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2. A. Wiechovsky: Die Taubſtummen. 79
chen, als ſie mit unſern Begriffen auffallend ähn⸗ liche Zeichen darbiete, und wir nicht umhin könnten, den Taubſtummen manches dadurch begreiflich zu machen.“—
Es mag hier dahin geſtellt ſein, wie weit dieſe Anſicht ihre Richtigkeit hat, wir werden ſie ſpäter in der neuen Einrichtung des Inſtitutes mo⸗ difiziert wieder vorfinden.
Es dürfte hier am Platze ſein, Einiges über die wichtigſten Methodeu des Taubſtummen⸗-Unter⸗ richtes zu erwähnen. Wir haben zwei von einan⸗ der ſehr unterſchiedene Lehrweiſen, die franzö⸗ ſiſche und die deutſche.
Jene verdankt ihre Ausbildung dem ſchon frü⸗ her erwähnten Abbé de(Epee; ſie benutzt vor⸗ nehmlich, ja ausſchließlich die Geberde, das Finger⸗ alphabet und die Schriftſprache und nur gelegent⸗ lich werden in beſonderen Fällen Verſuche in der Lautſprache gemacht. Berger gehörte dieſer Rich⸗ tung an.
Nach der deutſchen Methode legt man alles Gewicht auf die Lautſprache, geleitet vornehmlich durch die große Wichtigkeit derſelben für den ge— wöhnlichen Verkehr.
Die Lautſprache iſt dem zufolge auch der wich— tigſte Gegenſtand; der übrige Unterricht fußt auf dieſem und muß ihm auch mehr oder weniger die⸗ nen. Die Kinder werden vorzüglich im Lautſprechen und im Ableſen des geſprochenen vom Munde geübt und bringen es auch hierin ziemlich weit. Der Zweck der Bildung iſt, die Taubſtummen dahin zu bringen, daß ſie auch in unſerer Sprache denken, ein Buch ordentlich verſtehen und ſich den hören⸗ den Menſchen mittelſt der Lautſprache mittheilen können.
Nach dieſer Methode findet der Religionsun— terricht erſt in den ſpäteren Bildungsjahren, wenn die Zöglinge bereits ſprechen und Geſprochenes ver⸗ ſtehen, ſeine Geltung und die Schüler bleiben dem nach ziemlich lange ohne die ſo wichtige Bildung des Herzens und Willens. Der Erfinder dieſer Methode iſt Samuel Heinicke(geb zu Naut⸗ ſchütz bei Weißenfels am 10. April 1729, geſtorben 30. April 1790 zu Leipzig), ein Zeitgenoſſe des Abbé de l'Epée. Mit Letzterem ſtand er auch in einem ziemlich lebhaften und ſcharfen Streite, der jedoch zu gar keinem Ziele führte, da ſie ganz ent gegengeſetzte Wege verfolgten und bei Verfechtung ihrer Meinungen zu leidenſchaftlich waren. Er grün⸗ dete das Leipziger Taubſtummeninſtitut im J. 1778. Seine Methode wird vornehmlich in Deutſchland angewendet und fand auch hier ihre Weiterbildung. Die wichtigſten Inſtitute dieſer Richtung ſind zu Leipzig und Weißenfels; beſonders hat letzteres durch den ausgezeichneten Taubſtummenlehrer M. Hill einen bedeutenden Ruf erlangt.
Uebrigens gibt es wohl ſo viele verſchiedene
Methoden, wie Anſtalten; die eine neigt ſich mehr
zur Franzöſiſchen, die andere mehr zur Deutſchen.
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Alle Taubſtummenlehrer aber ſtimmen darin über⸗ ein, daß man die Geberde nicht ganz vom Unter⸗ richte entfernen könne, doch wie weit dieſelbe ihre Anwendung finden ſolle, darüber hat man viel ge⸗ ſtritten, wird ſich auch noch viel ſtreiten und noch nicht ſo bald zu einem Abſchluſſe kommen. Dieſer Streit dauert ſo lange, als überhaupt beide Me⸗ thoden beſtehen und dieß iſt ziemlich ein Jahrhun⸗ dert. In neueſter Zeit ſcheint eine Vereinigung zu Stande kommen zu wollen. Zu dieſer neuen Lehr⸗ weiſe, welche in der Vereinigung der beiden Metho⸗ den beſteht, haben wir um ſo mehr Vertrauen, weil ſie dem Prinzipe nach die Anerkennung der erſten Männer vom Fach erlangt hat, wenn man auch in ihrer Anwendung noch nicht ganz ſicher iſt.
Da wir ſchon mehrfach erwähnten, daß es möglich ſei, Taubſtummen auch die Lautſprache bei⸗ zubringen, wird es nicht am unrechten Platze ſein, Einiges hierüber mitzutheilen. Daß geſunde Sprach⸗ werkzeuge die Grundbedingung eines ſolchen Unter⸗ richtes ſind, verſteht ſich wohl von ſelbſt, dieſelben fehlen auch gewöhnlich dieſen Armen nicht.
Den Anfang macht man mit dem a.
Der Lehrer nimmt den Schüler vor ſich, um ganz ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln und ſpricht den genannten Laut deutlich aus, ja ſogar mit Anſtren⸗ gung, damit der Zögling zur Einſicht gelange, daß er mehr als die Mundſtellung zu machen habe.
Nun wird er aufgefordert, deu Lehrer nachzu⸗ ahmen. Der erſte Verſuch gelingt ſchon häufig und es läßt ſich ein ziemlich deutliches a hören, aber auch nicht ſelten macht der Schüler blos die Mund⸗ ſtellung.
Das Erſtere dürfte eintreten, wenn, wie wir ſchon früher mittheilten, das Kind durch ſeine Er⸗ fahrungen zu der Idee geleitet wurde, daß es mög⸗ lich ſei, ſich mit den Sprachorganen zu verſtändi⸗ gen und es ſich, wenn auch nur des Schreies, als Mittel bediente, die Aufmerkſamkeit anderer auf ſich zu lenken. Es bemerkt, daß der Lehrer ſich in ſeinem Aeußern ſo zeigt, wie ein ſprechender Menſch, und wird einen Laut hervorbringen, der durch die be⸗ ſtimmte nachgeahmte Mundſtellung das a gibt.
Hat man dieſes Reſultat erzielt, ſo iſt gewon⸗ nen, in kurzer Zeit wird es auch die übrigen Selbſt⸗ laute erlernen und zwar nur dadurch, daß man ihm dieſelben deutlich vorſpricht; es handelt ſich hier blos um die richtige Mundſtellung. Alle Kinder, die Vokalgehör haben, kommen leicht zum Bewußt⸗ ſein der Sprache und machen demnach auch ſchnelle Fortſchritte. Wir haben es ſelbſt geſehen, daß ſolche Taubſtumme in einigen Minuten alle Selbſtlaute ziemlich rein ausſprechen lernten. Doch, wenn das Kind noch nicht weiß, wie man einen Laut hervor⸗ bringen kann, wird die Aufgabe bedeutend ſchwieri⸗ ger. Es ahmt erſt nur die Mundſtellung nach oder bringt vielleicht auch, indem es ſich anſtrengt, einen Fiſtelton hervor.


