58 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Prager Sprechſtübchen.
„Die Herzen auf, die Taſchen auf! Geſchwinde, geſchwinde!“ Weihnachten ſind da, die trauten, lieben
Weihnachten; ſie klopfen mit grünem Tannenzweig all⸗ überall an die Fenſter und aller Kinder Augen warten
auf die geheimnißvolle Beſcheerung.
Wir haben unſer Feuilleton mit einer Neujahrs⸗ betrachtung eröffnet und jetzt kommen wir auf Weih⸗ nachten zurück, wie man ja, wenn man von der Hei⸗ mat ſcheidet, die Blicke noch aus der Ferne auf ſie zu⸗ rücklenkt. Es iſt zwar eine böſe Sache, wenn man die Zeit zurückzudrehen verſucht, allein zu Weihnachten möchte es wohl Jeder für ſeine Perſon ſo weit wün⸗ ſchen, daß er noch einmal all' den Kinderjubel theilen könkte. Doch da Geben ſeliger ſein ſoll denn Nehmen, friſch die Herzen auf, die Taſchen auf! Alle Läden und Schaufenſter ſcheinen in dieſer Woche zu rufen: Herz, was verlangſt du? Sucht man nun für einen Lieben eine Freude aus Bronze, Holz oder Leder, eine Ueber⸗ raſchung aus Tuch oder Seide, ein Angebinde von Auſtern und Weinflaſchen, oder will man mit einem
Werke des Konditors oder einem Werke des Buchhan-
dels eine Probe ſeines feinen, wähleriſchen Geſchmackes liefern, gedenkt man mit kleinen Nippſachen Jemanden ein großes Vergnügen zu bereiten oder mit Schätzen der Kunſt und des Reichthums ſich theuer zu machen: man findet alles in reicher Auswahl,„Diamanten und Perlen, alles was Menſchen⸗Begehr“.
Und wohl auch„die ſchönſten Augen“, um mit Heine fortzufahren. Doch Weihnachten ſind nicht ihre eigentliche Saiſon, dieſe tritt erſt im Faſching ein, wo am meiſten„in Blicken“ gemacht wird. Ich darf mich dieſes Börſenausdruckes wohl bedienen, denn die Blicke treiben ja auch eine Art Wechſelgeſchäft.
Wie große Ereigniſſe ihren Schatten vorauswer⸗
fen, ſo klingt bereits der Faſching in ahnungsvollen
Tönen an, noch lange bevor er mit klingendem Spiele ſeinen Einzug hält. Die Muſikproben beginnen bereits; der Tag oder vielmehr die Nacht für den Juriſtenball
iſt beſtimmt und auch die Techniker treffen ihre Vorbe⸗
reitungen, den Jüngern der Themis es gleich zu thun.
Der Winter iſt die Erntezeit der Leihbibliotheken; der Faſching kann für eine hierorts jüngſt errichtete Leihanſtalt von eigenthümlicher Art ein Erntefeſt, die Zeit der ſieben fetten Kühe werden. Dieſelbe leiht näm⸗ lich gegen ein tägliches Abonnement von 3 fl. jenes
Kleidungsſtück, das als eine Jacke mit verlängerten
Rückentheilen zum Behufe zweier Taſchen definirt, mit dem techniſchen Ausdrucke„Frack“ bezeichnet und als ein unumgängliches Bedürfniß in erhöhteren Lebens⸗ und Geſellſchaftsmomenten betrachtet wird. Es iſt die⸗ ſes Ausleihen zugleich eine Art Glücksſpiel, denn der je Siebente erhält für 3 fl. den Frack erb⸗ und eigen⸗ thümlich für ewige Zeiten. Ein aufliegendes Gedenk⸗ buch kontrolirt die Richtigkeit der Gebahrung. Zieht dieſe„Leihfrackothek“(sit venia verbo) vielleicht mit der Zeit auch andere Ausſtattungsſtücke in ihr Re⸗ pertoir, ſo könnte ſie ſich auch, wie eine hieſige Leih⸗
bibliothek, den hebenden Beiſatz:„Univerſal“ beilegen, denn vorderhand vertritt ſie nur eine Fraktion der Kleiderwelt.
Wenn für etwas eine Leihanſtalt am Platze wäre, ſo wäre es in dieſen Tagen des Schnupfens und der Katarrhe eine Sänger⸗ und Schauſpieler⸗Leihanſtalt für unſer Theater. Die Einflüſſe der Witterung zerſtö⸗ ren fortwährend das Repertoir, welches eben nur dazu ſein ſcheint, damit wir wiſſen, was wir alles haben könnten, aber nicht haben können.
Der ſtattliche Bau des Sommertheaters vor dem Roßthore naht immer mehr ſeiner Vollendung, wäh⸗ rend das Pulvermagazin in der Nähe abgebrochen wird. Mars und die Muſen waren von jeher nicht ſo gute Nachbarn wie Apoll und Bachus, und darum wird die neue Reſtauration beim Sommertheater gewiß ſo recht am Platze ſein; denn— Apoll und Bachus— wer A ſagt, ſagt meiſt auch B.
Wiener Briefe.
K. Cz. Die Vorbereitungen für die nahenden Weih⸗ nachtstage nehmen jetzt das meiſte Intereſſe in An⸗ ſpruch und verdunkeln augenblicklich Alles, was wohl ſonſt als beachtenswerth erſcheinen dürfte. Graben und Kohlmarkt haben ihr ſchönſtes Gewand angethan und wetteifern, ſich gegenſeitig an Glanz und Pracht ihrer Schaufenſter zu überbieten. Allenthalben putzen ſich die Kaufläden mit dem Allerſchönſten, was die eben ange⸗ brochene Saiſon brachte, die belebteſten Plätze der Stadt füllen ſich mit den alljährlich wiederkehrenden, immer⸗ grünen Gäſten, den lieblich duftenden Tannenbäumchen, und oft kann man bemerken, wie die fröhliche Schul⸗ jugend in dieſen hergezauberten Wäldchen ſich herum⸗ tummelnd ſchon einen Vorgeſchmack all' der Freuden verkoſten will, die vorläufig noch in dem geheimnißvoll dunklen Nadelholze verborgen ſchlummern. Unter den vielen, vielen Feſtgeſchenken, die uns allüberall aufſto⸗ ßen, müſſen wir eines originellen Einfalls einer hieſi⸗ gen Großweinhandlung erwähnen; dieſelbe hat nämlich ein kleines Sortiment der geſuchteſten Weine in nied⸗ lich gearbeiteten Kiſtchen vereinigt. Auf dieſe Weiſe findet der Käufer in dieſen Körbchen Alles, was zur reichlichen Beſetzung ſeiner Weihnachtstafel in Bezug auf geiſtige Getränke nur gewünſcht werden kann.— Recht feſtlich ſieht es gegenwärtig in allen Buchhand⸗ lungen unſerer Reſidenz aus; denn, obſchon dieſe Ge⸗ ſchäftsbranche ſonſt mit ſogenannten„Saiſons“ we⸗ nig oder gar nichts zu ſchaffen hat, ſo iſt's gerade die liebe Chriſtzeit, welche auch hier ihre gerngewährten Rechte verlangt. Da gibt es denn, wie alle Jahre, eine
übergroße Auswahl der verſchiedenartigſten Bücher für Jung und Alt, Klein und Groß, und das Gute unter denſelben findet bei den Käufern des nichtmateriellen Weihnachtsbedarfes vielfache Anerkennung; nur bemerkt man mit Bedauern, daß die Literatur dieſes Jahr noch ſehr wenig Neues geboten hat.— Unter dieſem geſchäf⸗
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