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W. Ernſt: Bruder Luftikus und ſein Stern. 49
Liſt hatte mich gerettet. Mehr todt als lebendig gelange ich endlich aus dem Walde, aber ich ſchämte mich vor mir ſelber, als ich mich in mei⸗ ner vollſtändigen Deroute erblickte. Die Kleider zerfetzt und beſpritzt, die Glanzſtiefel geſprengt und den Hut, den Hut verloren! Ich wußte nicht, ſollte ich lachen oder weinen, als einige Kinder, die mit dürrem Holze aus dem Walde kamen, entſetzt vor mir die Flucht ergriffen, da ich ſie nach dem Wege fragen wollte. Nun begann von neuem eine Jagd, nur mit dem Unterſchiede, daß ich wieder zum Ver⸗ folger wurde; denn ich folgte den Kindern von der Ferne, um auf dieſe Weiſe doch zu menſchlichen Wohnungen zu gelangen. So bin ich endlich unter mancherlei Unfällen bis hieher gelangt, und zwar, wie ich ſagte, im Grunde doch nur durch einen Windſtoß.“
„In der That merkwikrdig!“ rief Fritz.„Man könnte eine zweite Odyſſee darüber ſchreiben und ich würde darin ganz die Rolle der Nauſikaa ſpie⸗ len. Doch da ſind wir bei meiner Wohnung.“
Die Beiden hielten vor einem beſcheidenen Häuschen und traten durch einen engen Hausflur in Fink'’ Stübchen, durch deſſen zwei grünum⸗ rankte Fenſter die Sonne ihre letzten Strahlen warf. Hannchen's Bild an der Wand gegenüber erglänzte ſo freundlich in denſelben, als lächelte das Wirthstöchterlein in eigener Perſon in Sonntags⸗ ſtimmung aus dem Rahmen.
Bereits erſcholl das zweite Trompetenſignal. Fritz verſah den Fremden ſchnell mit einer Kopf⸗ bedeckung und nachdem er ihm noch den vielbetre⸗ tenen Weg zum„Gerichte“ gezeigt hatte, eilte er haſtig den Weg zurück, den er eben gekommen war.
Das Birkengebüſch auf dem Hügel ſollte Herrn Fink neuerdings eine intereſſante Ueberraſchung be⸗ reiten. Als er nämlich jetzt zum zweitenmale leichten Fußes auf dem ſchmalen Pfade die Anhöhe erklomm, holte er ein Pärchen, das gleichfalls dem Niederdorfe zueilen mochte, auf eine ſolche Diſtanz ein, daß er deutlich das Geſpräch desſelben vernehmen konnte.
Es verhält ſich mit dem Horchen wie mit der Lektür frivoler Bücher; ertappt man Andere dabei, Jo ffühlt man ſich moraliſch entrüſtet, wird uns aber belbſt ungeſucht dazu Gelegenheit, ſo ſind die Bedenk⸗ richkeiten geringer. Fritz, der an den Stimmen alſo⸗ dileich ſeinen Nebenbuhler Chriſtof und Röſe, Aine arme Waiſe, die als Magd diente, erkannt hatte, impfte ſeine Schritte nach Möglichkeit, um nichts zu g6 ſerhören und nicht bemerkt zu werden. Er hatte ſch igſt ein zartes Geheimniß zwiſchen Chriſtof er d R öſe vermuthet; jetzt hoffte er es zu ergründen.
iem Nebenbuhler gegenüber macht man ſich nicht cen eicht ein Gewiſſen.—
Röſe weinte und ſchluchzte.„Ja, ja,“ klagte ſie, kann Alles, was Du mir verſprochen haſt, in den chfang ſchreiben.“
„So ſei doch bei Troſte, Röſe,“ erwiederte iſtof.„Die Hanne mag mich am Ende gar
Erinnerungen. 1859.
nicht, denn die hat ſicher den hergelaufenen Luftikus im Kopfe. Ich kann keck ſo thun, als ob ich ſie wollte!“
„Ja aber wenn Du ſo thuſt und ſie ſo thut, ſo thut's nicht gut; Chriſtof, mein Leben, wenn Du eine Andere nimmſt, ſo kannſt Du keck für mich den Todtengräber beſtellen.“
„Na, na, Röſe, mach's nicht ſo ängſtlich. Wenn nur Dein Vetter, der Mittelbauer, was für Dich thöte. Der Geizkragen, er hat doch ſelber keine Kinder. Höre, Röſe, unter tauſend Gulden geht's einmal nicht, die verlangt der Vater partu.“
„Ach Gott,“ ſchluchzte Röſe,„ich habe nichts als zwei Fäſſer Flachs und eine Webe Leinwand.“
Während der Pauſe, die zetzt entſtand, hatte Fritz Zeit auf Mittel zu ſinnen, wie er dem armen Mädchen helfen und zugleich einen Nebenbuhler los werden könnte.„Tauſend Gulden? Bagatelle! Sobald ich das Bergwerk habe, ſollen ſie glücklich werden.“
Er verlor ſich jetzt ernſtlich in Gedanken, bei wem er die 4000 Gulden für einige Stunden ent⸗ lehnen könnte. Es gab außer Herrn Martin nur noch drei reiche Leute im Dorfe, und das waren der Groß⸗, Mittel⸗ und Unterbauer. Mit allen dreien hatte er beim Weine freundfchaftlich verkehrt, alle drei hatte er porträtirt, alle drei hatten zu wiederholten Malen geäußert, daß ſie„große Stücke auf ihn hiel⸗ ten.“ Es konnte nicht fehlen, einer oder der andere mußte ihm dieſe kleine Gefälligkeit erweiſen.
Die Klänge eines Marſches, die vom nahen Niederdorfe herauftönten, beflügelten ſeine Schritte wie die des veraneilenden Paares. Nach wenigen Mi⸗ nuten hatten die Verſpäteten den Zug erreicht, der paarweis geordnet unter lautem Jauchzen ſich nach dem„Gerichte“ in Bewegung ſetzte. Vergebens ſah ſich Fritz nach Hannchen um; ſie war zu Hauſe geblieben und ſo hatte er ſeinen doppelten Weg um⸗ ſonſt gemacht und eine koſtbare Stunde Zeit für das große Werk dieſes Abends verloren.
Der Fremde war mittlerweile im„Gerichte“ eingekehrt und erlabte ſich mit ſichtlichem Appetite an einem frugalen Imbiß. Dieſe Beſchäftigung nahm ihn ſo in Anſpruch, daß er nur geringe Aufmerkſam⸗ keit für die Bauern übrig hatte, die ſich nach und nach um die langen Tiſche längs der Wände ihr Plätzchen ſuchten.
Auch unter den Bauern gibt es eine Ariſto⸗ kratie, die freilich nicht nach Ahnen, ſondern nach Jochen gemeſſen wird. Herr Martin ſenkte ſeine grüne Sammtkappe vor einem eintretenden Gaſte immer um ſo tiefer, über je mehr Ochſen der letz⸗ tere verfügen konnte. Als nun das ſtattliche Klee⸗ blatt: der Groß⸗, Mittel⸗ und Unterbauer in die Wirthsſtube trat, da hätte man das Käppchen ſehen ſollen, wie es in der Luft zu tanzen verſtand.
„Schön willkommen, meine Herren! Freut mich, daß Sie ſo frei ſind, mich zu beehren. Weg dort, Ihr kleinen Lümmel, vom Ehrentiſch, macht Platz für die Großen!“ Nachdem ſie der Wirth auf diefe Weiſe bis zu ihren Sitzen komplimentirt
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