Heft 
(1859) 2 02
Seite
62
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62 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Wir bringen auf der dritten Seite des Umſchlages ein Modenbild. Obwohl es für das kundige Auge und welches Damenauge verdiente in Betreff der Mode dieſes zierende Beiwort nicht? keiner Erklärung be⸗ darf, ſo halten wir doch einige begleitende Worte nicht für überflüſſig. Die ſchönſten Kleider der Winter⸗Sai⸗ ſon macht man gegenwärtig mit zwei großen Volants, die entweder in gerader Richtung oder um abzuwech⸗ ſeln, in den mannigfaltigſten Wellenlinien angebracht werden. Manchmal ſetzt man auch über einem einzigen großen Volant fünf oder ſechs ganz kleine. Die Taille iſt ein wenig kürzer als im vergangenen Sommer. Die graue Farbe ſcheint jetzt ihre Herrſchaft zu verlie⸗ ren, die Stoffe dieſer Winter⸗Saiſon haben eine leb⸗ haftere, friſchere Färbung. Die Hüte ſind ziemlich groß mit einem nach der Stirne zu verlängerten Schirm.

Das Neueſte der Pariſer Mode iſt, daß die weiten Ueberkleider der Damen, welche bisher das Straßenpflaſter gefegt haben, gegenwärtig mit Schnal⸗ len(Agraffen) aufgeneſtelt werden. mittelſt einer ſtarken elaſtiſchen Schnur am Guͤrtel be⸗ feſtigt und der untere Theil des Kleides in die zangen⸗ artig eingerichtete Spange geſpannt. Der gute Ge⸗ ſchmack weiß dann den untern Theil des Kleides male⸗ riſch zu drapiren und es wird große Sorgfalt auf die Wahl von prächtigen Unterkleidern verwendet. Die Da⸗ men ſehen, ſo ausgeſtattet, den Schäferinen aus den Bildern alter Zeit ähnlich oder, wenn es an Ge⸗ ſchmack mangelt, umherwandelnden Fenſtern, die mit Gardinen behangen ſind.

Witterungsverhältniſſe.

Die Witterungsverhältniſſe des dießjähri⸗ gen Vorwinters ſind einer beſonderen Beachtung wür⸗ dig. Nach einem überaus heitern und warmen Herbſte ſank am Tage des letzten Mondesviertels im Monate Oktober plötzlich das Thermometer in faſt ganz Europa auf den Null⸗(Gefrier⸗) Punkt. Schon am 1. Novem⸗ ber trat in dieſen Gegenden überall Froſt ein. Beſon⸗ ders merkwürdig war in meteorologiſcher Hinſicht der 4. November, wo, während Paris Froſt hatte, Peters⸗ burg ſich einer Wärme von faſt drei Grad erfreute. Der Wind, der an dem genannten Tage über die Haupt⸗ ſtadt Rußlands hinſtrich, war ein Weſtwind, der ihr die Dünſte des atlantiſchen Meeres über Schweden und das baltiſche Meer zuführte, während Deutſchland und Frankreich in derſelben Zeit trockenen Nordoſtwind hat⸗ ten. Dieſer letztere Wind entfaltete überall ein ſibiri⸗ ſches Klima. Der 10. November war überall am kälte⸗ ſten. Um 8 Uhr Früh zeigte das Thermometer in Pa⸗ ris 2, Grad, in ganz Nord⸗Frankreich 5 bis 6 Grad, in Wien 6,5 Grad, in Warſchau 8 Grad, in Moskau 10 Grad, während in Petersburg der Nordweſt herrſchend blieb und das Thermometer nicht unter Null ſank. England und Irland haben von jener Kälte nichts geſpürt, doch würften die während dieſer Zeit dort wahrgenommenen, ungewöhnlich ſtarken Ne⸗ bel von ihr hergerührt haben. Am 1. November mußte in London den ganzen Tag Gas brennen. Im Süden von Frankreich, ſo wie an den Küſten von Piemont, wo der Winter ſich ſonſt kaum ſpüren läßt, wehte der Nordwind mit viel ſtärkerer Gewalt als in England und an den Nordweſtküſten Frankreichs. Zu Nizza fiel der Schnee in Maſſen. Im Allgemeinen iſt noch zu bemerken, daß der dieſes Jahr ſo frühzeitig eingetretene Winter gleichzeitig ganz Europa getroffen hat. Er iſt nach einem heißen und außerordentlich langen Sommer ſo raſch eingebrochen, daß er ſelbſt den Zugvögeln, welche doch ſonſt einen ganz beſonderen Inſtinkt ffir die Vorausſicht atmoſphäriſcher Veränderungen haben, uner⸗ wartet kam. In Frankreich hatten ſich viele Sch elben in Folge der milden Witterung und der Mengt von

Die Spange wird

Fliegen, welche ihnen zur Nahrung dienen, nicht dem großen Zuge angeſchloſſen, welcher im Oktober in ſüd⸗ Uc Gegenden auswanderte. Zu Orleans ſah man ſie in großer Menge bei einer Kälte von 6 Grad in den Straßen Jagd auf die ſpärlichen Inſekten machen, welche der Strenge der Jahreszeit widerſtanden hatten.

Verſchiedenes.

Die k. k. SchraubenkorvetteErzherzog Friedrich, Kommandant Korvettenkapitän v. Teget⸗ hoff(bekannt durch ſeine Reiſen in Afrika und die da⸗ ſelbſt ausgeſtandene Gefangenſchaft) hat vor einigen Tagen eine Reiſe nach der marokkaniſchen Küſte unter⸗ nommen, mit allen Bedürfniſſen für eine längere Kam⸗ pagne verſehen, ſogar mit einem Backofen, ſo daß die Mannſchaft ſtets friſches Brod zu ihrer Speiſung haben wird.⸗Wie man vermuthet, werden Seeleute geſcheiter⸗ ter öſterr. Kauffahrer in Marokko gefangen gehalten und die genannte Korvette ſoll deßhalb Nachforſchungen pfle⸗ gen. Die Gattin eines der Kapitäne jener Schiffe lebt in Trieſt und hat von dem Schickſal ihres Mannes ſchon mehrere Jahre keine Nachricht.

Die photografiſchen Abbildungen, welche im Auftrage des h. Miniſteriums des Innern von den Baſteien und Stadtthoren Wiens angefertigt wurden, werden in den Reichs⸗ und Gemeinde⸗Archiven aufbewahrt werden. Die Arbeiten waren der k. k. Hof⸗ und Staatsdruckerei übertragen, welche neue Inſtru⸗ mente mit ſiebenzölligem Objekte benützte. Die gewon⸗ nenen Bilder werden ſpäter auf photografiſchem Wege auch vervielfältigt werden.

In Haſtings(England) wurde angeblich am 3. v. M. ein Fiſch gefangen, wie er in Europa noch nie lebendig geſehen wurde. Er hält ſich ausſchließlich in den indiſchen Gewäſſern auf, wird aber auch dort nur äußerſt ſelten lebendig gefangen. In Indien nen⸗ nen ſie ihn den Polypen, mit dem er einige Aehnlich⸗ keit hat. An der ſpitzig zulaufenden Schnauze befinden ſich nämlich acht Arme oder Fühler, deren jeder unge⸗ fähr 200 Ausläufer zum Einfangen der Beute trägt. Außer dieſen befindet ſich auf dem Kopfe ein Behälter für eine tintenartige Flüſſigkeit, die das Thier ſeinen Verfolgern entgegenſpritzen kann. Das eben eingefan⸗ gene Exemplar mißt 7 Fuß in der Länge ſo näm⸗ lich erzählen engliſche Blätter.

Unterhaltendes.

In einem Hotel in der Leopoldſtadt haben neulich zwei Stammgäſte die Kunſt erfunden, wie es möglich iſt, Champagner zu trinken, den man vielleicht erſt nach einem Jahrtauſend oder gar nie zu zahlen braucht. Der Wirth in jenem Hotel iſt ein äußerſt charmanter Mann, der eine warme Freundſchaft und ein eiskaltes Bier für ſeine Gäſte hat und gern einen Spaß mit⸗ macht. Deshalb beſchloſſen zwei Gäſte, dem Wirth auf eine gute Weiſe eine Bouteille Champagner herauszu⸗ locken, welche ſie nichts koſten ſollte. Das große Werk wurde nun auf folgende Weiſe zu Stande gebracht: Die beiden Gäſte ſagten dem Wirth, daß ſie miteinan⸗ der eine Wette um eine Flaſche Champagner gemacht hätten. Natürlich müſſe ſonach derjenige von ihnen den Champagner zahlen, der die Wette verliere.Und was iſt das für eine Wette? fragte der Wirth.Das kön⸗ nen wir nicht verrathen, war die Antwort,darüber ſoll ein anderer entſcheiden.Und wer? Die Gäſte nannten nun den Namen eines anderen Herrn, der auch öfters in jenes Gaſthaus kommt. Dieſer ſollte bei nächſter Gelegenheit entſcheiden, wer die Wette ver⸗ loren habe. Im Vertrauen auf dieſen Schiedsrichter gab der Wirth die Flaſche Champagner her, ſie wurde

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