Heft 
(1859) 2 02
Seite
57
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Feuilleton.

Zum Jahreswechſel.

1859! Schon ſeit Monden haben uns Kalender und andere Bücher an den Anblick dieſer Zahl gewöhnt, die uns jetzt erſt im ſchriftlichen Verkehr federgerecht werden poll. Wohl Jeder, wenn er zum erſtenmal die neue Jahreszahl niederſchreibt, hält dabei einen Augen⸗ blick in Gedanken inne, als wollte er das Schickſal fragen, von welcher Bedeutung, ob Niete oder Gewinn, dieſe neue Nummer im. Hazardſpiele des Lebens ihm ſein werde.

Zwiſchen zwei Zahlen bewegt ſich das Leben: die eine ſteht auf dem Taufſcheine, die andere auf dem Grabſteine. Wird die erſte eingeſchrieben, wiſſen wir ebenſowenig davon, wie ſpäter, wenn man die letzte eingräbt. In den erſten Lebensjahren zählt man noch nicht mit, uns kümmern, wie die Pflanze, nur Jahres⸗ zeiten, nicht die Jahre; haben wir aber einmal auf dem erſten Schreibbuche mit zackigen Zügen Namen und Datum unterfertigt, dann zählen wir unter mancherlei Wandlung langſam eine Einheit nach der andern mit der Weltgeſchichte weiter, bis unſere kleine Reihe abbricht und eine fremde Hand mit einem den Abſchluß be⸗ zeichnet. Es iſt in der That ein ſinniges Spiel des Zufalls, daß der Tod und das Plus dieſelben Zeichen haben; es ſcheint das hinter einem Namen zu ſa⸗ gen, die Summe ſei noch nicht abgeſchloſſen, es ſolge noch ein Mehr.

1859! Wird die Weltgeſchichte dieſe Zahl als eine wichtige in ihre Annalen ſetzen? Wenn wir auf chronologiſchen Tabellen die Reihe der Jahreszahlen mit den angehängten Schlagwörtern, den Schlachten und Friedensſchlüſſen, den Umwälzungen und Entde⸗ ckungen überblicken und, je weiter wir in der Geſchichte unſeres Geſchlechtes zurückſteigen, die bezeichneten Zeit⸗ räume deſto größer werden ſehen, bis ſich zuletzt alle Zahlen in's Unbeſtimmte verlaufen: da überkommt uns

Erinne ungen. 1859.

bei dem Gedanken, daß einſt auch unſere Periode für ein Jahrtauſende ſpäteres Geſchlecht kaum mehr ſein werde, als was uns jetzt Indiens alte Geſchichte iſt, recht lebhaft das Gefühl der Geringfügigkeit alles menſchlichen Thuns und Schaffens. Hinterlaſſen ſelbſt ganze Völker von ihrem Leben nur flüchtige Spuren der Erinnerung, was iſt der Einzelne zu hoffen berech⸗ tigt, der gleich dem Tropfen im Strome vorüberrauſcht?

Und doch, wie ein noch ſo kleines fallendes Stein⸗ chen auf den ganzen Erdkörper ſeine Wirkung äußert, ſo wirkt auch jeder Einzelne durch das, was er leiſtet und anſtrebt, in unberechenbare Zeit weiter. Sind auch die Reſultate unbemerkbar, ſie ſind doch vorhanden. Kein ausgeſprochener Gedanke geht verloren, keine wa⸗ ckere That, auch wenn ſie ſcheitert, erfolglos in's Leere. In unaufhaltſamen Schwingungen und in der mannig⸗ faltigſten Wechſelbeziehung pflanzt ſich jeder Anſtoß im geiſtigen Leben weiter; jeder Einzelne arbeitet mit an der Hebung oder am Verfalle ſeiner Nation und ſteht durch ſeine Nation mit dem Geſammtleben unſeres Ge⸗ ſchlechtes im wirkſamen Zuſammenhange. Dieſes Gefühl der Geſammtheit hebt uns über den Schrecken der Ver⸗ gänglichkeit, welcher die einzelnen Werke des Menſchen zu unterliegen ſcheinen, und es ermuthigt uns, das Unß'ige getreulich zu thun, ob auch nicht augenſchein⸗ licher Erfolg es lohnt.

Nur wenig Genien der Menſchheit iſt es gegönnt, daß die nachhaltige Wirkung ihres Geſchaffenen durch Jahrhunderte auf die Quelle zurückweiſt, von der ſie ausging, wie ſich die Kreiſe im Waſſer, die ein fallen⸗ der Tropfen hervorruft, ſo weit ſie ſich ausbreiten, im⸗ mer auf dasſelbe Zentrum beziehen. Vor hundert Jah⸗ ren wurde unſer Friedrich Schiller geboren. Mit dem Namen dieſes Mannes, der voll ſittlicher Kraft, aller Ungunſt der Verhältniſſe zu Trotz, die heiligſten Inter⸗ eſſen der Menſchheit verfocht, ſollte jeder Dentſche zum

günſtigen Omen das Jahr 1859 begrüßen... 4 8 2 8