42 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
hehlung ihres Geſchlechtes das Ehepaar Giuliani zu überzeugen, ſie ſei derjenige Sohn, welcher für den Militärſtand beſtimmt ſei und bei dem Oberarzt Haller untergebracht werden ſollte. Es gelang ihr auch ohne viele Mühe, die Giulianis, welche weit entfernt waren Verdacht zu ſchöpfen, zu über⸗ reden, ſie nicht zweckloſer Weiſe nach Wien mitzu⸗ nehmen, ſondern ſie lieber gleich auf der Durchreiſe in Neuſtadt zurückzulaſſen.
Geſagt, gethan! Als die kleine Reiſegeſellſchaft in Wiener⸗Neuſtadt angelangt war— es war am 16. Februar 1794— beeilte ſich Sekretär Giu⸗ liani, den jungen Franzesko dem biederen Oberarzte Haller als jenen angehenden Mars⸗ ſohn vorzuſtellen, der ihm ſowohl von dem Vater als von dem Wiener Freunde Scanagatta's auf das Wärmſte anempfohlen worden war. Hal⸗ ler, ſchon im vorhinein zu Gunſten ſeines neuen Hausgenoſſen und Schutzbefohlenen eingenommen, willigte ohne alle Bedenklichkeiten oder Zweifel darein, Franziska als Sohn des Don Giu⸗ ſeppe Scanagatta anzuerkennen und daher in Koſt und Wohnung zu nehmen, damit derſelbe die Lehrvorträge in der Akademie als Externiſt oder Frequentant beſuchen könne; ſeine Ueberzeugung, daß das ihm vorgeſtellte Individuum wirklich der ihm ſo warm anempfohlene junge Scanagatta ſei, war ſo groß, daß er mit rührender Güte Herrn Giuliani erklärte, er ſei es gerne zufrieden, wenn ſein neuer Hausgenoſſe nicht erſt nach Wien gehe, ſondern gleich in ſeinem Hauſe bleibe.
Alle Bemühungen Franziska's und des Doktors gingen nun dahin, von der Akademie⸗Di⸗ rektion, welche damals der unvergeßliche„Vater Kinsky“ führte, die Erlaubniß zu erwirken, daß ſie die Vorträge der Akademie beſuchen dürfe. Als ihr die Bewilligung hiezu ertheilt war, befleißigte ſie ſich, ihren Geiſt zu ſchärfen und die Fähigkeiten ihres Verſtandes zu entwickeln, um im Fleiße und in dem Auffaſſungs⸗Vermögen mit den zahlreichen Zöglingen jener Akademie gleichen Schritt halten zu können.
In kurzer Zeit hatte Franziska durch ihre
Liebenswürdigkeit die Freundſchaft des Herrn Hal⸗ ler, ſeiner Gattin und ſeiner zwei allerliebſten Töchter in ſolchem Grade gewonnen, daß ſie in dieſem glücklichen Familienkreiſe wie ein Kind des Hauſes angeſehen und gehalten wurde.
Ihre erſte Sorge war, ihren Vater von dem Vorgefallenen zu unterrichten; aber eben ſo vorſich⸗ tig als ſchlau wußte ſie ihren Brief derart abzu⸗ faſſen, daß Jedermann, der denſelben zu Geſicht bekommen mochte, überzeugt ſein mußte, es handle
ſich in demſelben um einen Franzesko, und nicht um eine Franziskaz; ſo konnte ſie ſich verſichert
halten, daß das auf dieſe kluge Weiſe nur ihrem Vater enthüllte Geheimniß von Niemand ſonſt in der Welt entdeckt würde.
Meine Leſerinen können ſich ſicherlich leichter
eine Vorſtellung von dem Eindrucke machen, den dieſe Nachricht auf Don Giuſeppe hervorbrachte, als meine ſchwache Feder das Erſtaunen, ja das
Entſetzen des guten Mannes beim Leſen des Brie⸗
fes ſeiner Franziska zu beſchreiben vermag. Der geängſtigte Vater glaubte nichts beſſeres thun zu können, als ſeine Reiſe möglichſt zu beſchleunigen, indem er hoffte, daß es ihm gelingen würde, ſeine Tochter aus den Mauern jener Militär⸗Akademie zu entführen, innerhalb welcher ihr, ſeiner beſchränk⸗ ten Anſicht nach, nur Verführung und Verderben drohen konnte. Er reiſte daher ohne Zögern nach Wiener⸗Neuſtadt ab. Daſelbſt angekommen ſchützte er überaus große Ermüdung und Mattigkeit vor und ließ ſeine Tochter in den Gaſthof kommen, wo er ihr mit ſtrengen Worten ſeinen unabänderlichen Entſchluß ankündigte, ſie mit ſich nach der Haupt⸗ ſtadt zu nehmen, um ſie zur Vollendung ihrer weiblichen Erziehung in das Kloſter zu bringen.
Aber das ſchlaue Mädchen hatte, wenn ſie auch ihre ſchöne Geſtalt in Männerkleidung gehüllt hatte, doch keineswegs die Erinnerung an die ſchrecklichen und unwiderſtehlichen Waffen verloren, mit welchen die Töchter Evens vorkommenden Falles Anord⸗ nungen, die ihnen mißfallen, mit großer Siegesge⸗ wißheit zu bekämpfen wiſſen; ſie ſtellte daher die ſüße⸗ ſten Liebkoſungen, die innigſten Bitten in's erſte Tref⸗ fen, und endlich, als dieſe nichts fruchteten und der ſtrenge Vater unerbittlich ſchien, da ſchickte ſie als ſchwere Geſchütz⸗Reſerve ſo heiße Thränen in's Feuer, ſie bat, ſeufzte und weinte ſo lange und bit⸗ terlich, daß der Vater, der ſie überaus liebte, end⸗ lich in das Zugeſtändniß willigte, die ſchon beſchloſ⸗ ſene Reiſe nach Wien ſo lange außzuſchieben, bis er eine Unterredung mit dem Oberarzte Haller ge⸗ habt hatte.
Am nächſten Morgen fand die gewünſchte Un⸗ terredung ſtatt. Man kann ſich leicht vorſtellen, in welcher Angſt das kriegeriſche Mädchen ſchwebte, die, und zwar mit vollem Rechte, vorausſah, daß von dieſer Beſprechung ihr künftiges Schickſal abhängen würde. Aber das Glück, welches über dieſer Zuſam⸗ menkunft und Franziska's kühnen Plänen freund⸗ lich waltete, fügte es, daß die Unterredung in latei⸗ niſcher Sprache ſtattfand, da Don Giuſeppe ebenſowenig deutſch, als der Doktor italieniſch ſprach.
Beide Herren hatten Mühe, ihre ziemlich ſpär⸗ lichen römiſchen Reminiscenzen zu ſammeln. Hal⸗ ler, der ſich noch mit mehr Grund als Fran⸗ ziska’ Vater auf den Cicero ſpielte, mochte ſich wundern, daß Don Giuſeppe, wenn er von ſei— nem Sohne ſprach, ſtets weibliche Ausgangsformen wählte, aber er ſchrieb dieſes Verſehen wahrſcheinlich einem Mangel an Uebung oder Kenntniß der latei⸗ niſchen Sprache zu, welche in jener Zeit ohnedieß
nur im Munde der Gelehrten geſucht wurde, und
ſchenkte daher dieſem Umſtande wenig oder gar keine Beachtung. Allmälig faßte das geängſtigte Mädchen Hoffnung, um ſo mehr, als Doktor Haller ihren


