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Alexander Hutſchenreiter:
Der Schreiber. 67
Große echtere pflegten ſonſt eine heit auf dem Schloſſe zu ſein; allein heute war des Grafen Namnakag der in der Familie mit allem Glanze gefeiert wurde. Beſondere Einladun⸗ V gen ergingen zwar veßh lb nicht— aber man briet und buck eben ſo viel, daß eine Armee g genn ge⸗ habt hätte. Die Gaſtfreundſch haft des Schloßherrn vor deſen Tag faſt eine negrende
Schon war es Nacht. Ruhig und mild ſchau⸗ ten die Sterne herab auf die ſchlummernde Gegend. Aus den Fenſtern des Schloſſes ſtrahlte blendendes Licht und rauſchende Muſik ſpottete der träumen⸗ den Nachtruhe. 1
Unter den vielen Gäſten, die ſich im glänzend dekorirten Salon nach dem ſchnellen Rhythmus der Zigeunerweiſen drehten, ſpielte Ladislaus, der Schreiber des Grafen, die Rolle eines ſtillen Be⸗ obachters. Träumeriſch in einen Winkel zurückgezo⸗ gen, blickte er mit wechſelnder Theilnahme auf die vielbewegte Szene.
Eben wurde eine Tänzerin von ihrem Tänzer auf den neben der Gräfin leer ſtehenden Platz ge⸗ führt. Ein elektriſcher Schlag hätte Ladislaus nicht mehr erſchüttern können, als jetzt die Anſprache des Grafen, der ihn mit herablaſſender Freund⸗ lichkeit zu ſich winkte.„Sehen Sie,“ ſprach er, in den er Ladislaus dem eben erwähnten Fräu⸗ lein vorſtellte,„ich führe Ihnen hier meine Tochter auf, welche jetzt aus Peſt zurückgekehrt iſt, um unſere Einſantkeit zu theilen.— Viktorine,“ fuhr er fort, ſich an ſeine Tochter wendend,„ich engagire dieſen Herrn mit Dir auf einen Csärdäs, damit Du ſiehſt, daß man in Deines Vaters Hauſe das Tanzen noch nicht ganz verlernt hat.“
Das Mädchen machte eine ſtumme aber freund⸗ liche Verbeugung. An Ladislaus wäre es jetzt geweſen, einige Worte zu erwiedern, aber wie Blei lag es auf ſeiner Zunge. Das waren ja jene blauen herrlichen Augen, die ihm ſeine Ruhe genommen, das jene wundervolle Geſtalt, die ihm in ſeinen Träumen vorſchwebte..
Milden Blicks und mit einigem Vergnügen an dieſer Verlegenheit ſich weidend, betrachtete die Gräfin, Viktorinens Mutter, den jungen ſchö⸗ nen Mann, deſſen beſcheidenes Benehmen ſie von jeher angeſprochen. Oft ſchon hatte ſie mit ihm längeren Geſpräches gepflogen, wenn ſie mit ihrem Gemale einen Feldzug, wie ſie es ſcherzend nannte, durch Mais⸗ und Getreidefelder unternahm und das Treiben 8 denſelben beſchaute.
Endlich hatte ſich Ladislaus ſeiner Verle⸗ genheit entriſſen und bat mit wenigen Worten die junge Komteſſe zum Tanze. Und als er nun dieſe ſchöne Geſtalt umfaſſen durfte; als er ihre Hand ſo weich und zart in der ſeinen fühlte; als er mit Viktorinen dahinflog nach den rauſchenden Tö⸗ nen der Muſik. da war es ihm, als wäre er nie, nie ſo überſelig geweſen! Gleich als fürch⸗ tete er ſich dieſes Gefühl durch ſein Auge zu ver⸗
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Selten⸗ rathen, wagte er es nicht, in das herrliche Antlitz
zu blicken, welches dem ſeinen ſo nahe war, daß die Locken ihn berührten. Wohl mochte Vikt orine nicht ohne eigene Erregung fühlen, wie Ladis⸗ laus' Hand zitterte, denn ſchwerlich konnte der Tanz allein ihr Antlitz mit ſolchem Purpur über⸗ goſſen haben.
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Der Ball war zu Ende. Schon ſpiegelte ſich der erſte Sonnenſtrahl in den Scheiben der Fen⸗ ſter. Der Tag war erwacht— mit ihm Leben und Thätigkeit. Auch Ladislaus ſtand ſchon wieder draußen unter ſeinen Leuten, anordnend und nachſehend; aber es geſchah dieß nicht mit dem⸗
ſelben Eifer, wie es früher der Fall geweſen. Oft
ſtand er lange Zeit ſtill, ganz in Gedanken ver⸗ ſunken. Der alte Miska, welcher ſeinen Dienſt wie gewöhnlich verrichtete, betrachtete forſchend ſei⸗ nen jungen Herrn und kounnte nicht begreifen, warum dieſer nicht einmal von dem redſeligen Alten anhören mochte, wie herrlich der Mais oder die Gerſte da drüben ſeit zwei Tagen geſchoſſen, oder welch' herrliches Fohlen heute Nacht die Miß Arabella geworfen. Bedenklich ſchüttelte Miska den Kopf, wobei ihm nach ſeiner Gewohnheit ein Ni, ni, mi à fenne(ſchau, ſchau, was zum T— iſt das?) entſchlüpfte, welches Kraftwort er nie auf ein hervorragenderes Ereigniß anzuwenden verfehlte.
Mit gekreuzten Armen an den Baum gelehnt, ließ der Schreiber die Ereigniſſe der jüngſten Zeit wie einen Traum an ſich vorübergleiten. Da ſtand ſie vor ihm, die herrliche Jungfrau, die er von dieſem Orte aus zuerſt geſehen. Des Csardas Klänge umtönten ihn noch, er faßte wieder dieſe ſchöne weiche Hand— er wagte es zuletzt, einen heißen Kuß darauf zu drücken....
Da erwachte der Träumer und erſchrak vor ſeinem Traume! Er, der arme, unbeachtete Menſch, der nichts befaß, als ſeine Kenntniſſe und ſeine beſcheidene bürgerliche Stellung, er wagte es, ſein Auge zur Tochter des reichen Magnaten, um deren Hand Fürſten ſich bewarben— zu erheben!— Er, der arme Polenjüngling, deſſen Vater in den Kerkern Sibiriens, deſſen Mutter vor Noth und
Gram in einer elenden Hütte geſtorben.... Mit eiskaltem, kritiſchem Auge durchforſchte er jetzt ſeine
eigene Lage, und als wollte er die lodernde Flamme ſeines Schmerzes erdrücken, preßte er die Hände auf die Bruſt.
Auf den heißen Tag folgte ein kühler Abend. An ſolchen Abenden widerfährt der ſchönen freien Natur ihr volles Recht. Der müde heimgekehrte Arbeiter ſetzt ſich auf die Bank vor ſeiner Hütte und verplaudert die kurzen Stunden, bis der Schlaf ſeine Augen ſchließt. Wen aber Beruf oder Will den Tag über im kühlen Zimmer zurückgehalten, der ſucht jetzt in der reinen milden Luft des Abends ſich zu erquicken. Auch Viktorine machte ſich mit
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