Sigismund Wallace: El Matador. 37
für immer von Morello getrennt ſei, hatte ihre Sinne abgeſtumpft und machte ſie theilnahmslos. Sie war das blinde Werkzeug eines unvermeidlichen Geſchickes geworden.
Als der Guerillas⸗Häuptling ſo den Rückweg in das Gebirge verfolgte, wurde er von dem in unſerer Erzählung erwähnten Korporale, der in der Gegend ſpionirte, bemerkt; dieſer, überraſcht von dem ſeltſamen Anblicke, der ſich ihm darbot, war ſchon im Begriffe den Nachtwandler anzurufen, als er eingedenk der Gefahren, die überall den vereinzel⸗ ten Franzoſen bedrohten, es vorzog zu ſchweigen, jedoch in der Vermuthung, daß er ein Geheimniß ergründen könnte, ſich raſch entſchloß, ungeſehen dem Spanier zu folgen. Die Verwegenheit ſeines Charakters, eine angeborne Vorliebe zu tollkühnen Abenteuern, ſo wie die Verachtung der Gefahren, deren er ſchon durch ſeinen Beruf, ſo wie durch einen längeren Aufenthalt in Spanien gewohnt war, ließen ihn vergeſſen, daß er ſich allein und ohne Schutz auf ein Terrain wagte, wo die geſchwornen mitleidsloſen Feinde der Napoleon'ſchen Soldaten hauſten. Immer unwegſamer und ſteiler wurde der Gebirgspfad, dichter das Geſtrüpp und wilder die Gegend. Bald ſchien ein Felſen jedes Vorwärts⸗ ſchreiten unmöglich zu machen, bald ſtürzte ſchäu⸗ mend und hemmend ein brauſender Waldbach von Felſen zu Felſen, aber für den Spanier, der ſeine Bürde tragend rüſtig vorwärts ſchritt, ſchien kein Hinderniß vorhanden zu ſein, und der franzöſiſche Sol⸗ dat kroch mehr auf Händen und Füßen nach, als er ihm folgte. Wie oft wäre bald ein rollender Stein zum Verräther geworden! Einigemal hatte der Spa⸗ nier auch vorſichtig und Verdacht ſchöpfend um ſich geſchaut, aber ein glückliches Ungefähr ließ den Ver⸗ folger unentdeckt.
Schon hatten ſie mehr als eine Stunde das Gebirge erklommen, als ſich ein Felſenkeſſel, einer der von der Natur gebildeten Verſtecke für das Ver⸗ brechen und dunkle Thaten, zeigte. Da ertönte das „Wer da!“ einer ſpaniſchen Schildwache. Der Trä⸗ ger des jungen Mädchens erwiederte die dem Fran⸗ zoſen unverſtändliche Parole, und er wurde von vielen Stimmen willkommen geheißen. Der Korporal hatte im Tumult der Freude, welche die Rückkehr des Häuptlings hervorzurufen ſchien, es gewagt näher zu kriechen und einen Blick in das Lager der Gue⸗ rillas zu werfen, denn er wußte nun, wen er vor ſich hatte. Fünfzig bis ſechzig kriegeriſche Geſtalten lagen auf ausgebreiteten Mänteln auf dem harten Felſenbette, das durch einige brennende Kienholzfak⸗ keln beleuchtet wurde. Einige ſchliefen, andere rauch⸗ ten ihre Cigarretten und wieder andere verzehrten ein ſpätes Nachtmal, das aus großen Zwiebeln oder Knoblauch beſtand. Ihre Geſichter waren ſonnver⸗ brannt, Bart und Haare gaben ihnen ein wildes An⸗
Sombreros(Hüte) und die wilden Blicke der dunk⸗ len Augen erhöht wurde. Neben ihnen lagen ihre langen Gewehre; Piſtolen und Meſſer ſteckten in ihren Gürteln.
Dem Franzoſen wurde es doch unheimlich in der Nähe dieſer zahlreichen Geſellen, deren jeder für ihn ein Henker geworden wäre, wenn ſie ihn ent⸗ deckt hätten. Er wandte ihnen ſchleunigſt den Rük⸗ ken und trat geräuſchlos den Rückweg an, ſich ſei⸗ nem guten Sterne überlaſſend, der ihn aus der Ge⸗ fahr glücklich in das Dorf zu ſeinen Kameraden führen würde.—
Er hatte ſich nicht getäuſcht. Das Glück, wel⸗ ches ſo oft den Muthigen und Unerſchrockenen be⸗ gleitet, verließ ihn auch jetzt nicht, und auf faſt wun⸗ derbare Weiſe fand er den Weg hinunter in das Thal, auf dem er hinauf in das Gebirge geſtiegen war. Mit Bedacht und feſt entſchloſſen, ſeinen Hauptmann ſogleich bei ſeiner Ankunft von dem Geſehenen in Kenntniß zu ſetzen, ſchnitt er auf ſei⸗ nem Rückwege mit ſeinem Taſchenmeſſer Zeichen in die Baumſtämme, damit dieſe als Wegweiſer dienen
könnten.— Er erreichte glücklich das Dorf und eilte
ſogleich zu dem Kommandanten. Dieſer ließ, nach⸗ dem er von allem in Kenntniß geſetzt war, in der Stille die Hälfte ſeiner Mannſchaft rüſten und ver⸗ ſammeln und trat mit derſelben, ohne daß die noch ſchlafenden Dorfbewohner, unter denen mehr als ein Warner und Verräther geweſen wäre, es gewahrten, den Marſch in das Gebirge an, um die Guerillas zu überraſchen und Mann für Mann ohne Blut⸗ vergießen gefangen zu nehmen, da ſie gewiß in der Sicherheit ihres Verſteckes noch ſchlummern würden.
Die Zurüſtungen zu dem nächtlichen Marſche in die Sierra und zu dem Ueberfall waren mit einer ſolchen Raſchheit getroffen worden, da Offiziere wie Mannſchaft vor Begierde brannten, endlich einmal wieder an einer Guerillas⸗Bande ſo viele erlittene Unbilden zu rächen, daß der Korporal unterwegs erſt Muße fand, den Kapitän von allen Eigenthümlich⸗ keiten des Schlupfwinkels der Feinde zu unterrichten. Wenige Augenblicke hatten genügt, dem ebenſo tüch⸗ tigen Soldaten im Felde, wie luſtigen Bruder bei der Weinflaſche einen ſtrategiſchen Plan einzugeben, durch deſſen Ausführung er mit ſeinen Kameraden die keine Gefahr ahnenden Feinde wie in einer Falle ohne Blutvergießen zu fangen hoffte.
Auch hatte er dem Kapitän erzählt, daß der Guerilla, welchem er begegnet, wahrſcheinlich der An⸗ führer ſei, und daß derſelbe auf ſeinen Armen ein junges Mädchen getragen, deſſen Geſichtszüge er nicht hätte unterſcheiden können.
Morello hatte keine Ahnung davon, daß er in der Mitte der Feinde das Mädchen finden würde, welches er ſo heiß und innig liebte, und noch weni⸗ ger dachte er daran, daß er bald dem Bruder ſeiner Geliebten feindlich gegenüber ſtehen würde.
Geräuſchlos und vorſichtig erklommen die
ſehen, das noch durch die großen breiträndigen franzöſiſchen Jäger das Gebirge, der Korporal


