80 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Nun muß man es auf die Erſchütterungen aufmerkſam machen, die der Laut am Kopfe, an den Schultern, an der Bruſt hervorbringt. Dieſes ge⸗ ſchieht, indem man die Hand des Kindes auf die eigene Bruſt legt, und das a deutlich ausſpricht. Man deutet ihm nun, es möge ſich auch bemühen, die Erſchütterungen hervorzubringen. Vielleicht ge— lingt dieſer Verſuch, wenn nicht, ſo bedient man ſich auch dieſes Mittels: Man ſpricht mehrmals hinter⸗ einander ganz ſtark pa pa.... Das Kind verſucht dieß nachzuahmen und dabei kommt oft der erſte Laut heraus. Nun fordert man es auf, ſich ſelbſt die Hand auf die Bruſt zu legen, um die Erſchüt⸗ terungen zu fühlen und bald weiß es, was der Lehrer will. Kommt man aber auf dieſe Weiſe immer noch nicht zum Ziele, dann muß man Ge⸗ duld haben und wiederholt dieſe Verſuche anſtellen. Stete Aufmerkſamkeit auf das Kind gibt vieleeicht
zufällig ein Mittel an die Hand; ſo ſtößt es z. B. nicht ſelten bei irgend einer Gelegenheit einen Schrei aus, wenn der Lehrer es gleich ermuntert, noch ein mal und mehreremal dasſelbe zu thun, ſo wird oft auf dieſe Weiſe der Laut feſtgehalten und über die Schwierigkeiten geſiegt. So kann man mit andau⸗ erndem Fleiße jedes Kind, welches geſunde Sprach organe hat, zum gewünſchten Ziele führen. Ge⸗ wöhnlich lernen ſelbſt minder befähigte Kinder die Selbſtlaute im Verlaufe von einigen Tagen. Die Konſonanten ſind meiſtentheils leichter; nur wenige wie die Kehllaute und das r machen mehr Mühe. Erſtere, weil das Kind die Stellung der Sprachor⸗ gane in dieſem Falle nicht ſehen kann, letzterer, weil er eine ungewohnte Kraftäußerung der Zungen⸗ muskeln beanſprucht.
Der Taubſtummenlehrer muß ganz genau die Thätigkeiten der Organe bei jedem Laute kennen, dieſelben bei der Ausſprache ſelbſt markiren und das Kind darauf aufmerkſam machen. Im Uebrigen ver⸗ fährt man wie bei den hörenden Kindern. Die ein⸗ fachen Laute werden alſobald zu Silben und wo möglich auch zu kleinen Wörtern zuſammengeſetzt, die im praktiſchen Leben ſogleich ihre Anwendung finden können, um die Liebe zu dieſem Unterrichte zu vergrößern.
Die Namen der Buchſtaben erfährt der Taub⸗ ſtumme erſt viel ſpäter; er buchſtabirt nicht, ſon⸗ dern lautirt. Man bedient ſich genau der Me⸗ thode, welche in allen guten Schulen eingeführt iſt. Mit dem Leſenlernen geht die Unterweiſung im Schreiben Hand in Hand. Damit die Taubſtum⸗ men die einzelnen Laute rein ausſprechen und gut
mit einander verbinden, muß der Lehrer unausge⸗
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ſetzt auf ſie achten und jeden vorkommenden Fehler
verbeſſern. Es iſt dieß ſchon bei hörenden Kindern,
nothwendig, um ſo mehr bei dieſen Unglücklichen, denen das Mittel fehlt, ſich ſelbſt zu verbeſſern.
Kehren wir nun zu unſerer vaterländiſchen An⸗ ſtalt zurück und ſehen wir, wie ſie ſich weiter aus⸗ gebildet hat.
Schwarz neigte ſich jedenfalls mehr zur deut⸗ ſchen Methode, Berger, der Gründer zur franzö⸗ ſiſchen, wie natürlich, da er von da ſeine eigene Aus⸗ bildung erlangt hatte. Das Inſtitut zeigte ſchon damals ein Bild des geſammten Taubſtummenwe⸗ ſens; es repräſentirte ſelbſt den Streit, da ſich Di⸗ rektor und Oberlehrer in ihren Meinungssverſchie⸗ denheiten entgegenſtanden. Nach den noch vorhan⸗ denen Schriftwerken, ſcheint der Zwiſt nicht allzu unbedeutend geweſen zu ſein. Beſonders mochte ſich der gewiß hochverdiente Berger gekränkt fühlen, daß einer aufſtand, der ſeiner Methode Mängel vor⸗ warf, Verbeſſerungen einführte und wie es ſcheint auch gute Erfolge und Anerkennung errang.
Im Jahre 1796 legte Berger das Amt eines Direktors nieder und widmete ſich ganz der Seel⸗ ſorge. So kam die Anſtalt ganz in die Hände des erſten Lehrers. Weil dem zufolge auch die Ton⸗ ſprache ein Hauptgegenſtand wurde, ſo beſtimmte man, daß die Kinder, welche aufgenommen werden ſollten, im Alter von 7 bis 14 Jahren ſein müßten, weil in dieſer Zeit die Sprachorgane noch biegſam und bildungsfähig ſind.
Anfang November 1797 kam das Inſtitut wieder nach Prag zurück, da die Urſache der Ent⸗ fernung von der Hauptſtadt weggefallen war. Die Geſellſchaft miethete für dasſelbe das Haus Nr. 478 und 479 in der Lindengaſſe, auf der Neuſtadt, wo das Inſtitut an 34 Jahre blieb.
Das Rathhaus in Komotau.
8 1 ie älteſten Gebäude der Stadt Komotau ſind das jetzige Stadthaus und die ehemalige
(‿ Sankt Katharina⸗Kirche. Letztere war die (D urſprüngliche Pfarr⸗ und Ordenskirche der — deutſchen Ritter, welche dieſelbe jedenfalls zu
Anfang des 14. Jahrhundertes erbauten.*)
Das jetzige Stadthaus iſt anſtatt des frühe⸗
ren Komthur⸗Gebäudes der deutſchen Ritter, die Komotau und die Umgebung von 1252 bis zu Ziska's Zeiten beſaßen, von Herrn Sebaſtian von der Weitmühl, Beſitzer von Komotau,*) im Jahre 1520 von Grund aus drei Stock hoch neu erbaut worden; ſein Wappen mit der Jahrzahl 1520 befindet ſich noch am Haupteck. Die Herren von der Weitmühl beſaßen ihre Herrſchaften und Güter ſtets ungetheilt und ihr Hauptort war Ko⸗ motau. Der genannte Sebaſtian bewohnte das
*) Mehr darüber in R. Millauer's„Der deutſche Rit⸗ terorden in Böhmen“. Prag, 1832.
**) Dieſes Geſchlecht war in Böhmen reich begütert, beſaß Komotau von 1468 bis 1560, in welchem Jahre es der letzte männliche Sproſſe dieſes ſo reichen altadeligen Geſchlechtes dem Erzherzog Ferdinand von Oeſterreich verkaufte.


