Heft 
(1859) 3 03
Seite
78
Einzelbild herunterladen

78 Erinnerungen. Schrift und das Fingeralphabet. Nach letzterem entſpricht jedem Buchſtaben ein beſtimmtes Zeichen, dieſe werden zu Buchſtaben zuſammengeſetzt, analog der Lautſprache und durch ſie kann man ſich ſo genau wie mit der Schriftſprache verſtändigen. Sie iſt auch nur eine Ueberſetzung derfelden in andere Zeichen.

Sobald die Schüler mechaniſch ſchreiben konn⸗ ten, welche Fertigkeit ſie in 46 Wochen erreich ten, fing man mit der Grammatik an, und zwar nahm man die Fürwörter und Zeitwörter zuerſt vor, weil hiedurch gleich Gelegenheit wurde, ſich in kleinen Sätzen zu üben. arauf ging man zu den Nennwörtern und endlich zu den übrigen Rede⸗ theilen über.

Es mögen einige Beiſpiele folgen: Mit bei den umgekehrten Händen vor ſich weiſend, zeigte die gegenwärtige Zeit an; mit der and einmal über die Achſel ſchlagend, drückte die halbvergan⸗ gene, zweimal die vergangene und dreimal die längſtvergangene Zeit aus.

Das Geſchlecht unterſchied man nach der Tracht und dem Putze des Kopfes. So bezeichnete man das männliche Geſchlecht, indem man nach dem Hute griff, das weibliche, indem man die Obrne hänge berührte; griff man an den Hut und die Ohrgehänge und verneinte beides, ſo zeigte dieß das ſächliche Geſchlecht an.

Waren die Zöglinge nun ſo weit gekommen,

ſie ganze Sätze ſchreiben konnten und ihren Sinn verſtanden, ſo konnte man, nachdem ſo die Hilfsmittel zur Verſtändigung gewonnen waren, zum Unterrichte in verſchiedenen Fächern ſchreiten.

Die Taubſtummen wurden in der Religion, in der Sprach⸗ und Naturlehre, im Schreiben, in der Arithmetik, in der Zeitrechnung unterrichtet und ſie ſollen in allen dieſen Lehrgegenſtänden gute Fortſchritte gemacht haben.

Mit dieſer beſchriebenen Methode war noch eine zweite verbunden, welche das Inſtitut ausneh⸗ mend empfahl. Mittelſt derſelben lernten die Taub⸗ ſtummen auch ſprechen.

Da die Direktion einſah, daß es von großer Wichtigkeit ſei, die Kinder ſchon frühzeitig an Ar beitſamkeit zu gewöhnen, ſo lernten die Taubſtum⸗ men auch ſtricken, nähen, ſpinnen, klöppeln und wurden auch in verſchiedenen anderen häuslichen Verrichtungen unterwieſen. Sie hatten eine eigene Lehrerin, deren Fleiß und Geſchicklichkeit es ſo weit brachte, daß die Lehrlinge die ſchönſten Spitzen nach verſchiedenen Muſtern, ſowohl von gemeinem als Reſſelgarn verfertigen konnten. Der Adel der Stadt und mehrere vermögende Bürger, frei von dem Vorurtheil, daß nur das Ausländiſche einen vorzüglichen Werth habe, machten Beſtellungen

Die Bildungszeit der Zöglinge richtete ſich nach den Fähigkeiten.

Ihre Stundeneintheilung war folgende: Im Winter ſtanden ſie um 6, im Sommer um 5 Uhr

ele D 31 3

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

auf. Nachdem ſie ſich angekleidet, verrichteten ſie ihre Morgenandacht; Einer betete mündlich vor und ein zweiter zeigte Alles, was jener ausſprach, zu gleicher Zeit in Geberden an. Nach genomme⸗ nem Frühſtüͤcke wiederholten ſie bis 8 Uhr, was ſie vorigen Tags gelernt hatten. Darauf wurde, Sonn- und Feiertage ausgenommen, bis 12 Uhr Religions⸗ und literäriſcher Unterricht abwechſelnd ertheilt. An heiteren Tagen gingen ſie nach Tiſche gemeinſchaftlich unter Aufſicht ſpa zieren. Die übrige Zeit bis zum Nachtmahle arbeiteten ſie. Bald nach dieſem legten ſie ſich dac verrichtetem A bendgehe zur Ruhe.

Gleich im erſten Jahre, da das Inſtitut noch ein Kind in der Wiege war, beſuchte Joſef II dasſelbe, bezeigte ſeinen Beifall über die wohlge⸗ ordnete Verfaſſung, gab über die Art, wie den Taubſtummen die mündliche Ausſprache beigebracht wurde, ſeine Zufriedenheit zu erkennen und beſchenkte noch insbeſondere jeden Zögling.

So weit geht der Bericht von Groß. Wir wollen nun in Kürze das weitere Geſchick der An⸗ ſtalt verfolgen.

Ende Juli 1793 überſiedelte das Inſtitut in ein anderes Quartier, Nr. 315 auf dem Karls⸗ platze, weil die alte Wohnung einen andern Haus⸗ herrn bekommen hatte.

Im achten Jahre ſeines Beſtehens wurde dem würdigen Lehrer die Dechantwürde in Komotau verliehen, und weil man glaubte, daß er für den Taubſtummen⸗-Unterricht unerſetzlich ſei, beſchloß der Vorſtand, die Anſtalt demſelben folgen zu laſſen, damit er auch ferner die Aufſicht darüber führen könne.

Im Mai 1795 erfolgte mit großer Feierlich⸗ keit die Ueberſiedlung.

Zu derſelben Zeit trat auch Andr. Schwarz, Ordensprieſter des heil. Franziskus von Aſſiſi als erſter Lehrer ein, welcher das Inſtitut ſehr förderte und ſich beſonders der Lautſprache annahm. Frü⸗ her hatte man weniger auf das, was eigentlich dieſen Unglücklichen Noth thut, geſehen und ſich meiſt der Geberde als Unterrichtsmittel bedient. Es klebten an der Methode die Mängel, welche immer bei den erſten Verſuchen nicht fehlen können.

Bald gelangte dieſer denkende Lehrer zu fol⸗ gender Anſicht:

Die Zöglinge müſſen blos in dem unterrichtet werden, was ſie als Taubſtumme zu ihrer künftigen Beſtimmung wirklich brauchen. Je unehn man ihnen das Nahe, was vor ihren Augen liegt, bekannt mache, deſto weiter werde man ſie führen und je mehr man ihnen die Begriffe anſchaulich zu machen ſuche, deſto größer müſſe der Fortgang 5 Ganzen ſein. Die Tonſprache ſei das Weſentliche, worauf man beim Unterrichte ohne Unterlaß und mit Nach⸗ druck zu ſehen habe. Unausgeſetzte Uebung im Spre⸗ chen werde ihnen die Sprache ſelbſt geläufig machen. Die Geberdenſprache ſei nur in ſo weit zu gebrau⸗