Heft 
(1859) 3 03
Seite
68
Einzelbild herunterladen

68 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ihrer kleinen Schweſter auf, um ſich in dem ſtillen ſchattigen Bergwalde, der an's Schloß grenzte, zu ergehen. Bertha ſprang voll kindlichen Uebermu⸗ thes vor ihr her und beſtieg bald dieſen, bald je⸗ nen Hügel. Viktorine folgte träumeriſch. Eben bogen ſie um eine Ecke des Waldes, da er⸗ blickten ſie von der Ferne einen Mann hoch zu Roß heranſprengen. Bei der Schnelle, mit der ſich der Renner bewegte, war es unmöglich, des Rei⸗ ters Geſichtszüge zu erkennen. Jetzt aber, als er näher kam, da erhob und entführte ein Windſtoß Viktorinens Schleier das Pferd ſcheute, that einen mächtigen Satz, bäumte ſich hoch auf, und ſich überſchlagend ſtürzten Mann und Roß zu Boden. Das junge Mädchen erbleichte vor Schre⸗ cken, doch ſich ermannend eilte ſie an die Stelle des Unglücks und erfaßte kräftig die Zügel des Hengſtes, welcher ſich ſogleich aufrichtete und ruhig an einen Baum binden ließ. Dann wandte ſie ſich zu dem von der rieſigen Laſt befreiten Reiter. Es war Ladislaus, der bewußtlos auf dem Raſen lag. Mit entſetzlicher Bangigkeit horchte ſie, ob er athme, und wie ein Stein wälzte es ſich von ihrem Herzen, als ſie in ruhigen Zügen die Bruſt ſich heben und ſenken ſah. Sie dachte daran, dem Ohnmächtigen die Halsbinde zu löſen, um ihm das Athmen leichter zu machen. Wie wenn ſie ein Verbrechen beginge, faßte ſie bebend das ſeidene Tuch und löſte es von ſeinem Halſe. Dabei ward ein kleines Marien⸗Medaillon ſichtbar, worauf die

drei Worte ſtanden:Von Deiner Mutter. Glü⸗ hendes Roth bedeckte Viktorinens Antlitz. So

ſehr ſie es wünſchte, fürchtete ſie ſich doch vor dem Moment, wo Ladislaus zu ſich käme und die Augen aufſchlüge. Noch nie hatte ſie ſich allein einem Manne gegenüber befunden. Schon wollte ſie aufſpringen und davon eilen aber konnte, durfte ſie ihn hier hilflos verlaſſen und ſprach nicht auch ein anderes Gefühl aus der tiefſten Tiefe ihres Herzens ſo leiſe und ſchmeichelnd zu Gunſten der Menſchlichkeit? Da öffnete Ladislaus die Augen und befremdet um ſich blickend, rief er, als er Viktorine erblickte:Sie im Walde hier Komteſſe, was iſt geſchehen? Als er aber ſein Pferd im Sande ſcharren ſah, kehrte ſchnell das Gedächtniß des Geſchehenen zurück und die heftigen Schmerzen, welche ihm einige Quetſchungen verur⸗ ſachten, verkörperten gewiſſermaßen die Erinnerung.

Mein Gott, Sie bluten, Sie ſind verwun⸗ det! rief ſie voll innigſter Theilnahme,und ich, Unglückliche, trage die Schuld!

Sie Komteſſe eine Schuld? Was können Sie für einen Zufall einen Zufall, für den ich Gott danke? Und er wagte es, in Vik⸗ torinens Auge einen tiefen, langen Blick zu thun, wie Einer den blauen Himmel entzückt an⸗ ſieht mit ſeinen Sternen. Dann richtete er ſich auf, unterſtützt von den beiden Mädchen.

Sie können dürfen nicht allein gehen,

begann Viktorine wieder,nehmen Sie meinen ſchwachen Arm zu Hilfe, ich will Sie mit Bertha hinabführen zum Schloſſe.

Obwohl Ladislaus ſich weigern wollte, ſo mußte er doch den Bitten der beiden Mädchen nachgeben. Mit der einen Hand faßte er Ber⸗ tha's Händchen, welche ſtolz war auf dieſes Amt, mit dem verwundeten Arme ſtützte er ſich auf den Viktorinens. Das Pferd aber, dem kleinſten Zuruf gehorſam, ſchritt hinter ihnen wie der Hund nach ſeinem Gebieter. 1

War es blos Ausdruck gewöhnlichen Mitleids, daß Viktorine oft einen ſchnellen, geheimen Blick auf ihren Begleiter oder vielmehr Begleiteten that, wenn ſie unbemerkt zu ſein meinte? War es Zufall, daß ſie am Saume des Waldes, an wel⸗ chem ſich des Schloſſes Mauern emporheben, wie verabredet ſtille ſtanden daß Viktorine, als Ladislaus ihre Hand gefaßt und einen ſo hei⸗ ßen, innigen Kuß darauf drückte, ihm dieſe nicht entzog?

Haben Sie Dank Dank! flüſterte La⸗ dislaus, als ihn jetzt Viktorine mik einem leiſen Händedrucke verließ. Eine Roſe, die ſie früher an ihrem Buſen trug, war jetzt an dem ſeinen. Er ſaltete wie betend die Hände und blickte den Mädchen ſo lange regungslos nach, bis ſie ſeinen Augen entſchwunden waren.

4.

Nach mehrtägiger Kur von ſeinen leichten Wunden geneſen, konnte ſich der Schreiber ſchon wieder ohne fremde Hilfe im Garten ergehen. Langſam wanderte er durch die vielfach gewunde⸗ nen Laubgänge des Parkes. Manchmal hielt er ſtill und ſchrieb einige Worte in das Notizbuch, das er in der Hand hielt. Eine kleine mit Epheu umſponnene Grotte war der Zielpunkt ſeines Gan⸗ ges. Er trat hinein und war überraſcht, dort Vik⸗ torine, welche in einem Buche blätterte, zu finden. Sie erſchrak, als ſie Ladislaus erblickte.

Ich wollte nicht ſtören, begann der Schrei⸗ ber verlegen und im Begriffe ſich zu entfernen.

Stören? entgegnete Viktorine ſchnell Sie ſtören nicht im Gegentheile erfüllt es mich mit Freude und Beruhigung, daß Sie nach dem bedauerlichen Zufalle, deſſen Schuld ich mir zuſchreiben muß, wieder ſo wohl ſind.

Noch immer dieſe Schuld, Komteſſe? Und wäre es Ihre Schuld geweſen, ſollte durch Ihre Milde nicht tauſendfacher Erſatz dem armen Schrei⸗ ber geworden ſein?

Viktorine ſchwieg und ſuchte ihr Geſicht in den herabwallenden Locken zu verbergen.

Ladislaus öffnete ſein Buch, in welchem eine Roſe lag.Sie iſt nun welk geworden, ſprach er ſtill vor ſich hin,es iſt das Los der Blüthen und der Hoffnungen.

Sie ſind recht traurig, Herr Ladislaus,