Heft 
(1859) 2 02
Seite
52
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52 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Fritz that es zögernd, indem er nicht ohne einigen Argwohn fragte:Wer ſind Sie, mein Herr, daß Sie über ſolche Summen verfügen können?

Ich heiße Stern, bin ein bemittelter Pri⸗ vatier und Kommerzienrath aus der Reſidenz und reiſe gegenwärtig zu meinem Vergnügen.

Aber, Herr Stern, Sie ſagten doch vor einigen Stunden, Sie wären ohne Geld und nah⸗ men mit ſichtlicher Freude eine Kleinigkeit von mir an, die bei dem Inhalte Ihrer Brieftaſche ganz verſchwindet?

Ich erzählte Ihnen doch auch, lieber Freund, daß ich durch einen räuberiſchen Anfall um meine Börſe gekommen ſei. Dieſer unangenehme Vorfall hatte mich nun in ſolche Furcht verſetzt, daß ich überall Räuber und Mörder witterte. Zudem wa⸗ ren mir die Dorf⸗ und Waldwirthshäuſer aus mei⸗ ner Romanlektüre von zu unheimlicher Seite bekannt geworden, als daß ich es hätte wagen können, durch das Vorzeigen eines werthvolleren Papiers böſe Gelüſte rege zu machen. Doch wir verſchwatzen da die koſtbare Zeit; bedenken Sie, daß Sie mit dem Schlage der zwölften Stunde Ihre Wette verlieren und darum laſſen Sie uns eilen.

Fritz folgte Herrn Stern wie im Traume. Hatte er doch bereits alle Hoffnung aufgegeben und ſich über ſeinen Leichtſinn in dieſer Angelegenheit, bei welcher ſelbſt Hannchen's Beſitz auf dem Spiele ſtand, die bitterſten Vorwürfe gemacht und jetzt war auf einanar ae e ſeinem Glücke gewendet. Das Erſte, was er that, wer daß er Hannchen mit einem lauten Freudenſchrei um den Hals fiel, denn ſie war von dem Vater zurück⸗ beordert worden, um einige Fäſſer Wein nach dem nahen Schachte verfrachten zu laſſen. Er ließ es ſich von ſeinem ſchnellgewonnenen Freunde, der fortwährend zur Eile drängte, nicht wehren, ihr dabei behilflich zu ſein. Es dauerte nicht lange, ſo fuhren alle drei auf dem weinbeladenen Wagen im Triumphe dem Kohlenwerke zu.

Daſelbſt entfaltete ſich ein vielbewegtes Bild vor ihren Augen. In bunten Gruppen zertheilt trieben ſich die neugierigen Dorfbewohner um den Schacht; die Alten berechneten denunbändigen Gewinn der künftigen Ausbeute und beneideten den überglücklichen Herrn Martin, das junge Volk aber tummelte ſich bereits wieder nach dem Takte der unermüdlichen Muſik. Die Dorfjungen hatten ein Feuer angemacht und unabſichtlich damit den künſtleriſchen Effekt einer doppelten Beleuchtung er⸗ zielt, da der Mond in ruhiger Klarheit über der lebendigen Szene ſtand.

Der Wagen mit den Fäſſern wurde mit Hal⸗ loh begrüßt. Als Fritz von demſelben ſprang, er⸗

tönte ein allgemeines Gelächter, in das ſelbſt Herr Martin aus voller Bruſt mit einſtimmte. Er hatte ſich bereits mit eigenen Augen in der Tiefe des Schachtes von der Mächtigkeit des aufgefun⸗

denen Lagers überzeugt; ſeine Freude kannte keine 9 3

Grenzen, ſelbſt ſein arg ſchmerzte ihn nicht mehr.

Guten Abend, Bruder Luftikus! rief er in ausgelaſſener Laune.Sie kommen gewiß, um Abſchied zu nehmen, denn in einer Stunde müſſen Sie ja Ihr Bündel ſchnallen. Nun, nun, Sie haben ja ein hübſches Reiſegeld, denn ich habe mit eigenen Ohren durch die Lucke gehört, daß Ihnen der Großbauer und der Mittelbauer zwei tauſend Gulden ſchenken wollen. Ich gratulire, Bruder Luftikus.

Euere Zeugenſchaft bei dieſem Verſprechen, entgegnete Fritz gelaſſen,kommt mir ganz gelegen, Herr Martin. Da auch mein Freund, Herr Ste rn, Kommerzienrath aus der Reſidenz, in der Lage iſt, mir dieſelbe zu leiſten, ſo werden wohl die beiden ge⸗ nannten Herren Groß⸗ und Mittelbauer nicht erſt Umſtände und Ausflüchte machen, mir die betreffende Summe auszuzahlen. Hier zeige ich im Angeſichte Aller die erforderlichen viertauſend Gulden und erkläre zugleich dieſes Kohlenbergwerk für mein Eigenthum.

Herr Martin und die beiden Bauern wa⸗ ren wie vom Schlage getroffen. Sie konnten an fangs kein Wort vor Schrecken hervorbringen, als ſie aber zu gleicher Zeit wieder die Sprache gewan⸗ nen, übertäubten ſie ſich gegenſeitig mit ihren Pro⸗ teſtationen.

Nun trat der Fremde hervor und mit jener zu⸗ verſichtlichen Weiſe, welche die Paragrafen des Ge⸗ ſetzss als Hilfstruppen ins Feld führt, ſchüchterte er durch die Androhung eines Prozeſſes alle drei der Art ein, daß ſie ſich, wenn auch grollend, willfährig dren,, Nerſprechen zu erfüllen.Das iſt die ge⸗ rechte Strafe, ſchloß er mit einem Pathos, deſſen ſonorer Ausdruck in den tiefern Tönen durch einen in der Nachtluft ſchnell entſtandenen Schnupfen viel gewann,das iſt die gerechte Strafe dafür, daß Ihr bei Eurem Stolze auf Eure ſtrotzenden Geldſäcke ein leichtfertig Spiel mit einem Manne zu treiben wagtet, der an Geiſt und Herz, an Bildung und Edelſinn ſo weit über Euch ſchwebt, wie, wie....

Wie ein Luftballon über einem Fuhrwagen, ſupplirte Fritz mit Geiſtesgegenwart den ſtockenden Redner. Und zu den beiden Bauern ſich wendend fuhr er fort:Um nun meinen geehrten Vorredner in Betreff des gerühmten Edelſinnes nicht Lügen zu ſtrafen, fühle ich mich zu folgender Erklärung veranlaßt: Ich übertrage hiemit die mir gebüh⸗ renden 4000 Gulden zu Gunſten der Röſe, deren Augen ſo neugierig hieher gerichtet ſind. So trägt nicht nur ihr lieber Vetter, der Mittelbauer, ſon⸗ dern auch ihr künftiger Schwiegervater, der Groß⸗ bauer Du brauchſt Dich nicht zu verſtecken, Chri⸗ ſtof zu dem anſehnlichen Heiratsgute bei, deſ⸗ ſen Mangel ſo lange zwei liebende Herzen getrennt hielt. Und nun, Herr Martin, noch ein Wort an Euch.

Schon gut, Herr Fink, unterbrach ihn dieſer,ich weiß ja im voraus, was Sie wollen.

hergenommenes Haupt

hi