Heft 
(1859) 3 03
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Alexander Hutſchenreiter: Der Schreiber.

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begann Viktorine,ich habe Sie noch nicht fröh⸗ lich geſehen. Warum ſo düſtere Gedanken?

Ich liebe düſtere Bilder, Komteſſe, ſo wie der Nordländer ſeine traurige Heide. Wie hätte ich auch lernen ſollen, fröhlich zu ſein? Mein Le⸗ ben war bis jetzt zu arm an Freuden, als daß mich die Gewohnheit nicht gelehrt hätte, die Trauer zu lieben. Früh aus meiner Heimat vertrieben, trug ich aus derſelben nur die Erinnerung an einen unglücklichen mißhandelten Vater an das bleiche ſterbende Antlitz einer Mutter, welcher Kummer und

Elend das Herz gebrochen. Keine Heimat hatte ich keine Menſchen, die mich liebten nur eine Stunde eine einzige Stunde brachte

einen Lichtſtrahl in die Nacht meiner Seele es war die erſte und wohl auch die letzte!

Die letzte? entgegnete Viktorine ſollten Sie den Glauben an die Menſchen ſo ver⸗ loren haben, daß Sie ſie nur einer flüchtigen Er⸗ regung, einer oberflächlichen Theilnahme für fähig erachteten, vor der, wie vor einer begangenen Sünde das Herz zurückſchreckt, um wieder hinter die Schran⸗ ken eiſiger Höflichkeit zurückzukehren?

Nein, ſo tief iſt mein Vertrauen auf das Gute im Menſchen nicht geſunken, entgegnete La⸗ dislaus, die ſchöne kriſtallene Blumenvaſe auf dem Tiſche betrachtend;aber ſehen Sie, Kom⸗ teſſe, betrachten Sie dieſe Ameiſe wie ſie ſich abmüht und hinaufringt nach den herrlichen Blu⸗ men, welche über dem Rande des Glaſes duften

und blühen welche Kraft wendet ſie an, die glatte Wand des Kriſtalles hinaufzuklettern? Aber umſonſt. Am gebrechlichen Glaſe erlahmt ihre

Kraft! Und ſo ſcheidet das einzige Weſen, welches jenes Licht in meine Seele gebracht, eine unendliche, ſteile Höhe von mir, die ich nicht zu erreichen, zu überſteigen im Stande bin. Und dieſe Wand haben die Menſchen zwiſchen einander gethürmt wohl iſt auch alle Hoheit nur gebrechlich wie Glas aber ſtark genug, um des Einzelnen An⸗ ſtrengung zu ſpotten!

Halten Sie ein! rief das Mädchen,und durchwühlen Sie nicht meinen Glauben, nicht Ihr eigenes Gemüth mit der erbarmungsloſen Sonde Ihres Grames. Muth und frohe Zuverſicht haben oft Berge geebnet, die unüberſteigbar ſchienen.

Die kleine Bertha hatte ſich inzwiſchen drau⸗ ßen im Garten herumgetummelt und einen prächti⸗ gen Strauß von Blumen gepflückt. Da ertönte vom Schloſſe her die Glocke, das Kind hüpfte der Laube zu und blieb erſtaunt vor derſelben ſtehen. Vor ihrer Schweſter lag Ladislaus auf den Knieen die ſchöne Jungfrau hatte die Arme um ſeinen Nacken geſchlungen und ihre langen Locken umflo⸗ ßen ſein Antlitz.

Bertha ſtand eine Weile und als ſie ſah, daß man ſie nicht bemerkte, rief ſie ſchüchtern: Viktorine! Wie vom Blitz getroffen flo⸗ gen die Beiden auseinander, die über ſich ſelbſt

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alles Andere vergeſſen hatten aber es war ja nur das liebe kleine Antlitz Bertha's, welches ſie ſo freundlich und neugierig anblickte! Noch einen Händedruck ein Lebewohl und zwei Ueber⸗ glückliche ſchieden von einander, ohne daß ein Schat⸗ ten böſer Ahnung die Feier ihrer Herzen trübte. Weder ſie noch Bertha hatten jenen Mann be⸗ merkt, welcher dort zwiſchen den Gebüſchen verſtoh⸗ len herausgelugt hatte und als ſie aus der Laube traten, mit hohnlächelnder Miene verſchwunden war. 5.

Am Morgen des folgenden Tages klopfte Miska an die Thüre des Schreibers. Zwar war dieſes mit einem ſtereotypenSzerentsés reg- gelt kivänok(Wünſche glückſeligen guten Mor⸗ gen) verbundene Erſcheinen für Ladislaus etwas ganz Gewöhnliches allein heute wurde ihm dabei zu Muthe wie einem Menſchen, der ferne von Dach und Fach einen Sturm heraufſteigen ſieht und dem die Schwüle der Luft den Athem benimmt.

Ifjür(junger Herr), begann der Haiduk, der Herr Graf haben befohlen, möchten ſogleich zu ihm kommen.

Schnell warf ſich der Angeredete in ſeine Kleider und nach zehn Minuten ſtand er mit eini⸗ gem Herzklopfen im Zimmer des Schloßherrn.

Der Graf maß mit großen Schritten das Zimmer, ſein Geſicht drückte eine ungewöhnliche Aufregung aus. Kaum hatte er die Begrüßung ſeines Beamten kalt erwiedert, ſo begann er:

Mein Herr, Sie ſind aus meinen Dienſten entlaſſen.

Ladislaus erbleichte.

Wiſſen Sie, fuhr der Graf fort,was es heißt, die Ruhe einer Familie muthwillig zerſtören, das Glück eines Hauſes dem Wahnſinne, der Un⸗ verſchämtheit zum Opfer bringen? Sie verlaſſen ſogleich dieſes Haus; heute Abend wird Ihr Wa⸗ gen bereit ſtehen. Wagen Sie es nie mehr, meinem Zorne ſich auszuſetzen denn bei Gott, ich ſtünde für nichts!

Lautlos hatte der junge Mann den wüthen⸗ den Zornesausbruch des Grafen an ſich vorbei to⸗ ben laſſen. Stumm wie er gekommen, ſchritt er aus dem Zimmer, denn er wußte, daß jedes Wort der Entgegnung nur Oel in die Flamme gießen würde. Seine Ahnung war in Erfüllung gegan⸗ gen; die Roſe war welk geworden.

Als er, das glühende Geſicht in ſeinen Hän⸗ den bergend, ſeiner Wohnung zueilte, weckte ihn eine ſanfte Stimme aus ſeinen verzweifelten Ge⸗ danken. Es war Viktorinens kleine Schweſter, welche auf ihn gewartet hatte. Sie faßte den Schreiber freundlich bei der Hand und führte ihn in die Appartements der Gräfin.Was mag ſie noch von mir wollen, dachte Ladislaus, der ſich wie willenlos leiten ließ;ſollen vielleicht die