Heft 
(1859) 2 02
Seite
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38 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

immer voran, bis er endlich das Zeichen zum Halt gab. Seiner Anordnung gemäß beſetzte ein Theil die beiden Zugänge, welche in den Felſenkeſſel führten, während die Andern die denſelben umge⸗ benden Felſen erſtiegen und beſetzten, damit den Feinden jede Möglichkeit der Flucht abgeſchnitten werde. Sie waren bisher vom Glücke begleitet geweſen, nichts hatte ſie verrathen. In dem Lager der Feinde herrſchte tiefe Ruhe. Die Sicherheit ihres Verſteckes hatte ſie die Vorſicht vernachläſſigen laſſen, Vedetten auszuſtellen, und Alle ſchliefen, um ſich für den den nächſten Tag beſtimmten An⸗ griff und Kampf zu ſtärken.

Noch einige Augenblicke und die getroffenen Anordnungen durch Winke und nicht durch Worte gegeben, wären ausgeführt geweſen, allein einer der die Felſen erſteigenden Jäger ſtrauchelte und ſein Gewehr entlud ſich beim Falle.

Die Spanier ſprangen unter dem Rufelos

enemigos, los Franceses von ihrem Ruhela-

ger auf, ergriffen ihre Gewehre und drängten ſich um ihren Anführer, der in der rechten Hand eine Piſtole haltend und mit der Linken ſeine zitternde Schweſter umfaſſend, in der Mitte des Felſen⸗ keſſels ſtand. Von allen Seiten her bedrohten ſie die in den erſten Strahlen der Morgenſonne blitzenden Gewehre der franzöſiſchen Scharſſchützen aus den beiden Ausgängen und von der Höhe der Felſenmauer.. Alonzo el Matador, ſo unerſchrocken und reich an Hilfsmitteln er ſich auch ſchon in manchem ver⸗ zweifelten Guerillas⸗Kampfe mit einer noch bedeuten⸗ deren Uebermacht erprobt hatte, ſah ſeine verzwei⸗ felte Lage ein, denn die Feinde hatten ihre Feuer⸗ waffe nur gegen ein gemeinſchaftliches Ziel zu richten, indem der Felſenkeſſel eng und nur durch

die beiden nicht ſehr weiten, von Franzoſen dicht

beſetzten Eingänge zu verlaſſen war, während ſeine Leute auf jeden einzelnen Franzoſen zielen mußten und nicht en masse gegen die Beſatzung der Aus⸗ gänge operiren konnten.

Als Kapitän Morello daher, ehe er den Befehl zum Angriffe und Feuern gab, den Aufruf erließ, ſich zu ergeben, ſchwieg Alonzo einen Au⸗ genblick, und in banger Erwartung der entſcheiden⸗ den Antwort, die für viele der jungen, kräftigen Geſtalten franzöſiſcher und ſpaniſcher Männer die Gruft eröffnen konnte, herrſchte tiefes Schweigen in

krächzender Krähen flog, während über denſelben noch ein rieſiger Adler mit ſeinen Schwingen die Wolken berührte.

Da zuckte ein bitteres Lächeln über die im Ingrimme zuſammengebiſſenen Lippen des Guerillas⸗ Anführers, ſein Auge flammte und die hohe Ge⸗ ſtalt reckte ſich, ſo daß er ſeine Leute um ſo mehr überragte. Sein linker Arm hob die Geſtalt eines Mädchens, das die Franzoſen noch nicht bemerkt

hatten, ſchwebend empor, indem er mit donnernder Stimme ausrief:Zielet gut, Ketzer, die Verräthe⸗ rin an Kirche und Vaterland hat den Tod ver⸗ dient! Die Franzoſen erkannten Jſabella; Mo⸗ rello zuerſt, und er wäre ohne weiters in die Mitte der Guerillas geſprungen, wenn ihn nicht zwei Soldaten mit Gewalt zurückgehalten hätten.

Wir wollen nicht die Empfindungen ſchildern, die in dieſer Lage das Herz des jungen Offiziers durchzogen, der ſo viele unter ſeinem Befehle ſte⸗ hende Feuerläufe auf ein Ziel gerichtet ſah, das ſeinem Herzen ſo lieb und theuer war. Was ſollte er beginnen? Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens hatte er den Entſchluß gefaßt, ſich in Unterhandlungen mit dem Feinde einzulaſſen. So geſchah es. Ohne die vortheilhafte Stellung ſeiner Mannſchaft im geringſten zu verändern, begehrte er mit dem Anführer der Guerillas zu reden. Es ge⸗ ſchah. Letzterer verſprach das junge Mädchen aus⸗ zuliefern, wenn ihm und ſeinen Leuten freier und ungehinderter Abzug bewilligt würde.

Morello ſah ſich zur Nachgiebigkeit gezwungen, wollte er nicht ſelbſt die Urſache des Todes ſeiner Geliebten ſein, die ſchweigend den Ausgang der für ſie verhängnißvollen Unterredung zwiſchen dem Bru⸗ der und dem Geliebten erwartete. Alle Bedingungen wurden feſtgeſetzt und angenommen.

Während die Franzoſen die Felſen ſo wie den einen Ausgang aus dem Felſenkeſſel beſetzt hielten, gaben ſie den andern frei. Die Spanier mit ihrem Hauptmann hatten es beſchworen, das Mädchen zurückzulaſſen und ſich ſofort in das Gebirge zu⸗ rückzuziehen.

Der Ausgang war nun frei; die Guerillas be⸗ gannen den Felſenkeſſel zu verlaſſen. Alonzo el Matador war der letzte; ſchon eilte Morello auf ſeine Geliebte zu, da ergreift Alonzo die Piſtole, ein Schuß dröhnt und Iſabella fällt von der Kugel des Bruders getroffen, der mit den WortenKetzer, ich verſprach die Schweſter zurückzulaſſen, aber nicht lebend! entſpringt.

Einige Augenblicke vergingen, ehe Morello, entſetzt über dieſe unvermuthete grauſenhafte That, zur Beſinnung kam. Die Zeit der Rache war da⸗ hin, Alonzo el Matador und die Guerillas waren auf Pfaden, ihnen allein bekannt, wie durch das Blendwerk eines Zauberers ihren Blicken entſchwun⸗

te, herrſcht chwe den. Vergeblich bemühte ſich Morello das Leben und außer dem Felſenkeſſel, über dem ein Schwarm

ſeiner Geliebten zurückzurufen. Sie war und blieb eine Leiche. Der Bruder hatte die Schwe⸗ ſter der Vaterlandsliebe und dem Franzoſenhaſſe ge⸗ opfert!