Heft 
(1859) 3 03
Seite
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66 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

auf und ab geht, um die Ordnung unter den Leu⸗ ten zu erhalten und die Befehle zu vollziehen, welche des Herrn Grafen Schreiber ihm ertheilt. Dieſe Stelle nämlich bekleidete der junge Mann, von dem wir eben geſprochen, der Schreiber, eine dem Titel nach geringe und doch in ihrem Kreiſe ſehr wichtige, von den Bauern ſehr reſpektirte Per⸗ ſon, ein kleiner General unter ſeinen friedlichen Truppen.

Die Sonne ſinkt allgemach. Länger und län⸗ ger werden die Schatten. Auf der Landſtraße, welche die Felder begrenzt, rollen die Wagen nach Hauſe, gezogen von den müden, abgearbeiteten Thieren. Auch des Schreibers Roß ſcharrt ſchon wiehernd den Boden; die hoch aufgetriebenen Nü⸗ ſtern ſcheinen bereits im voraus die ſtärkende Nah⸗ rung zu wittern, welche ihm unter dem gaſtlichen Dache werden ſoll, das dort zwiſchen den ſchlanken Pappeln hervorragt.

Da erhebt ſich in einiger Ferne eine Staub⸗ wolke, und wie ſie näher und näher kommt, erkennt man die ſchöne vierſpännige Kaleſche des Grafen, aus der zwei Mädchen neugierig auf das bunte Treiben der Bauern hervorblicken das eine, ein Kind mit kaſtanienbraunen Locken und feinem Näs⸗ chen, das andere aber eine Jungfrau in der herr⸗ lichſten Blüthe, ſchlank wie die Tanne in den Ber⸗ gen. Wallende Locken überſchatten das liebliche Geſicht und die blauen Augen blicken freundlich wie die Sterne einer Sommernacht.

Unſer Schreiber vertiefte ſich ſo ganz in die⸗ ſen Sommernachtstraum, daß er, als längſt ſchon der Wagen verſchwunden war, noch das holde Antlitz zu ſehen vermeinte. Und als Miska, der alte Haiduk, ihm das Pferd vorführte, das unge⸗ duldig an den Zügeln rüttelte und ſich bäumte, bemerkte er es erſt nach Langem und ſchwang ſich dann wortlos in den Sattel. Miska aber blickte ſeinem jungen Herrn, wie er ihn nannte, verwun⸗ dert nach, denn er konnte ſich ſein ungewöhnliches Benehmen nicht erklären er begriff nicht, daß dieſer von den blauen Augen getroffen worden.

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Das Schloß des Grafen von B. lag hart am Rande der Berge. Gegen Oſten hin dehnte ſich die große weite Ebene mit ihren Wieſen und Feldern aus; auf den Bergen aber dunkelten weite Forſte. Das Schloß ſelbſt ſtammte aus dem ſieb⸗ zehnten Jahrhundert. Es war eine gewaltige Maſſe von Mauern, die, im Quadrate gebaut, von mäch⸗ tigen Thürmen an den Eckn beherrſcht wurden.

Wie viele Jahre waren an den grauen Häuptern der⸗ 9 5

ſelben vorbeigegangen, wie manchen harten Strauß hatten ſie ſchon gegen die Unbill der Zeit und die Hand des Menſchen beſtanden! Der Türkenkrieg war an ihnen vorbeigebrauſt und hatte ſeinen Na⸗ menszug mit bleiernen Lettern an ihre ſteinerne Bruſt geſchrieben, von wo derſelbe wie verwundert

ſchaut auf die jetzt ſo ſtille, friedliche Welt. Auch die alten Zugbrücken, welche zu den vier Seiten des Schloſſes führen, mochten ſchon lange nicht mehr über dem Schloßgraben aufgezogen worden ſein, denn der Roſt zehrte an den ſchweren eiſer⸗ nen Ketten. Von den zwei Stockwerken des Ge⸗ bäudes enthielt das erſte die ſogenannteHerren⸗ wohnung oder die Appartements des Grafen. Aus den geöffneten alterthümlichen Fenſtern lugten die ſchweren ſeidenen Vorhänge hervor, und man konnte die großen Ahnenbilder der gräflichen Familie darin bemerken mit den ſteifen Halskrägen und noch ſteiferen Zügen, ernſt kontraſtirend gegen das jetzge bewegliche Geſchlecht. Ein kleiner Glockenthurm auf der Fagçade des Hauſes vollendete das Ganze. Einſt hatte er wohl gedient, die Ritter und Reiſi⸗ gen hinauszurufen zum Kampfe und zum Sturme jetzt läutete man nur zur Mittagsſtunde für die Hungernden, zur Abendſtunde für die Betenden und zur ſchwerſten aller Stunden zur Sterbeſtunde. Das Ganze war jetzt, trotz der kriegeriſchen Erin⸗ nerungen, ein Bild tiefen Friedens. Gleich daneben dehnte ſich ein ſchöner, ſchattiger Park aus, mit vielen dunklen Grotten und Lauben und den anſto⸗ ßenden zahlreichen Wirthſchaftsgebäuden. Rings auf den Wieſen aber weideteſchwer hinwandelndes Hornvieh von reinſter Berner Rage, und die Schafherden zogen vorbei, den glockenbehangenen Leithammel an der Spitze und den unvermeidlichen Eſel, der des Hirten einfache Reiſeſchatouille trägt.

Es lag heute eine ſonntägliche Stille über der Gegend; doch drinnen im Schloſſe ging es lebhaft zu. Die Dienerſchaft war in großer Bewe⸗ gung. Im Hofe ſtand der Stallhaiduk des Grafen und donnerte in erbaulicher Weiſe den Knechten und Kutſchern zu, ſich mit der Reinigung der Ställe zu beeilen, indem, wie er ſagte, jeden Augenblick die Gäſte von da und dort eintreffen könnten. Andere Diener ſowie die Hausmägde rannten Stie⸗ gen auf und ab mit Schüſſeln, Speiſen und Ge⸗ räthen aller Art, während die alte Kammerzofe bedächtig ihre Befehle an ſie vertheilte, wobei denn auch die nöthigen, nicht immer ſchmeichelhaften Bemerkungen über dieſe oder jene der langzöpfigen Küchenſylphiden keineswegs mangelten. Der Schloß⸗ herr ſelbſt ging in den Höfen und Ställen umher, wohlgefällig ſeine ſchönen Renner betrachtend, die daſelbſt ſtampften und wieherten. Er war ein Mann zwiſchen den fünfzig und ſechzig Jahren, eine prachtvolle Magyarengeſtalt. Früher Soldat, hatte er ſich nun auf dieſe ſeine Beſitzung zurück⸗ gezogen, welche er, obwohl ſie die kleinſte unter ſeinen ausgedehnten Herrſchaften war, am meiſten ſowohl wegen ihrer ſchönen Lage, als auch darum liebte, weil ihm hier das freundliche Licht der Welt zuerſt angebrochen war. Von hier aus führte er die Oberaufſicht über ſeine wohlverwalteten Güter, hier lebte er ausſchließlich ſeiner Familie, der Jagd und dem edlen Reitvergnügen.