36 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
„Was will el Matador hier, wo die verhaßten Feinde ihr Zelt aufgeſchlagen haben?“
„Mittel und Wege finden, ſie zu überfallen und zu vertilgen.“
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Kinder unſeres blutenden Vaterlandes?“
„Eine Stunde von hier in einem ſichern Ver⸗ ſtecke, meines Winkes harrend, um mit Dolch und Schwert auf die Gottesläſterer und Kirchenſchänder ſich zu ſtürzen und ihre Seelen in die Hölle zu ſenden!“
„Der Feinde ſind viele, und ſie laſſen es nicht an Wachſamkeit fehlen!“
„Mit uns iſt der Himmel und die Heiligen ſtärken unſeren Arm!“
„Wohl wahr, mein Sohn, doch Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit!“
„Morgen, hochwürdiger Vater, iſt noch Jahr⸗ markt. Die Gelegenheit iſt günſtig. Ich werde mich mit meinen Leuten unter die Schaar der Kaufluſti⸗ gen miſchen; laſſet Männer und Frauen ſich heim⸗ lich mit Meſſern verſehen; auf ein von mir gege⸗ benes Zeichen ſtürzen wir uns auf die Feinde und kein einziger ſoll dem Blutbade entgehen!— Doch nun vor allen Dingen ſagt mir, was macht meine Schweſter?“
„Deine Schweſter?“ wiederholte kopfſchüttelnd der Prieſter.
„Um aller Heiligen willen, ſagt was iſt mit ihr!“
Statt dem Fragenden eine Antwort zu geben, legte der Prieſter die Hand auf den Mund, zum Zeichen, daß Alonzo el Matador, der Guerillas⸗ Anführer ſchweigen ſollte. Beide ſtanden einige Au⸗ genblicke ruhig und lauſchten, der Greis hatte ſich nicht geirrt. Schritte und leiſes Geflüſter zweier Redenden wurden hörbar, die immer näher kamen. Der Prieſter erfaßte den Guerilla am Arm und zog ihn raſch in einen Verſteck, von wo aus ſie den ganzen Kirchhof überblicken konnten.
Arm in Arm wandelte ein franzöſiſcher Krie⸗ ger mit einem ſpaniſchen Mädchen. Als ſie der Guerilla erblickte, murmelten ſeine Lippen einen Fluch über die Verrätherin, und ſeine Hand griff nach dem Meſſer im Gürtel.
Mit bebenden Lippen frug er ſeinen Begleiter, da er die Züge des Mädchens nichtserkennen konnte: „Wer iſt die Pflichtvergeſſene?“
„Iſabella, Deine Schweſter!“ lautete die Antwort des Gefragten.
In demſelben Augenblicke kniete der Franzoſe auf einem Grabeshügel nieder, ergriff die beiden Hände der Spanierin und ſprach mit vollem Tone der Jugend und der männlichen Kraft, dem die Innigkeit ſeiner Gefühle einen unverkennbaren Aus⸗ druck der Zärtlichkeit und Wahrheit verlieh:„Hier auf dem Grabe Deiner Mutter beſchwöre ich Dich, laß, Mädchen, den Kampf der Völker nicht zwiſchen Dein und mein Lebensglück eine Scheidewand auf⸗
Wo iſt Deine Bande, wo ſind die tapfern
richten!— Jenſeits den Pyrenäen ſoll Dir eine neue Heimat werden, dorthin entfliehe, und harre mein, bis das Geſchick mir es vergönnt Dir zu folgen und Dich mein Weib zu nennen!“
Iſabella, denn ſie war es, zog den Kapitän von dem Erdboden auf; ihr Mund flüſterte leiſe: „Ich will thun, wie Du verlangſt!“ und Morello umſchloß ſie mit ſeinen Armen, ihr die Worte von dem Munde küſſend.
Bei dieſem Anblick ſtand Alonzo wie von einer Viper geſtochen, ſeine Bruſt hob ſich unter heftigen Athemzügen, er ballte die Fauſt und er würde wie eine Tigerkatze auf ihre Beute, auf den Franzoſen, den Geliebten ſeiner Schweſter geſprungen ſein und ihn erdolcht haben, wenn ihn der Prieſter nicht daran gehindert hätte, indem er ihm zuraunte:„Keine Uebereilung, morgen ſchlägt die Stunde der Rache, wenn die Feinde ſich in unſerem feurigen Wein be⸗ rauſcht haben und ſich der Freude des Tanzes mit unſeren Mädchen hingeben!“— Mittlerweile hatten ſich die Liebenden, ohne die Zeugen bemerkt zu haben, entfernt. Padre Joſé und der Matador verabredeten das Weitere für den nächſten Tag, und ſie waren eben im Begriffe ſich zu trennen, als ſie zu ihrem Erſtaunen Iſabella allein auf dem Schauplatz wieder erſcheinen ſahen.
Schüchtern wie ein aufgeſcheuchtes Reh, und dennoch muthig wandelte das junge Mädchen zwi⸗ ſchen den Gräbern und eilte dem Madonnenbilde zu, das in der Nähe des Verſteckes ihres Bruders ſtand. Dort kniete ſie nieder. Raſch wie der Pfeil, der von der Hand des Schützen entſendet wird, ſprang nun Alonzo auf die Schweſter zu, ergriff ſie mit beiden Armen und eilte, die leichte Bürde davontragend, dem Gebirge zu.
Der Prieſter ſtreckte ſeine Hand ſegnend aus und rief:„Bravo, Matador! ſichere das verirrte Schaf vor den Verfolgungen des Wolfes!“
Die verſchiedenartigſten Gefühle hatten in der letzten Zeit eine ſolche Wirkung auf das junge Mäd⸗ chen in dem Streite zwiſchen Liebe und Pflicht aus⸗ Zeübt, daß ihr Gemüthszuſtand ein mehr als auf⸗ geregter war. In dem Bedürfniſſe einer Seelen⸗ ſtärkung war ſie, weder die ſchweigende Nacht noch die Schrecken der Gräber fürchtend, allein auf den Friedhof zurückgekehrt, um beim Bilde der Madonna den entflohenen Seelenfrieden zurück zu erflehen. Als ſie die zürnenden Blicke des Bruders auf ſich ruhen fühlte, ſchloß ſie die Augen, ihn feſt mit den Armen umſchließend, und das Geſchehene als eine vom Him⸗ mel geſandte Entſcheidung betrachtend, verſuchte ſie es nicht, durch einen Laut der Stimme einen Ret⸗ ter herbeizurufen.
Alonzo ließ in der Schnelligkeit ſeiner Schritte nicht nach, bis ihn das Gebirge mit ſeinem aufſtei⸗ genden engen und ſteinigten Pfade zwang, behutſa⸗ mer und langſamer zu wandeln. Aber nichtsdeſto⸗ weniger ſchwieg er, und auch Iſabella beharrte in ihrem Schweigen. Die Gewißheit, daß ſie nun


