71 Erinnerungen
Bataillons⸗Kommando anvertrauten Aufträge voll⸗ führt und war wieder zu ihrem Truppenkörper ein⸗ gerückt, welcher im April 1800 Befehl erhielt, zur Blokade von Genua zurückzukehren, deſſen Ueber⸗ gabe bevorſtand. Das Bataillon hatte bei Monte Becco ganz in der Nähe von Monte⸗Fiacco eine feſte Stellung bezogen, als gerade an dem Tage, an welchem Genua mittelſt eines Vertrages über geben wurde, Lieutenant Scanagatta durch ſein Bataillons⸗Kommando den Befehl erhielt, ſich auf Anordnung des Höchſtkommandirenden der Ar⸗ mee zu ſeinen Eltern nach Mailand zu begeben und verſtändigt wurde, daß ſich das Armee⸗Kom⸗ mando die weitere Verfü ügung über ihn vorbehalte.
Der Scharfſinn Franziska' errieth bald den Grund, welcher den von dem Heere hochver ehrten Feldherrn bewogen hatte, ſie plötzlich der Dienſtleiſtung zu entbinden und ſie ahnte wohl, daß ihr Geheimniß entdeckt ſei; deßhalb verließ ſie alsbald, nicht ohne den bitterſten Schmerz, das Lager und beſchloß in das Elternhaus zurückzu⸗ kehren. In Nervi angelangt, erfuhr ſie, daß ihre Ahnung ſie nicht betrogen und daß ihr Vater, indem er ihr Geſchlecht verrieth, angeſucht habe, ſie in den
Schooß der Familie wieder zurückkehren zu laſſen. Der Korps⸗Kommandant Feldmarſchall⸗Lieute nant Freiherr von Gottsheim behielt ſie an
dieſem Tage an ſeiner Tafel zurück und ſie war überaus angenehm überraſcht, als ſie ſich immer noch als Lieutenant behandelt ſah, ohne daß es irgend Jemand beifiel, auf ihr Geſchlecht eine An⸗ ſpielung zu wagen.
Am 3. Junius ſetzte ſie ihre Reiſe nach dem Elternhauſe fort. Aber als ſie am 8. zu Bologna erfuhr, daß die Franzoſen wieder in das Mailän diſche eingerückt ſeien, hielt ſie es für angezeigt, die Richtung nach Verona einzuſchlagen, wohin ſich der Generalſtab der bſierun hiſchen Armee begeben hatte. Sie erhielt daſelbſt auf ihr Verlangen eine neue Marſchroute nach Venedig ausgefertigt, wo ſich damals ihr Vater befand, und wo ſie, monat lich die Gage eines Lieutenants abfaſſend, bis zum April 1801 verpeilte, um welche Zeit ihr der Frieden von Luneville geſt tattete, mit Sicherheit in ihr Vaterland und in den Schooß ihrer Angehö⸗ rigen zurückzukehren. Ihrem militäriſchen Wirken wurde von dem Hofkriegsrathe eine ebenſo rührende als ehrenvolle Anerkennung zu Theil, indem dieſe höchſte Behörde unterm 11. Juli 1800 die durch den Austritt Franziskas erledigte Lieutenants⸗ ſtelle im Detſch, Pläter Grenz⸗Regimente einem ihrer Brüder, Guido, verlieh, der bisher als Ka⸗ det in dem Anfanterid⸗Negimente vacat Belgioſo geſtanden hatte. Außerdem erſtattete der Hofkriegs⸗ rath an Kaiſer Franz I. Bericht über die militä⸗ riſche Laufbahn der merkwürdigen Frau und dieſe erhielt von dem gütigen Monarchen unterm 10. De⸗ zember 1801 die ſtandesgemäße Penſion nebſt der
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Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
weitern Vergünſtigung, dieſelbe auch im Auslande verzehmen zu dürfen.—
Der Ruhe zurückgegeben und des Ruhmes ſich freuend, den ſie in ihrer wenngleich kurzen aber mit ſo großer Auszeichnung zurückgelegten militäri⸗ ſchen Laufbahn erworben hatte— traf ſie ggegen Ende 1803 in der Casa Villata mit dem Lieute⸗ nant Spini zuſammen, welcher in der guardia presidenziale(d. h. Präſidentſchafts⸗ Garde; Na⸗ poleon hatte ſich nämlich, wie bekannt, zum Präſi⸗ denten der cisalpiniſchen Republik aufgeworfen, die er ſpäter in ein„Königreich Italien“ verwandelte) ſtand; als Spini ſie, bezaubert von den morali⸗ ſchen Eigenſchaften Franziska's und voll Be⸗ wunderung für ihre vollbrachten Thaten, zur Gat⸗ tin begehrte, erhielt er das erſehnte Jawort und die Vermälung fand am 16. Jänner 1804 zu Malland ſtatt.
Als im Jahre 1805 die zu einer„königlichen“ umgeſtaltete„guardia presidenziale“ nach Paris gezogen wurde, folgte Franziska ihrem Gatten dahin, den ſie ſpäter auch zu dem italieniſchen Depot begleitete, das vereinigt mit dem des franzöſiſchen Heeres in Frankreich zurückgeblieben war.
In den erſten ſechs Jahren ihrer Ehe genas Franziska von vier Kindern, zwei Knaben und eben ſo vielen Töchtern. Während den nachfolgen⸗ den Feldz ügen des Lieutenants Spini blieb Fran⸗ ziska in Malland zurück, ihre ganze Sorgfalt der Erziehung ihrer geliebten Kinder zuwendend; ebenſo wenig konnte ſie ihm nach Ungarn, wohin er im Jahre 1815 dienſtlich verſetzt wurde, folgen, da er, die Ordnung einiger Familien⸗Angelegenheiten in Veltlin wünſchend, die Abwicklung derſelben ſeiner Gattin überließ, die er mit allen Vollmachten aus⸗ geſtattet hatte. Er genoß die Befriedigung, dem von ſeiner Gattin Verfügten ſeine volle Zuſtim⸗ mung geben zu können.
Ebenſo ſorgſam als Mutter, wie ſie eine treue liebende Gattin und ein ausgezeichneter Offizier war, gelang es Franziska, einem ihrer Söhne, den ſie zum Prieſterſtande beſtimmte, eine Fami⸗ lienpfründe zu ſichern und für ihre ältere Tochter einen Platz im Veroneſer Damenſtifte zu erhalten. Dann vereinigte ſie ſich wieder mit ihrem Gatten,
n ſie nie wieder verließ, bis der Tod ihre Bande lüſte Als im Jahre 1832 der Major Spini aus di beſtätigte Kaiſer Franz I.
Immer noch gedenkt Franziska Scana⸗ gatta ihrer militäriſchen Laufbahn und der Wie⸗ ner⸗Neuſtädter Akademie, in welcher ſie zu derſelben herangebildet worden war, mit tiefer Rührung. Dieß beweiſt unter Anderem der folgende, durch ſeine Einfachheit unendlich rührende Brief, den ſie gele⸗
ieſem Leben ſchied, ſeiner tapfern Witwe nicht nur die bisher genoſſene Lieutenants⸗Penſion, ſondern fügte noch die einer Majors⸗Witwe bei, o daß Oeſterreichs Amazone den Abend ihres ſo ereignißreichen Lebens in ſorg⸗ loſer Ruhe genießen kann.


