſten Beweiſe, wie ſehr die Muſik
.. 6 4 6„ hier in weitern Kreiſen der Geſellſchaft überhaupt ge⸗ Beziehung eine größere Theilnahme verdient hätte, als pflegt, wie thätig darnach geſtrebt wird, den Sinn t
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ihm zu Theil wurde. Dieſes Wandelgemälde beſteht] gediegene Erſcheinungen auf dieſem Gebiete dadurch rege
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