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Julius Ebersberg: Lieutenant Franziska Scanagatta, Oeſterreichs Amazone. 71
als zur Beſatzung dieſer Garniſon gehörend, der Muße pflegte, immer darauf bedacht, keinen Arg⸗ wohn über ſein Geſchlecht aufkommen zu laſſen, erhielt ein anderer Fähnrich des Regiments die Nachricht von ſeiner Verſetzung in eines der zur Vergrößerung der Armee neu errichteten vierten Bataillone, und zwar in jenes des Regiments Wenzel Colloredo Nro. 56(jetzt F. M. L. Freiherr von Gorizutti); ein Befehl, welcher dem betreffenden Offiziere ſchweren Kummer verur⸗ ſachte, da derſelbe bei ſeiner Mittelloſigkeit genöthigt war, Frau und Kinder in Klagenfurt zurückzulaſſen und allein ſeiner neuen Beſtimmung zu folgen. Gerührt durch die mißlichen häuslichen Ver⸗ hältniſſe ſeines Kriegs⸗Kameraden, beſchloß Fähn⸗ rich Scanagatta ihm einen Tauſch anzubie⸗ ten. Drei Beweggründe entſchieden Franziska zu dieſem Schritte: erſtens dauerte ſie der arme Kamerad und ſie wollte ihm helfen, zweitens aber ſich ſelbſt der läſtigen Ueberwachung jener Perſonen entziehen, die ſie häufiger ſahen und daher zuerſt ihr Geheimniß erſpähen konnten; mehr aber als alle anderen Gründe bewog das ihr angeborene unſtäte Weſen und die Luſt neue Länder zu ſehen, ſtatt in der Langweile des Garniſonslebens ſauertöpfiſch zu werden, Franziska zu dieſem Entſchluſſe. Als die erbetene Verwechslung der beiden Offiziere die hö⸗
here Genehmigung erhalten hatte, verließ Fran⸗
ziska am 17. Auguſt(1798) Klagenfurt und ging zuerſt nach Mährens Hauptſtadt, Brünn, von wo ſie ihren Weg nach Lublin in Galizien fort⸗ ſette, wo ſich das 4. Bataillon Wenzel Collo⸗ redo befand, das von dem Major Deeber be⸗ fehligt wurde. Sie langte am 23. September in der genannten Stabs⸗Station an und wurde in die Kompagnie des Hauptmanns Kinſky einge⸗ theilt, welche damals in Sandomir lag.
Dieſer raſche Wechſel von Garniſons⸗Orten ſtimmte vollkommen mit dem Geſchmacke, den Ge⸗ wohnheiten und Bedürfniſſen des geheimnißvollen Fähnrichs überein, welcher die Laſt der auf ſich ge⸗ nommenen Verkleidung bei dem jedesmaligen Wech⸗ ſel des Aufenthaltsortes weniger fühlte; Fran⸗ ziska war es wohl zufrieden, ſich immer unter ihr völlig fremden und unbekannten Menſchen zu be⸗ finden, welche weder ein Intereſſe noch den Wunſch haben konnten, das räthſelhafte Benehmen des jun⸗ gen Offiziers einer näheren Beobachtung zu unter⸗ ziehen.
In Sandomir ſollte ihr die Furcht, ihr Ge⸗ heimniß entdeckt zu ſehen, eine ſehr lebhafte Unruhe bereiten. Franziska beſuchte nämlich das dortige Kaſino, in welchem ſich die ganze gute Geſeellſchaft der Stadt verſammelte; einige Damen, welche das⸗ ſelbe ebenfalls beſuchten, ſchöpften nun— ſei es, daß ihnen die Formen oder das allzu zurückhal⸗ tende Benehmen des jungen Fähnrichs verdächtig vorkam— Argwohn und theilten ſich dieſen gegen⸗ ſeitig mit; ſo kam es, daß ein junger Schöngeiſt
von Sandomir eines Abends die Unverſchämtheit hatte, ſich zum Dolmetſch der Verdachtgründe der Damen zu machen und Franziska mit den Worten anzuſprechen:
„Wiſſen Sie wohl, Herr Fähnrich, was die Damen an Ihnen bemerken?“— Franziska ahnte gleich, wo hinaus der junge Laffe wollte; aber ſie verbarg ihre Verlegenheit ſo gut es gehen mochte, und antwortete, daß ſie ſehr gerne zu er⸗ fahren wünſchte, was die Damen an einer unbe⸗ deutenden Perſönlichkeit, wie die ihrige, auszuſtel⸗
„len fänden.“
„Nun,“ antwortete der junge Mann,„die Damen finden, daß Sie ganz das Ausſehen eines Mädchens haben.“
Bei dieſen Worten begann Fähnrich Sca⸗ nagatta recht herzlich zu lachen, und antwortete dem jungen Herrn in einem ſcherzhaften und leicht⸗ fertigen Tone:„Die Entſcheidung einer ſolchen Frage ſteht natürlich den Damen zu und ich erlaube mir Ihre Frau Gemalin zu meiner Richterin zu erbitten.“
Bei dieſer Antwort, die eben ſo kühn als die Anſchuldigung herausfordernd war, hielt es der junge Herr für gerathen, den Rückzug anzutreten, indem er betheuerte, daß er weit entfernt ſei, mü⸗ ßigem Weibergeträtſche irgend Glauben beizumeſſen, und daß er nichts anderes habe bezwecken wollen, als dem Herrn Fähnrich vertrauliche Mittheilung von dem Verdachte zu machen, den dieſe oder jene Dame über ihn ausgeſprochen hätte.
Aber der launenhafte Zufall, welcher Fran⸗ ziska's Standhaftigkeit auf ſehr harte Proben ſetzen wollte, ließ, kaum daß eine Gefahr überwunden war, deren neue entſtehen, um das heldenmüthige Mädchen zu zwingen, neue Kriegsliſten zu Ueber⸗ windung derſelben zu erfinden.
Am 1. Februar 1799 erhielt die Kompagnie, mit welcher Fähnrich Scanagatta in Sando⸗ mir ſtand, Befehl, nach Kelm zu warſchiren; Fran⸗ ziska war darüber hoch erfreut, da es ihr nun gelang, ſich den Blicken der Damen Sandomirs zu entziehen, welche ſie nöthigten, ſich noch mehr vor⸗ zuſehen und zu überwachen als gewöhnlich; aber während des Marſches wurde ſie von einem hefti⸗ gen Gliederreißen überfallen, welches ihre Trans⸗ portirung nach Lublin, wo ſich nun der Regiments⸗ ſtab befand, nöthig machte.
Die Krankheit wurde ſo ernſtlich, daß Sca⸗ nagatta ſich gezwungen ſah, durch volle zwei Monate das Bett zu hüten und ſich der ärztlichen Behandlung zu unterwerfen, welche ſich bei dieſer ſchweren und gefährlichen Erkrankung als ſehr drin⸗ gend herausſtellte. Nun mag ſich der arme Fähn⸗ rich nicht ſelten dem Arzte, dem Chirurgen und endlich auch dem Krankenwärter gegenüber in kei⸗ ner geringen Verlegenheit befunden haben. mußte ſie jenes undurchdringliche Geheimniß ver⸗ bergen, deſſen Entdeckung jetzt ein Leichtes geweſen


