Heft 
(1859) 3 03
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Und ſo oft die Abendlüfte ſtreichen, Und hernieder ſinkt der Dämm'rung Flor, Quillt es himmliſch, wie aus Himmelsreichen, Aus des Thurmes Erdgeſchoß hervor, Und es lauſcht den wundervollen Tönen Mit Entzücken ſtets der Hörer Kreis, Und aus hundert Augen brechen Thränen, Tauſendſtimmig ſchallt des Künſtlers Preis.

2.

Wieder athmen ſanfte Abendlüfte, Hauchen ſüßer, als ſie je gehaucht, Haben in ein Meer balſam'ſcher Düfte Die geſtirnten Fittige getaucht. Und auch aus dem weißen Thurme wallet Wieder ſüße Melodie hervor, Klinget ſüßer, als ſie je geſchallet, Klinget wie ein Himmelschor.

Und es horcht das Volk auch im Gedränge, Horcht entzückter, als es je gelauſcht, Auf den reichen, vollen Strom der Klänge, Der aus dem Geſchoß des Thurmes rauſcht. O ſo tönt es durch des Himmels Weiten, Wenn zum ſchönſten Feſte glanzgekrönt Geiſter rauſchen laſſen ihre Saiten, Wie es heute hier ertönt.

Aber plötzlich, horch ein Riß, als ſprängen Alle Saiten jammernd jett entzwei, Nichts mehr hört das Ohr von ſüßen Klängen, Schwertgeklirr nur, Stimmen mancherlei; Und die Sterne, wie vom Schmerz, bedecken Mit Gewölk das holde Angeſicht, Ob dem Hof der Burg mit düſt'rem Schrecken Schwebt nur blut'ges Fackeliicht.

Und auf alle, die es außen ſehen, Wälzt Beſorguiß ſich mit Bergeslaſt, Und gleich Felſen ſtarren ſie und ſtehen, Von gar ſchlimmer Ahnung Macht erfaßt. Doch jetzt rufen ſie:Nicht Zeit vergeudet! O ſie tödten, ja ſie tödten ihn, An deß Spiel wir uns ſo oft geweidet! Sprengt das Thor! Zur Hilfe hin!

Aber ſchon erſchließt ſich ſelbſt die Pforte Und ein ernſter Herold tritt aus ihr: Fort, ſo ruft er mit gewicht'gem Worte, In des Königs Namen fort von hier! Durch das Schwert des Henkers iſt gefallen, Den zum Opfer das Geſetz erkor.

Kehrt in Frieden heim in eure Hallen, Nicht mehr athmet Dalibor!

Und die ehrne Pforte ſchließt ſich wieder, Aber allen, die das Wort gehört, Rieſeln kalte Schauer durch die Glieder, Und ſie ſteh'n erblaßt da und verſtört,

7

Weh, ſo klagen dann ſie mit Geſtöhne, Und die Klage ſchwillt zum dumpfen Chor, Weh, dahin iſt er, der Fürſt der Töne, Nicht mehr athmet Dalibor! 1

3 3.

Er iſt nicht mehr! Doch wenn auch längſt zu Staube Sein Heldenleib ſammt Geig' und Bogen ward, Sein Name ward dem Tode nicht zum Raube, Lebt ewig jung nach ſeines Geiſtes Art,

Und Daliborka wird der Thurm begrüßet, Wo er ſo reuig ſeine Schuld gebüßet.

Und ſtets, ſo oft der Frühling kommt gezogen, Wird Strauch und Buſch von Klängen neubelebt Rings um den Thurm, der noch zum Himmelsbogen Sein Haupt, wie ſonſt, mit ſtolzem Sinn erhebt, Und es verkünden tauſend Nachtigallen:

Hier ließ ein Dalibor ſein Spiel erſchallen.

Und auf die ganze Heimat ausgefloſſen Iſt ſeine Kunſt in vielgetheilter Fluth, In tauſend Seelen hat ſie ſich ergoſſen, Und ſo im Dom zur heil'gen Andachtsgluth, Wie um des Feſtmahls heit're Luſt zu krönen, Rauſcht böhmiſche Muſik in vollen Tönen.

Die Taubſtummen. Von X. Wiechovsky.

II

8 aiſer Joſef machte ſchon vor ſeiner Thron⸗ Wbeſteigung in verſchiedene Länder Europa's Reiſen, um die Einrichtungen derſelben ſo⸗ Johl in Bezug auf das allgemeine als auch S beſondere Wohl näher kennen zu lernen und die gemachten Erfahrungen zum Beſten der ihm anvertrauten Völker zu benützen. So kam er auch 1777 nach Paris. Dort wirkte ſchon ſeit 20 Jahren höchſt ſegensreich Abbé de l'Epée(geb. 1717 zu Toulouſe, geſt. 1789 zu Paris), der ſich mit allem Eifer und ſeltener Menſchenfreundlichkeit bemühte, die Taubſtummen zu bilden und ſo bedeutende Er⸗ folge erzielte, daß man allgemein über ſein Wirken ſprach. Bald hörte auch der Monarch von dem ehrwürdigen Prieſter und beſuchte ſeine Anſtalt, um ſie und die Erfolge derſelben kennen zu lernen. Er überzeugte ſich von der Möglichkeit der Taubſtum⸗ menbildung und ſo beſchloß er, auch in ſeinem Staate eine ähnliche Anſtalt zu gründen. Bald zeigte ſich auch ein Mann, welcher zu

dieſem edlen Werke gern bereit war. Damals be⸗ fand ſich in der Militärſchule zu Paris als Lehrer