Heft 
(1859) 2 02
Seite
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Methode bei, die Madame Dupuis anwmandte,(Pläne für ihre Zukunft, die Franziska's Abſich⸗

indem ſie Franzisken bald in der einen, bald in der anderen Sprache kleine franzöſiſche Theater⸗ ſtücke und Erzählungen, die dem Auffaſſungsvermö⸗ gen des Kindes entſprachen, herſagte und erklärte, und ſie dann nöthigte, dieſelben nach und nach zu wiederholen. Wer weiß, ob Franziska nicht in Folge dieſer vielen romantiſchen und außergewöhn⸗ lichen Bilder, die auf dieſe Weiſe ſich ihrem früh⸗ reifen Geiſte aufdrängten, unmerklich Vorliebe für den Kriegerſtand faßte und endlich den Grundſatz aufſtellte,das weibliche Geſchlecht könnte eben ſo gut als das männliche die Laufbahn der Ehre und der Wiſſenſchaften betreten, wenn es nur gleich die⸗ ſem dazu aufgemuntert und für dieſelbe vorbereitet und unterrichtet würde.

Sobald ihre feurige Einbildungskraft in den unermeßlichen Reichen der poetiſchen Schöpfun⸗ gen herumſchweifen konnte, und ſie blitzſchnell im Gedanken die Heldinen Europa's verfolgte, ergoß ſich eine edle Gluth bis in's Innerſte ihrer Seele, und ſie ſchwur es ſich zu, die Bande und Ketten, die bisher ihr zurückgeſetztes Geſchlecht auf einen ruhmloſen Wirkungskreis beſchränken, zu zerreißen und in die glänzenden Fußſtapfen jener leuchtenden Vorbilder zu treten, welche ihr unveränderlich vor Augen ſtanden.

Sie beneidete die Amazonen Bradamante und Klorinde und nahn ſich vor, es ihnen gleich zu thun. Ueberzeugt wie ſie war, daß nicht männ⸗ liche Kleider, ſondern ein männliches Herz allein zu hohen Unternehmungen befähige, verachtete ſie doch den Weiberrock, die Nadel und die Spindel, welche die Attribute des liebenswürdigeren Theiles des menſchlichen Geſchlechtes ſind und dieſen zu ſehr unkriegeriſchen Künſten verurtheilen. Schon in ihren Kinderjahren ſann Franziska darüber nach, wie ſie das über ihr Geſchlecht verhängte barba⸗ riſche Joch abſchütteln, den Degen umgürten, kühn durch Feld und Wald ziehen würde, wenn der elterliche Wille ſie vielleicht einmal zu dem Ein⸗ gehen eines verhaßten Ehebandes, das ſie ihren Plänen untreu machen könnte, nöthigen ſollte.

Franziska machte ſich indeſſen Wiſſenſchaf⸗ ten, wie man ſie nur die Knaben zu lehren pflegt, zu eigen. Um ihren von Natur aus etwas ſchwäch⸗ lichen Körper zu kräftigen, wurde ſie frühzeitig mit allen Leibesübungen vertraut gemacht. Es gab Augenblicke, wo ihr würdiger Vater ſagte:Die Natur hat ſich geirrt, als ſie aus meiner Fran⸗ ziska ein Mädchen machte. Um den Kontraſt in der Familie zu erhöhen, war Franziska's Bru⸗ der Giacomo ein faſt weiblicher Charakter. Schüch⸗

ternheit und Sanftmuth waren die Grundzüge ſei⸗

nes Weſens; Franzisken aber war er mit der rührendſten Zärtlichkeit zugethan, die ſie mit glei⸗ cher Innigkeit erwiederte.

Ihr Vater hegte inzwiſchen, die geheimen Vor⸗ der Hauptſtadt unſeres herrlichen Vaterlandes lang

ſätze ſeines Töchterchens nicht im entfernteſten ahnend,

ten ſchnurſtraks entgegengeſetzt waren, und ſchickte

ſich an, dieſelben in's Werk zu ſetzen. Da er der in jener Zeit faſt allgemeinen Anſicht huldigte, nur durch Kloſter⸗Erziehung würden gute Gattinen und ſorgſame Mütter gebildet, beabſichtigte er, ſeine Tochter den ſtrengen Disziplinen einer ſolchen zu unterwerfen, die wohl für Seelen, die den Betrach⸗ tungen zugeneigt ſind, und für Menſchen von mäßi⸗ gen Leidenſchaften heilſam iſt, aber den feurigen Temperamenten deſto mehr ſchadet, da dieſelben, während man ſie zu unterdrücken ſucht, an Inten⸗ ſität zunehmen und ihre Entwicklung ſich nicht ver⸗ hindern läßt. Wir können bei dem Gedanken nur zurückſchaudern, wie groß und bitter das Leidweſen des Mädchens geweſen ſein muß, als man ſie zur Einſamkeit eines Kloſterlebens verurtheilte, während ſie nur von Waffenthaten und Abenteuern im Wa⸗ chen und im Schlummer träumte; die Folge ſollte beweiſen, daß ſie ſich auch mitten in allen Aufre⸗ gungen des Kriegsgetümmels keuſch und rein zu erhalten wußte, ſo keuſch und rein, als dieſes nur immer unter der Strenge einer läſtigen und harten Klauſur hätte der Fall ſein können.

Im Alter von zehn Jahren wurde die kleine Scanagatta der Obhut derDame della vi- sitazione anvertraut, deren fromme Anſtalt heut⸗ zutage unter dem NamenKloſter der heiligen Soſia bekannt und noch immer eines der erſten Mädchen⸗Erziehungs⸗Inſtitute in ganz Italien iſt. Dieſes Kloſter wurde damals durch viele Beweiſe beſonderer Zufriedenheit des Kaiſers Joſef II. aus⸗ gezeichnet, obwohl dieſer Monarch bekanntlich kein beſonderer Freund der Klöſter im Allgemeinen war.

Franziska benahm ſich daſelbſt in einer Weiſe, welche ihr die Achtung und Liebe des gan⸗ zen Hauſes erwarb;denn nie gab ihr ſanfter, verträglicher und ruhiger Charakter Anlaß zu dem geringſten Streite oder zur Unzufriedenheit, es ſind dieß die eigenen Worte der ehrwürdigen Oberin Madame de Bayanne, die in Folge einer Einla⸗ dung des Kaiſers Joſef II. ihr Kloſter zu Grenoble verlaſſen hatte, um die Oberaufſicht über die Mäd⸗ chenerziehung in jenem zu Mailand zu übernehmen.

Als Don Giuſeppe im Jahre 1794 eine Reiſe nach Wiener⸗Neuſtadt unternehmen mußte, um einen ſeiner Söhne, den ſchon erwähnten Gia⸗ como, in der dortigen Militär⸗Akademie unter⸗ zubringen, in welcher er als Frequentant die Vor⸗ träge hören ſollte, beſchloß er auch ſeine Tochter Franziska, die indeſſen ſchon zur mannbaren Jungfrau herangewachſen war, mit ſich zu nehmen und ſie in das Kloſter der Saleſianerinen, das noch heute des beſten Rufes als Mädchen⸗Erzie⸗ hungs⸗Anſtalt genießt, nach Wien zu bringen, damit daſelbſt an ihre Ausbildung zu einer tüchtigen Haus⸗

frau die letzte Hand gelegt würde.

Damals war eine Reiſe von Mailand nach

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